Spuren durch die Hauptstadt

Per Rad – und mit Musik – zum Ballerup Boulevard

Per Rad – und mit Musik – zum Ballerup Boulevard

Per Rad – und mit Musik – zum Ballerup Boulevard

Kopenhagen
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Poetisches am Ballerup Boulevard? Komm mit und lass dich überraschen. Foto: Walter Turnowsky

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Diesmal begeben wir uns bei unserer Spurensuche in Kopenhagen in eine Ecke, an der Touristinnen und Touristen bestenfalls im Auto vorbeisausen. Unterwegs entdecken wir unterschiedliche Stadtviertel der Hauptstadt, eine Wehranlage und eine Straße, deren Name sowohl ein Song- als auch ein Filmtitel ist. 

Ballerup Boulevard: Eine lange, lange Straße, auf der dichter Verkehr vorbeifließt. Das klingt zunächst nicht nach einer naheliegenden Idee für einen Ausflug.

Der Anlass, weshalb wir hierher fahren, ist ein Song der kürzlich verstorbenen Musikerin Elisabeth Gjerluff Nielsen, der den Straßennamen als Titel hat und aus dem die oben stehenden Zeilen (frei übersetzt) stammen. Konnte sie hier im Verkehrslärm ein wenig Poesie entdecken, gelingt es uns vielleicht auch.

Was erwartet uns wohl am Ballerup Boulevard? Foto: Walter Turnowsky

Doch sind wir unserer Spurensuche weit voraus, denn noch sind wir ja gar nicht hier, sondern in der Kopenhagener Innenstadt, und zwar am Kongens Nytorv. Den Weihnachtsmarkt umfahren wir mit unserem Rad in möglichst weitem Bogen, denn so etwas finden wir südlich der Grenze in authentischeren Ausgaben.

Kongens Nytorv: Es glückt, ein Foto mit möglichst wenig Weihnachtsmarkt zu knipsen. Foto: Walter Turnowsky

Dafür gibt es hier etwas, das für unser Vorhaben ganz hervorragend geeignet ist. Ein sogenannter „Superradweg“ beginnt hier (oder endet, wenn man aus der anderen Richtung kommt). Die Superradwege sollen für Pendlerinnen und Pendler das Rad zu einer attraktiven Alternative zum Auto machen.

Der Superradweg bei Herlev Foto: Walter Turnowsky

Um ein schnelles Vorankommen zu gewährleisten, sind die Ampeln so geschaltet, dass Radfahrerinnen und Radfahrer nach Möglichkeit grüne Welle haben (wobei selbstverständlich nicht alle gleich schnell fahren). Fußstützen an den Kreuzungen gewährleisten möglichst komfortables und schnelles Anfahren. Der Straßenbelag ist von hoher Qualität.

Fußstützen für bequemes und schnelles Vorankommen Foto: Walter Turnowsky

Tipp: Ausflugsmöglichkeit Superradwege

Möchtest du bei einem Kopenhagen-Besuch eine Radtour in die Umgebung machen, sind die Superradwege eine gute Möglichkeit, um schnell ans Ziel zu gelangen. Mittlerweile gibt es mehr als 60 Routen mit einer Gesamtlänge von über 850 Kilometern. Insgesamt 31 Kommunen in der Hauptstadt und drumherum sind dabei. Auf der Homepage supercykelstier.dk kannst du stöbern und dir eine Route aussuchen. Diese Radwege sind nicht unbedingt die schönsten (da gibt es andere), aber man kommt zügig von A nach B.

Und das Konzept geht auf: Der Radverkehr auf den Strecken ist zwischen 30 und 50 Prozent gestiegen – bis zur Hälfte der neuen Radlerinnen und Radler sind vom Auto umgestiegen. Obwohl wir heute nicht pendeln, sondern einen Ausflug machen wollen, nutzen wir doch einfach die guten Radwege und wählen die Route Richtung Frederikssund. So weit müssen wir zum Glück nicht, denn das wären über 40 Kilometer – wir begnügen uns mit ungefähr 15. Wir rollen auf die Gothersgade hinaus und dann über die Nørrebrogade durch Nørrebro, das wir bereits kennen.

