Minderheiten in Europa

Rassismus im Fußball: Die Illusion ethnisch homogener Teams

Rassismus im Fußball: Die Illusion ethnisch homogener Teams

Rassismus im Fußball: Die Illusion ethnisch homogener Teams

Hatto Schmidt/Dolomiten
Bozen
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WM-Finale am 4. Juli 1954: Es läuft die 86. Minute im Wankdorfstadion in Bern. Mit letzter Kraft wirft sich Ferenc Puskás (vorne rechts) in die Kopfballvorlage von Sándor Kocsis und erzielt das vermeintliche 3:3; der deutsche Verteidiger Werner Liebrich kann nicht mehr eingreifen. Der englische Schiedsrichter William Ling (Bildmitte) erkennt den Treffer aber nicht an: „Abseits“, hatte Linienrichter Mervyn Griffiths angezeigt. Im Vordergrund links Kocsis, Bildmitte rechts neben dem Schiedsrichter: Jupp Posipal. Foto: Comet Photo AG (Zürich)/Dolomiten

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Fußballfans beleidigen Spieler der eigenen Nationalmannschaft rassistisch. Steckt dahinter der Wunsch nach der Zeit, als deutsche Fußballer noch „echte Deutsche“ waren? Diese Frage stellt sich Hatto Schmidt, Redakteur der deutschsprachigen Zeitung „Dolomiten“ in Italien und zieht einen Vergleich zur WM 1954.

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Englische Fans buhen die eigenen Spieler aus, weil diese mit einem Kniefall gegen Rassismus protestieren; italienische Fans pöbeln Mario Balotelli mit Affenlauten in offen rassistischer Art an; der seinerzeitige Vize-Chef der rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD), Alexander Gauland tönt, „die Leute finden ihn als Fußballer gut. Aber sie wollen einen Jerôme Boateng nicht als Nachbarn haben“: Fußball mag die schönste Nebensache der Welt sein, aber allzu oft schießen die Fans weit über das Ziel hinaus beim Anfeuern ihrer Mannschaft.

Es ist zu befürchten, dass dies jetzt bei der WM in Katar nicht anders sein wird, die am 20. November mit dem Spiel des Gastgebers gegen Ecuador im Al-Bayt-Stadion in Al Khor begonnen hat. Was steckt hinter dieser Ablehnung sogar der eigenen Spieler, die oft in offenen Rassismus und gar Hass und Gewalt ausartet? Es ist immer dasselbe: Die Hautfarbe ist vielleicht eine andere, die Religion womöglich auch, die Muttersprache sowieso, und die Vorfahren mancher Spieler stammen aus einem Land, das weit weg liegt. Das alles ist zwar kein Grund für derartiges Verhalten, offenbar flößt aber der Fremde, das Andersartige vielen Menschen große Furcht ein. Und in manchem Fan schlummert wohl auch eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als etwa deutsche Nationalspieler noch Fritz und Ottmar Walter hießen und ihre Vorfahren in der Pfalz viele Generationen zurückverfolgen konnten.

Aber trifft das denn zu? Waren die Spieler, die 1954 das „Wunder von Bern“ schafften, wirklich allesamt „richtige Deutsche“ mit einer urdeutschen Ahnenliste? Und wie schaut es mit den Ungarn aus, dem Gegner in diesem legendären Endspiel? Ein Blick auf die Aufstellungen und die Hintergründe der Spieler lohnt sich.

Puskás’ Sager und die Folge

„Sag deinem Liebrich, er kann machen, was er will; ich spiele ihm den Ball so oft durch die Beine, wie ich Lust habe“: Das soll am 20. Juni 1954 in der Halbzeitpause des Vorrundenspiels Ungarns gegen Deutschland der legendäre „Major“, Ferenc Puskás, gesagt haben, der Spielgestalter und Kapitän der als unschlagbar geltenden ungarischen „Goldenen Elf“, die bis zum Endspiel in Bern in vier Jahren von 32 Pflichtspielen kein einziges verloren hatte.

Auch dieses Spiel am 20. Juni 1954 gegen die deutsche Mannschaft gewannen die Ungarn, sogar hoch, mit 8:3; es war jenes Vorrundenspiel, in dem Bundestrainer Jupp Herberger seine Asse schonte und lieber ein Entscheidungsspiel zum Weiterkommen in Kauf nahm, als alles auf eine Karte zu setzen.

Wer ist richtiger Deutscher, wer ein rechter Ungar?

Ob der Spruch so gesagt wurde, ist nicht gesichert. Puskás jedenfalls war erzürnt, weil der deutsche Verteidiger Werner Liebrich immer wieder hart gegen ihn eingestiegen war, in der zweiten Halbzeit – als der höhnische Spruch bei Liebrich bereits angekommen war – so hart, dass Puskás – der von seinen Mitspielern auch „Svab“ (Schwabe) genannt wurde – am Ende wegen einer Knöchelverletzung ausfiel und erst im Finale am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion wieder auflaufen konnte.

Überbringer von Puskás’ Botschaft an Liebrich war der deutsche Verteidiger Jupp Posipal. Die Verständigung zwischen ihm und Puskás war wohl nur deshalb möglich, weil Posipal aus Lugosch im rumänischen Teil des ehemals ungarischen Banats stammte und daher Ungarisch sprach.

