Grenzüberschreitend

Deutsch-dänische Stromautobahn eingeweiht

Deutsch-dänische Stromautobahn eingeweiht

Deutsch-dänische Stromautobahn eingeweiht

dpa/shz.de
Handewitt
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Nach fünf Jahren Bauzeit ist die Höchstspannungsleitung Mittelachse zwischen Dänemark und Hamburg am Mittwoch in Betrieb genommen worden. Foto: Volker Heesch

Neben der Westküstenleitung ist die Mittelachse eines der wichtigsten Projekte beim Ausbau der Stromnetze im Norden.

Die Höchstspannungsleitung Mittelachse zwischen Dänemark und Hamburg ist am Mittwoch mit einem symbolischen Knopfdruck im Umspannwerk Handewitt bei Flensburg in Betrieb genommen worden. Nach Angaben des Netzbetreibers Tennet wird der Energieaustausch über die dänische Grenze hinweg die Versorgungssicherheit sowohl für das deutsche als auch für das dänische Stromnetz erhöhen und den Austausch erneuerbarer Energien zwischen den beiden Ländern ermöglichen.

Investitionen in Höhe von rund drei Milliarden Euro

Neben der Westküstenleitung ist die Mittelachse eines der wichtigsten Projekte beim Ausbau der Stromnetze im Norden. Insgesamt investiert Tennet nach eigenen Angaben rund drei Milliarden Euro in den Onshore-Netzausbau in Schleswig-Holstein – ohne die Projekte NordLink und SuedLink.

Das Siebenfache an grünem Strom

„Mit den 82 Kilometern von Audorf bis zur dänischen Grenze komplettieren wir die wichtige Mittelachse im Energiewendeland Schleswig-Holstein zum Transport von Strom aus regenerativen Quellen zwischen der Elbe und Dänemark“, sagte Tennet-Geschäftsführer Tim Meyerjürgens am Mittwoch in Handewitt. „Die Verstärkung von 220 kV auf 380 kV führt dazu, dass wir mit dieser Leitung jetzt das Siebenfache an grünem Strom für Norddeutschland, Dänemark und Europa transportieren können im Vergleich zu früher.“

Insgesamt wurde an der rund 150 Kilometer langen Leitung fünf Jahre gebaut.

Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) betonte, die neue Höchstspannungsleitung Mittelachse sei eine moderne und leistungsstarke Stromautobahn und somit ein zentraler Baustein für die Energiewende.

„Mit ihr können neue Rekordmengen erneuerbarer Energien durch unsere Netze transportiert werden", sagt Albrecht.

Nach Angaben des Ministers sorgt die neue Leitung dafür, dass künftig weniger Windkraftanlagen abgeregelt – also in ihrer Leistung vermindert – werden müssen.

Strom-Stau in Hamburg und Niedersachsen befürchtet

Auch der Geschäftsstellenleiter des Bundesverbandes Windenergie in Schleswig-Holstein (BWE SH), Marcus Hrach, rechnet mit deutlich weniger Abregelungen durch die Inbetriebnahme der Mittelachse. Er wies aber darauf hin, dass es gegebenenfalls zum Strom-Stau in Hamburg oder Niedersachsen kommen könnte. Das könne wiederum zu Abregelungen führen, sagte er.

Netzausbau für den Export

In Schleswig-Holstein wurden laut Energiewendeministerium im Jahr 2018 insgesamt 37,4 Millionen Megawattstunden (MWh) Strom erzeugt. Davon waren 22,6 Mio. MWh Strom aus erneuerbaren Energien, was einem Anteil von 60,3 Prozent entspricht. Demnach konnte somit rechnerisch der Stromverbrauch in Schleswig-Holstein (rund 14,7 Mio. MWh) zu mehr als 150 Prozent gedeckt werden.

Um den erneuerbaren Strom nach Hamburg und darüber hinaus exportieren zu können, braucht Schleswig-Holstein den Netzausbau. „Wir planen und arbeiten seit Jahren deshalb auf mehreren großen Baustellen“, teilte das Ministerium mit.

Westküstenleitung soll Betrieb bis 2023 komplett aufnehmen

Dazu gehört neben der Mittelachse auch die rund 140 Kilometer lange Westküstenleitung von Brunsbüttel bis zur dänischen Grenze, die voraussichtlich 2023 komplett in Betrieb sein wird. Insgesamt gliedert sich dieses Projekt in fünf Abschnitte. Die ersten Abschnitte sind bereits in Betrieb beziehungsweise im Bau.

Für den letzten Bauabschnitt bis zur Grenze wurde im Sommer der geplante Korridorverlauf öffentlich diskutiert. Zudem steht nach Angaben von Meyerjürgens bei dem Projekt NordLink die Inbetriebnahme mit einer Aufnahme des Probebetriebs im Dezember kurz bevor. „In Schleswig-Holstein hat die Energiewende fast überall Rückenwind“, sagte der Tennet-Geschäftsführer.

SH als bundesweites Vorbild

Hrach vom BWE SH betonte, Schleswig-Holstein habe frühzeitig in einem transparenten Prozess angefangen zu planen. „Es sollte als Vorbild für die südlichen Bundesländer dienen, die sich mit dem Netzausbau bisher schwer tun.“ Damit die Netze die Umsetzung der Energiewendeziele ermöglichen könnten, müsse deren Ausbau auch in anderen Ländern vorangetrieben werden.

Mit der Energiewende sind deutliche Veränderungen für das Stromnetz verbunden. Früher seien die Kraftwerke in der Nähe großer Verbraucherzentren gebaut worden, schreibt Tennet in einer Ende 2019 erschienenen Broschüre. Windräder und Solaranlagen beispielsweise stehen hingegen in der Regel dort, wo sie am meisten Energie produzieren können, und nicht dort, wo die meisten Verbraucher sind – etwa im Norden und Westen Schleswig-Holsteins. Hier wird mehr Energie produziert, als das Bundesland selbst benötigt. Anders sieht es im Süden Deutschlands aus: Tennet schreibt, dass die südlichen Bundesländer in zehn Jahren im Schnitt 40 Prozent ihres jährlichen Stromverbrauchs importieren müssten.

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