Das erste Stück des Superradweges geht entlang Kongens Have, wo unter anderem die Kaserne der Leibgarde liegt. Foto: Walter Turnowsky

An der Nørrebro Station unterqueren wir die S-Bahn und gelangen nach „Nordvest“ oder einfach NV. Die Nørrebrogade wird zum Frederikssundsvej. Für das ungeübte Auge mag der Unterschied zu Nørrebro nicht sehr groß sein; wer die beiden Viertel als eins sieht, wird jedoch sowohl die Nørrebroer als auch die NV'ler beleidigen.

Nørrebro Station: Das Tor nach „Nordvest“ – wie man sieht, ist ein Kindersitz für Kopenhagener Radelnde kein Hindernis, bei Rot rüberzuhuschen. Foto: Walter Turnowsky

Ein Stück den Hügel hinauf gelangen wir zum Bellahøj Svømmestadion. Es ist seit 2009 das Elitezentrum der dänischen Schwimmunion: Rikke Møller Pedersen, Lotte Friis und Victor Bromer haben hier für ihre Medaillen trainiert. Hobbyschwimmerinnen und -schwimmer dürfen jedoch auch im 50-Meter-Becken ihre Bahnen ziehen.

Das Elitezentrum der dänischen Ruderinnen und Ruderer Foto: Walter Turnowsky

Gleich daneben: Dänemarks älteste Hochhäuser, die Bellahøjhuse. Sie sind unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nach Inspiration des französischen Architekten Le Corbusier gebaut. Besonders die Wohnungen in den oberen Etagen zählen wegen ihres Blickes über die Stadt zu den gefragtesten gemeinnützigen Kopenhagens. Der Zahn der Zeit hat jedoch an den bewahrungswürdigen Bauten genagt, sie müssen renoviert werden.

Die ältesten Hochhäuser des Landes auf Bellahøj Foto: Walter Turnowsky

Nach Bellahøj wandelt sich das Stadtbild: Die typischen Häuserblocks der inneren Stadtviertel weichen einer offeneren Bauweise. Wir kommen nach Brønshøj. Die Häuser am Frederikssundsvej sind noch Wohnungsbauten, drehen wir jedoch kurz rechts oder links rein, entdecken wir Einfamilienhäuser und Villen. Brønshøj ist eine gefragte Wohngegend für Familien mit Kindern.

Villen und Einfamilienhäuser prägen Brønshøj. Foto: Walter Turnowsky

Geschäfte jeglicher Art säumen den Frederikssundsvej, und einige Kreuzungen weiter kommen wir nach Husum, das dem gleichnamigen Ort an der Westküste in so gut wie keinem Punkt ähnelt. Wo genau die Grenze zwischen den beiden Vierteln verläuft, ist nicht so leicht zu erkennen. Häufig treten die beiden Viertel auch mit Bindestrich auf. Irgendwann löst der Husum Glarmester jedoch den Brønshøj Kebab ab, und spätestens wenn wir das Schild „Husum Torv“ entdecken, ist die Sache klar.

Husum Torv Foto: Walter Turnowsky

Bald schon kommen wir an den Vestvold, eine in den Jahren 1888 bis 1892 erbaute Wehranlage. Sie ist 14 Kilometer lang und sollte Angriffe auf Kopenhagen aus dem Westen abwehren. Der Vestvold galt bis zum Bau der Brücke über den Großen Belt als größtes Bauprojekt Dänemarks.

Wehranlage Vestvolden Foto: Walter Turnowsky

Er besteht aus Schanzen, Wehrgräben, Magazinen und unterirdischen Gängen. Bereits 1920 hatte er jedoch seine militärische Bedeutung verloren und wurde als Verteidigungsanlage aufgegeben.

Der Wehrgraben ist heute ein wertvolles Biotop. Foto: Walter Turnowsky

Man kann den gesamten Wall entlang spazieren oder radeln, aber das heben wir uns für ein anderes Mal auf. Wir biegen jedoch kurz rechts rein, finden eine Bank und lassen ein wenig Ruhe einkehren.

Elisabeth

Elisabeth Gjerluff Nielsen wurde am 16. August 1957 in Skjern in Westjütland geboren.

Ihre musikalische Karriere begann sie nach dem Umzug nach Kopenhagen mit der Band Voxpop von 1980 bis 1983.