Zwei Donauschwaben – einer spielt für Ungarn, der andere für Deutschland

Um mit Puskás’ Vater reden zu können, hätte Posipal wohl keine Ungarisch-Kenntnisse gebraucht, denn der war Donauschwabe und sprach eine ähnliche Mundart wie Posipal. Die Familie hieß ursprünglich Purczeld. Die Mutter des kleinen Franz, der bald Puskás heißen sollte, und die Kinder sollen kein Deutsch mehr gesprochen haben.

So spielte also ein Fußballer mit donauschwäbischen Wurzeln auf ungarischer Seite, der andere auf deutscher. Sie waren aber nicht die einzigen auf dem Rasen des Wankdorfstadions.

Sándor Kocsis: Eine bessere Tor-Quote als Gerd Müller

Sándor Kocsis war wohl einer der besten, wenn nicht der beste Stürmer seiner Zeit: Er traf in 68 Länderspielen 75 Mal für Ungarn. Zur Einordnung: Gerd Müller traf in 62 Spielen mit der deutschen Nationalmannschaft 68 Mal. Auch Kocsis war donauschwäbischer Abstammung: Er wurde 1929 als Alexander Wagner in Budapest geboren, und auch seine Eltern stammten aus dem heute rumänischen Teil des Banats. Wie nicht wenige andere Minderheitenangehörige im Ungarn der Madjarisierung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte wohl auch die Familie Wagner den Weg der freiwilligen Assimilierung gewählt; oft waren damit beruflicher und gesellschaftlicher Aufstieg verbunden.

Aus dem rumänischen Teil des Banats stammte auch der dritte des unvergessenen Stürmer-Trios: Nándor Hidegkuti, der aber als Ferdinand Kaltenbrunner in Budapest auf die Welt gekommen war, wohin seine Eltern ausgewandert waren. Und Trainer der „Goldenen Elf“ war Trainer Gusztáv Sebes, der 1906 als Gusztáv Scharenpeck in Budapest auf die Welt gekommen war.

Kroatische Vorfahren dürfte Ersatzspieler Pál Varhidi gehabt haben, dessen Familiennamen ursprünglich Vinkovics lautete.

Das dürfte auch für einen später in Deutschland als Trainer weit um bekannt gewordenen Abwehrspieler der Ungarn zutreffen: Gyula Loránt hieß mit Familiennamen Lipovics, als er 1923 in Köszeg (deutsch Güns, kroatisch Kiseg) im Burgenland nahe der Grenze zu Österreich auf die Welt kam. Sein fußballerischer Weg als Trainer führte ihn durch halb Europa, so zum 1. FC Kaiserslautern, zu Eintracht Frankfurt und zum FC Bayern München.

Der polnische Einschlag im deutschen Team

Nicht nur auf ungarischer Seite gab es aber bunte Elemente, solche waren auch im Team der Spieler mit den schwarz-weißen Dressen und dem Adler auf der Brust zu finden.

Der Donauschwabe Posipal war 1943 als 16-Jähriger aus seiner Heimat im Banat nach Deutschland geschickt worden, um in einer Rüstungsfabrik zu arbeiten. Nach Kriegsende schrieb ihm seine Mutter aus Rumänien, er solle in Deutschland bleiben, weil die Deutschen in Rumänien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. So konnte ihr Sohn knapp 10 Jahre später Weltmeister werden.

Auf Sepp Herbergers Ersatzbank saßen Fritz Laband (1925 in Hindenburg/Zabrze in Oberschlesien geboren) und Richard Hermann, der ebenfalls aus Oberschlesien stammte, und zwar aus Kattowitz/Katowice.

Einen Migrationshintergrund hatte auch Torwart Toni Turek, der vom vor Begeisterung fast überschnappenden Radioreporter Herbert Zimmermann „Fußballgott“ tituliert wurde: Seine Eltern stammten aus der Gegend um Dolenga östlich von Krakau im heutigen Polen; der Vater arbeitete ab 1914 am Hochofen in Krupp-Werken im Ruhrgebiet.

Die Vorfahren von Ersatztorwart Heinrich Kwiatkowski dürften ebenfalls zu den „Ruhrpolen“ gehört haben, die im 19. Jahrhundert auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet kamen. Der bedauernswerte Torhüter kam nur in einem einzigen Spiel bei der WM 1954 zum Einsatz: beim 3:8 gegen die Ungarn in der Vorrunde.

Viele weitere Spieler mit polnischen Namen haben sich im Laufe der Jahrzehnte in der deutschen Nationalmannschaft verewigt, man denke nur an Hans Tilkowski, Timo Konietzka, Ernst Kuzorra, Reinhard „Stan“ Libuda und Lukas Podolski.

Diese Biografien der Spieler beider Mannschaften zeigen eines: Ob man zu einer Mehrheit oder einer Minderheit gehört, ist oft die Folge der Ziehung oder Veränderung von Grenzen oder von einer lang zurückliegenden Migration von Gruppen von Menschen, die eine neue, bessere Heimat suchten. Wäre es also nicht besser, die Frage nach der Herkunft, der Religion und der Sprache beiseitezulassen und die Spieler ausschließlich nach ihrem Einsatz für die Mannschaft ihres Heimatlandes zu beurteilen?

Weitere Informationen über die „Dolomiten“ gibt es unter www.dolomiten.it.

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