Befreiung

Der Krieg dauerte auf Bornholm ein Jahr länger

Der Krieg dauerte auf Bornholm ein Jahr länger

Der Krieg dauerte auf Bornholm ein Jahr länger

Nexø
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Am 7. und 8. Mai 1945 warfen sowjetische Flugzeuge Bomben über Bornholm ab. Foto: Johannes Hammer/Ritzau Scanpix

Auf Bornholm wurde die deutsche Besetzung am Ende des Zweiten Weltkriegs durch eine russische abgelöst. Daher können die Bornholmer erst am Montag, 5. April, das Jubiläum zum 75. Jahrestag der Befreiung feiern.

In einigen Straßenzügen von Nexø auf Bornholm stehen lauter fast gleich aussehende Holzhäuschen. Etliche von ihnen sind liebevoll gepflegt und renoviert. Gemütlich wirkt es hier.

Doch in Wahrheit erzählen die Häuschen eine sehr dramatische Geschichte. Es ist die Geschichte darüber, dass auf Bornholm Bomben fielen, während das übrige Dänemark die Befreiung feierte.

Als von London aus über das Radio am Abend des 4. Mai 1945 bekannt gegeben wurde, dass die deutschen Truppen in Dänemark sich Feldmarschall Bernard Montgomery ergeben hatten, feierten auch die Bornholmer mit. Doch die britischen Truppen tauchten nicht auf der Ostseeinsel auf.

Bombenangriffe

Stattdessen kamen am 7. Mai ohne Vorwarnung sowjetische Kampfgeschwader über die Ostsee. Sie warfen Bomben über Rønne und Nexø ab. Zehn Bornholmer und eine unbekannte Anzahl deutscher Soldaten verloren ihr Leben.

Am kommenden Tag gingen die Bombardements weiter. Die beiden Städte waren nun evakuiert worden, und so wurden weniger Menschen verletzt. Doch jeweils 3.000 Menschen in Nexø und Rønne verloren ihr Zuhause.

Die bunten Häuschen in Nexø berichten von einem etwas vergessenen Kapitel der dänischen Geschichte. Foto: Walter Turnowsky

Am 9. Mai landeten fünf sowjetische Torpedoboote mit 100 Mann Besatzung auf Bornholm. Die Insel war nun nicht mehr deutsch, sondern russisch besetzt.

Bornholm zentral für deutsche Evakuierung

Um zu verstehen, wie es dazu kam, müssen wir ein paar Monate weiter zurückblicken. Während die sowjetischen Truppen immer weiter nach Westen vorstießen, wurden Millionen von Deutschen in die Flucht gejagt. Am 23. Januar leitete Deutschland das Unternehmen „Hannibal“ ein. Zivilisten und Soldaten von der Ostfront sollten über die Ostsee evakuiert werden.

Auf einmal bekam Bornholm aufgrund seiner vorgeschobenen Lage eine zentrale Bedeutung. Das Gewässer zwischen der Insel und Deutschland musste um fast jeden Preis unter deutscher Kontrolle bleiben, um die Evakuierung zu gewährleisten.

Hitlers Nachfolger als Reichskanzler, Karl Dönitz, beorderte den neuen Kommandanten Bornholms, Gerhard von Kamptz, die Häfen von Rønne und Nexø zu verteidigen. Er hatte 15.000 Mann zu seiner Verfügung, und Dönitz entsendete weitere 1.000.

Dänische Regierung schwieg

Von Kamptz hatte den ausdrücklichen Befehl, sich nur britischen Truppen zu ergeben. Doch Montgomery und vor allem der amerikanische General Dwight D. Eisenhower wollten wegen Bornholm keinen Konflikt mit der Sowjetunion riskieren. Wiederum war es die Lage der Insel als Pforte zur inneren Ostsee, die entscheidend war.

So hatten die englischen Truppen in Dänemark den Befehl, nur auf ausdrücklichen Wunsch der dänischen Regierung nach Bornholm zu gehen. Und dieser Wunsch wurde nie ausgesprochen. Die Bornholmer fühlten sich vom Rest des Landes im Stich gelassen. Ein Gefühl, das noch Jahrzehnte andauern solle und bei älteren Insulanern auch heute noch anzutreffen ist.

Da von Kamptz sich nicht ergeben wollte, fühlte die Sowjetunion sich berechtigt, anzugreifen.

6.000 Bornholmer verloren durch die Bombenangriffe ihr Dach über dem Kopf. Foto: Ritzau Scanpix

Die Besetzung

Die sowjetische Besetzung Bornholms ist lange als weitgehend friedlich beschrieben worden. In seinem 2012 erschienenen Buch „Det glemte hjørne af Danmark“ zeigt Journalist Jesper Gaarskjær jedoch auf, dass es auch zu Vergewaltigungen und Plünderungen gekommen ist. Unter den 7.000 bis 8.000 sowjetischen Soldaten waren auch schwarze Schafe.

Erst auf britischen Druck hin wandte die dänische Regierung sich an den Kreml mit dem vorsichtigen Vorschlag, man könne die Verwaltung von Bornholm übernehmen. In der sowjetischen Führung war man mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass die Besetzung politisch keine Vorteile brachte, und so ließ sie mit sich reden.

Ein Brief von Molotow

Außenminister Molotow schickte am 5. März eine Notiz an die dänische Regierung, die in den Jahrzehnten danach zentrale Bedeutung bekommen sollte.

„Wenn Dänemark dazu imstande ist, mit eigenen Truppen Bornholm zu besetzen und auf Bornholm seine eigene Verwaltung ohne Teilnahme von fremden Truppen und fremden Verwaltern einzurichten, wird die sowjetische Regierung seine Truppen von Bornholm abziehen und die Insel dem dänischen Staat übergeben“, schrieb Molotow.

Die Passage mit den „fremden Truppen“ ist hier entscheidend. Von wechselnden dänischen Regierungen wurde sie so ausgelegt, dass die Sowjetunion keine Nato-Truppen auf Bornholm dulden würde. Inwiefern dies tatsächlich der Fall war, ist unter Historikern umstritten.

Fest steht jedoch, dass erst im November 2000 ein erstes Manöver mit Teilnahme ausländischer Soldaten auf der Insel stattfand.

Kalter Krieg

Und so landete Bornholm mit Abzug der letzten sowjetischen Soldaten am 5. April 1946 mitten im Kalten Krieg. Denn auch wenn keine Nato-Truppen anwesend waren, so richtete die dänische Verteidigung zwei Lauschposten auf der Insel ein, von wo aus man große Teile der Ostsee überwachen konnte. Vor der Insel tauchten regelmäßig polnische Fischkutter mit verdächtig vielen Antennen auf.

Die „Schwedenhäuser“ in Nexø haben ausgebombten Bornholmern Wohnraum verschafft. Foto: Walter Turnowsky

Diese Begebenheiten kann man vor seinem inneren Auge Revue passieren lassen, während man in Nexø den Kong Gustafvej, Gustav Møllersvej und Sverigesvej entlangschlendert. Die Holzhäuschen hier, genannt „Svenskehusene“, waren ein Geschenk des schwedischen Staates, um den ausgebombten Bornholmern ein Dach über dem Kopf zu verschaffen.

„DR 1“ sendet anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung Bornholms am Montag direkt vom Hafen in Rønne von 20 bis 21 Uhr. Ab 21.15 Uhr gibt es dann eine Dokumentation zur russischen Besetzung Bornholms.

Quellen: Bornholms Museum, Wikipedia, koldkrig-online, Kristeligt Dagblad, Berlingske, voresgamledanmark.dk.

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