1984 veröffentlichte sie ihr erstes Soloalbum Elisabeth. Es folgten Lystens Ø und Sotto Voce sowie sieben weitere. Das 2017 erschienene Rettidig ømhed sollte ihr letztes Rock/Pop-Album werden. Sie schrieb auch Songs für andere Sängerinnen; am bekanntesten davon ist „Mandags-stævnemøde“ für Ray Dee Ohh.

Parallel hat sie neun Alben mit Kinderliedern sowie Kinderbücher herausgegeben.

Ihre Tochter Barbara Gjerluff Nyholm ist Radiomoderatorin, die andere Tochter Rosa Gjerluff Nyholm produziert Kinderprogramme für „DR“.

Ihre Brüder Jens G. Nielsen und Peter A. G. Nielsen gründeten 1966 die Band Gnags.

Elisabeth Gjerluff Nielsen starb am 24. Oktober 2022 nach kurzer Krankheit im Alter von 65 Jahren.

Zeit für eine kleine Pause mit Musik Foto: Walter Turnowsky

Während wir das bunte Herbstlaub genießen, stimmen wir uns schon einmal ein wenig auf Elisabeth ein. Zur Jahreszeit passend, wählen wir „Regnmørkeland“: „Efterår og jeg snakker højt med mig selv og mit hjerte, som er ude at svømme“. Nachdem wir die etwas melancholische Herbststimmung genossen haben, ziehen wir weiter.

Vestvolden im herbstlichen Gewand Foto: Walter Turnowsky

Wir überqueren den Vestvold und verlassen damit die Kommune Kopenhagen und gelangen nach Herlev, eine typische Vorstadt. Bereits unmittelbar nach dem Krieg arbeiteten weit über die Hälfte der dortigen Steuerzahlerinnen und -zahler in Kopenhagen. Kurz darauf wurde das ehemalige Dorf an das S-Bahn-Netz angeschlossen, und danach ging die Entwicklung schnell, denn in Kopenhagen herrschte Wohnungsnot. Gemeinnützige Wohnungsbauten schossen in die Höhe, aber auch Häuschen fanden hier Platz.

Die Devise der Nachkriegsjahre: Weg vom Pflasterstrand und raus ins eigene Häuschen in Herlev. Foto: Walter Turnowsky

Unter dem Autobahnring 3 durch kommen wir zum Big, einem der größten Einkaufszentren Dänemarks, das 2015 öffnete. Wir werden jedoch nicht ausgerechnet dann, wenn wir mit dem Rad unterwegs sind, auf Großshopping gehen, und der Architektur wegen brauchen wir es nicht zu besuchen.

Shoppingzentrum Big Foto: Walter Turnowsky

Allmählich wird der Frederiksundsvej breiter, und wir merken, hier wurde seinerzeit fürs Auto geplant. Es ist an diesem Tag ein wenig nebelig, warum also beim Streamingdienst nicht Tågedage“ wählen, während wir weiter in die Pedale treten: „Durch das Land, an dunstigen Tagen. Der Horizont hängt nebelblau“ (Übersetzung des „Nordschleswigers“).

Wir kommen in die Kommune Ballerup und dort zunächst in den Ort Skovlunde. In Einfamilienhäusern haben Pendlerinnen und Pendler ein Zuhause gefunden.

Skovlunde Foto: Walter Turnowsky

Wir erreichen Ballerup und sehen linker Hand das Fabrikgelände des Pharmariesen Leo. 1908 gegründet, hat die Firma, damals als Løvens Kemiske Fabrikker, die Produktion in den Jahren 1949 bis 1959 von Kopenhagen an den jetzigen Standort verlegt. Seit den 80er-Jahren hat sie sich zu einem weltweiten Konzern entwickelt.

Leo Pharma hat erst kürzlich um eine neue Produktionshalle erweitert. Foto: Walter Turnowsky

Auch rechter Hand liegt ein Gewerbegebiet; ein Grundstück wäre noch zu haben. Dahinter Nets, der Betreiber von Dankort und MitID. Am Ende des Betriebsgeländes von Leo biegen wir vom Superradweg ab und fahren den Malmpark hinunter. Schließlich wollen wir ja zum Ballerup Boulevard.

