Projekt der Hospizarbeit

Digitale Sterbebegleitung: „Keiner soll allein sterben“

Digitale Sterbebegleitung: „Keiner soll allein sterben“

Digitale Sterbebegleitung: „Keiner soll allein sterben“

Kay Müller/shz.de
Kiel
Zuletzt aktualisiert um:
Jeder zehnte Mensch in Deutschland stirbt allein. Foto: Felix Kästle/dpa

In Schleswig-Holstein wird in einem bundesweiten Pilotprojekt Sterbebegleitung digital.

Es ist ein Thema, das Marret Bohn kennt. „Ich war drei Jahre alt als es mein Großvater im Sterben lag“, sagt die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion, die auf Föhr aufgewachsen sind. „Meine Mutter stand auf der Straße und wollte den Rettungswagen einweisen – der aber nie kam.“ Denn damals habe es noch keinen Rettungsdienst auf der Insel gegeben. „Irgendwann kam ein Arzt zu meinem Opa“, erzählt Bohn. „Der hat nur gesagt: ,Der ist tot‘.“

Heute sagt die 56-jährige Grünen-Politikerin: „Vielleicht war das auch ein Grund dafür, warum ich Ärztin geworden bin.“ Das Thema Sterben hat sie dabei nicht in Ruhe gelassen – und auch nicht das Schicksal derjenigen, die allein sterben müssen.

Sterbenotruf bietet rund um die Uhr Hilfe

Laut einer Studie der Körber-Stiftung wollen drei Viertel der Menschen in ihren letzten Stunden nicht allein sein. „Laut der Studie stirbt aber jeder Zehnte genau so – das sind in Deutschland jedes Jahr über 90.000 Menschen“, sagt der Hamburger Unternehmer Tim Komischke, der die Inititative Sterbenotruf ins Leben gerufen hat, mit der Sterbende und Trauernde kostenlos telefonisch oder digital begleitet werden sollen. Über den Notruf sollen ausgebildete Begleiter auch akut und rund um die Uhr Hilfe bieten. „Denn auch wenn eine Familie eine Diagnose kennt: Der Tod kommt dann doch meist plötzlich.“

Setzt sich für den Sterbenotruf ein: Marret Bohn. Foto: Privat

Laut Bohn ist der der Sterbenotruf ein bundesweites Pilotprojekt. Das wird jetzt von der Landesregierung mit 50.000 Euro gefördert, damit Komischke einem Ziel näher kommt. „Keiner soll alleine sterben müssen.“

Die Idee dahinter ist, dass die Sterbebegleitung, die in Schleswig-Holstein vor allem die rund 2000 Ehrenamtlichen im Netzwerk des Hospiz- und Palliativverbandes leisten, digitaler wird.

Wir wollen die Versorgung nicht ausbremsen oder bestehende Angebote verdrängen, sondern ergänzen.

Tim Komischke

„Wir begrüßen grundsätzlich jedes Angebot, das die Versorgung der Menschen ausweitet“, sagt der Vorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes Schleswig-Holstein, Roland Repp, der mit Komischke und dem Sozialministerium im Gespräch ist. „Das Angebot muss allerdings ins jetzige Gefüge passen und etablierte Strukturen stützen“, so Repp weiter.

Durch die Corona-Pandemie bestehe aber auch akuter Handlungsbedarf, meint Komischke. Denn nun werde noch deutlicher: „Weil niemand zu den Menschen kommt, sterben die in Isolation.“ Pflegepersonal habe oft nicht die Zeit, sich genug um die Sterbenden zu kümmern. Und auch Hinterbliebene seien mit ihrer Trauer oft allein. Deswegen will Komischke neue Wege beschreiten.

Beratung per Video

Eine, die schon auf allen analogen und digitalen Kanälen die Menschen begleitet, ist Cornelia Theiß. „Ich hatte erst mächtig Bammel, ob das gehen kann“, sagt die 58-Jährige. Seit 2016 ist die Apothekerin ehrenamtliche Sterbebegleiterin und hat jetzt erstmals per Video einer jungen Frau bei der Bearbeitung des Todes ihrer Mutter geholfen. „Das ging besser als ich dachte.“

Die Begleiter führten die Trauernden in eine Welt, die ihnen Kraft gebe, sagt Komischke. „Das geht auch digital, wenn man erst mal die Scheu vor dem Medium verloren hat.“ Die verfliege aber im Gespräch schnell. Komischke erzählt von einem Fall, in dem eine Sterbebegleiterin wegen der Pandemie nicht zu ihrer kranken und dementen Mutter konnte. „Aber das Pflegepersonal konnte der Mutter einen getragenen Pullover und ein großes Foto der Tochter sowie ein Smartphone bringen. So hatte die Mutter zumindest das Gefühl, dass ihre Tochter ihr nah ist – auch wenn das physisch nicht ging.“

Komischke hat viele Ideen, wie die Menschen am Ende noch kommunizieren können, sei es per Tablet, Touch-Pad oder anderen Endgeräten – und er denkt schon über Kooperationen nach, um Sterbenden welche zur Verfügung zu stellen, die so etwas nicht haben. Möglichst schon im Sommer will Komischke den Sterbenotruf in Schleswig-Holstein starten. „Ich kann mir das auch in anderen Regionen vorstellen“, sagt er. Denn die Begleiter können ja von überall mit Sterbenden und Trauernden in Kontakt treten.

Und die Digitalisierung biete viele Perspektiven, auch um den richtigen Sterbebegleiter zu finden, meint Marret Bohn. „Wenn etwa ein junger Mensch, der sich für Fußball interessiert, auch einen Sterbebegleiter findet, der ein ähnliches Alter und ähnliche Interessen hat, wäre das doch schön.“ Und vor allem könnten alte Menschen, die vielleicht keine Angehörigen mehr haben, in ihrer letzten Stunde jemanden an ihrer Seite haben – und wären nicht so allein wie ihr Großvater für über 50 Jahren.

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