Traurige Bilanz

134 tote Schweinswale in Schleswig-Holstein

134 tote Schweinswale in Schleswig-Holstein

134 tote Schweinswale in Schleswig-Holstein

Frank Jung/shz.de
Kiel/Berlin
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Der „kleine Tümmler“ lebt in den Gewässern vor Los Angeles, Nordafrika, Mallorca – und auch Flensburgs und Nordschleswigs. Foto: W. Rolfes/Nabu

Das Jahr 2018 markiert die zweithöchste Zahl von Schweinswal-Totfunden in der Ostsee seit der Jahrtausendwende.

An der deutschen Ostseeküste ist 2018 die zweithöchste Zahl toter Schweinswale seit der Jahrtausendwende verzeichnet worden. Das hat die Bundesregierung jetzt auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke mitgeteilt.

Die Zahl der Kadaver belief sich demnach im vergangenen Jahr auf 203 – 134 davon in Schleswig-Holstein und 69 in Mecklenburg-Vorpommern.

Nur 2016 hatte es mit 221 verendeten Ostsee-Schweinswalen in beiden Ländern eine noch alarmierendere Summe gegeben. 2017 war die Zahl auf 154 abgesackt.

Häufigste Todesursachen: Beifang, Unterwasserlärm und Schadstoffbelastungen

„Schweinswale in der Ostsee sind weiterhin vom Aussterben bedroht“, resümiert Lemke. „Schutzgebiete stehen bisher nur auf dem Papier.“ Es gebe in diesen Zonen weder für den Fischfang noch für die Industrie Regeln. Nach den Plänen der Bundesregierung solle die „für die Schweinswale so tödliche Stellnetzfischerei“ selbst in Schutzgebieten flächendeckend erlaubt bleiben, entnimmt die Parlamentarierin der Ministeriums-Antwort.

Schweinswal auf Roter Liste

Die Internationale Kommission zum Schutz der Natur (IUCN) stuft den Ostseeschweinswal als Subpopulation auf ihrer Roten Liste als besonders schützenswert und mit circa 500 verbleibenden Tieren, als vom Aussterben bedroht, ein.
Seit dem Millenniums-Anbruch summieren sich die toten Schweinswale in der deutschen Ostsee auf 1956. In der Nordsee waren es sogar 2733. Im Nordsee-Wert sind Angaben für 2018 mangels Auswertung noch nicht mal enthalten.

Tendenziell verlief die Entwicklung in den allerletzten Jahren an der Ostsee schlechter als an der Nordsee. Unter Berufung auf eine Studie des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund gibt die Bundesregierung an, dass gut die Hälfte der gestorbenen Meeressäuger Beifang der Fischerei sei. Daneben nennt das Bundesumweltministerium hohe Schadstoffbelastungen der Meere und Unterwasserlärm als Störfaktoren für die Meeressäuger.

Akustische Warngeräte sollen Wale schützen

Benjamin Schmöde, Vize des Landesfischereiverbands, verweist auf eine freiwillige Selbstverpflichtung seines Berufsstands zum Schutz von Schweinswalen mit dem Kieler Umweltministerium seit 2013: „Daran sieht man, dass wir das Thema erkannt haben und unseren Beitrag leisten.“

80 Prozent aller Stellnetzfischer nehmen an dem Abkommen teil. Eine Folge ist, dass Fischer ihre Netze in der Kalbungszeit kürzen. Neuester Baustein der Selbstverpflichtung ist seit 2017, dass die Netze – finanziert vom Land – mit akustischen Warngeräten ausgestattet werden. Diese imitieren die Warnlaute der Wale. Das soll die Tiere anregen, ihre Echoortung zu intensivieren und Stellnetzen auszuweichen.

Erfolgreiche Nutzung der Warngeräte umstritten

„Wenn die Warngeräte einen Nutzen hätten, müsste sich das doch in den Zahlen zu den Totfunden widerspiegeln“, moniert die Schweinswal-Expertin des Nabu-Landesverbands, Dagmar Struß. „Es darf vermutet werden, dass die Freiwillige Selbstverpflichtung nicht zu einer Reduzierung des Beifangs geführt hat.“

Ihre Zweifel gründet Struß zudem auf eine neue Studie vor Island. Diese lege nahe, dass die Warngeräte insbesondere männliche Schweinswale sogar anzögen. „Fakt ist, dass die Wissenschaft zu wenig über diese Signaltechnik weiß, um sie bewerten zu können“, meint Struß. „Ohne Nullnutzungszonen wird das Tier nicht zu schützen sein“, fordert sie. Zugleich müsse zu Gunsten der Fischerei mehr Geld in die Erforschung alternativer Fangmethoden fließen.

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