Firmenhauptsitz gefällig? Hier ist noch etwas zu haben. Nächster Nachbar ist die Dankort-Firma Nets. Foto: Walter Turnowsky

Wie eingangs vermutet: Verkehr gibt es auf der vierspurigen Straße selbst mitten am Tag nicht zu knapp. Eine Tankstelle und ein Restaurant „Zur goldenen Möwe“ mit dem geschwungen M passen ebenfalls ins Bild. Lang und gerade ist der Boulevard auch.

Ballerup Boulevard mit McDonalds und Tankstelle Foto: Walter Turnowsky

Doch wie steht es um die Suche nach ein wenig Idylle? Vielleicht etwas überraschend, brauchen wir da gar nicht lange zu suchen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite säumt ein kleines Wäldchen den Boulevard. In einer Schneise: eine Bank mit Rücken zur Straße und Blick auf ein offenes Gelände.

Eine Bank zum Ausruhen ... Foto: Walter Turnowsky
... und der Blick von der Bank aus. Foto: Walter Turnowsky

Hier sitzend, könnte man fast meinen, wir wären mitten in der Natur, wäre da nicht der Verkehrslärm im Hintergrund. Doch auch dafür haben wir ja eine Lösung: Kopfhörer rein und den Song am Handy aufgelegt, der uns hierhergeführt hat:

Ballerup Boulevard

Lang, lang gade, tung trafik trækker forbi

Lang, lang gade, langt mellem huse med mennesker i.

Alle ved, det er det samme vi vil

Lidt kærlighed, som vi lyver og stjæler os til.

For hvem vil ikke gerne hænge som en stjerne

Skinne klart

Og rummet, universet, Jorden, Europa, Danmark

Ballerup Boulevard

Ballerup Boulevard

Elisabeth Gjerluff Nielsen (1984)

Und während wir so dasitzen, entdecken wir, dass das Naturgebiet von den Ortsansässigen eifrig genutzt wird: Hier eine Spaziergängerin, dort ein Jogger und da hinten ein Hund, der sein Frauchen Gassi führt.

Das Gebiet ist bei Einheimischen beliebt. Foto: Walter Turnowsky

Film: 80er-Nostalgie anschauen

Du kannst den Film „Ballerup Boulevard“ für den erschwinglichen Betrag von 29 Kronen streamen.

Wie auf dem Cover-Foto unschwer zu erkennen ist, wird er dich in die Stimmung der 80er-Jahre zurückversetzen.

Linda Wendel führte Regie. Die Hauptrolle als Pinky spielte Stine Bierlich; in weiteren Rollen sind Helle Herz, Allan Olsen, Morten Grunwald und Ole Ernst zu sehen.

Der Song „Ballerup Boulevard“ ist übrigens für den gleichnamigen Jugendfilm geschrieben. In dem geht es weniger um die Straße als um die Band der 14-jährigen Protagonistin Pinky, die, du hast es erraten, „Ballerup Boulevard“ heißt. Als ihre Familienverhältnisse zerrüttet werden, findet sie gemeinsam mit einer Freundin Trost in der Band. Bei einem Fest am Gymnasium werden sie mit ihrem Song „E66 – Trans-Europa-Express“ die Stars des Abends, was allerdings nicht heißen will, dass der Film eindeutig glücklich endet.

Lang, lang gade ... Foto: Walter Turnowsky
... langt mellem huse med mennesker i. Foto: Walter Turnowsky

Und nach dieser Dosis dänischer Populärkultur aus den 80er-Jahren begeben wir uns den besagten Boulevard entlang. Wir kommen an der Ballerup Superarena vorbei, in der das Kopenhagener Sechs-Tage-Rennen stattfindet. Wir rollen in gemächlicherem Tempo Richtung Ballerups Stadtzentrum und in Richtung S-Bahn, die wir für die Rückfahrt in die Kopenhagener City nehmen werden.

Ballerup Superarena Foto: Walter Turnowsky

An der S-Bahn-Station sehen wir zwei Mädchen, die fast Enkelinnen von Pinky und ihrer Freundin sein könnten.

Wir haben unterwegs drei Songs von Elisabeth gehört. Solltest du für die ganze Tour Musik benötigen oder die Fahrt einfach vom Sofa aus mitmachen wollen, habe ich dir eine Playlist zusammengestellt, die du hier finden kannst:

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