Gedenken

Terroranschlag: „Dan opferte sich, damit wir ein jüdisches Leben leben können“

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Dan Rosenberg Asmussen neben einer Gedenktafel für Dan Uzan an der Pforte zur Synagoge – dem Ort, an dem Dan Uzan ermordet wurde.

Vor zehn Jahren wurde die jüdische Gemeinschaft in Dänemark erschüttert, als Dan Uzan von einem terroristischen Einzeltäter ermordet wurde. Er schützte als Wachdienst vor der Synagoge in Kopenhagen eine Bat-Mizwa. Zuvor hatte der Täter bei einem Angriff auf eine Veranstaltung zur Meinungsfreiheit den Filmregisseur Finn Nørgaard umgebracht.

Den 14. und 15. Februar 2015 und die Tage darauf hat Dan Rosenberg Asmussen in deutlicher und schmerzlicher Erinnerung. Die Details verschwimmen jedoch teilweise, denn er hat damals zwei Wochen lang kaum geschlafen.

Als damaliger Vorsitzender der jüdischen Glaubensgemeinschaft (Jødisk Samfund) ist er nach dem Anschlag auf die Synagoge in Kopenhagen bis auf das Äußerste gefordert. Bereits als er am Nachmittag des 14. vom Angriff auf Krudttønden hört, macht er sich Sorgen, dass auch jüdische Einrichtungen bedroht sein könnten.

In dem Kulturhaus findet eine Veranstaltung zu Blasphemie und Meinungsfreiheit mit dem schwedischen Mohammedzeichner Lars Vilks statt. Ein 22-jähriger Mann gibt um 15.33 Uhr mehrere Schüsse auf den Café- und Eingangsbereich des Gebäudes ab. Der Filmregisseur Finn Nørgaard wird tödlich verletzt.

Überlegungen zur Sicherheit bei Feier in der Synagoge

Asmussen spricht noch am Nachmittag mit seinem zweiten Vorsitzenden über das Wenige, das zunächst bekannt ist. Sie gehen jedoch davon aus, dass von einem Terroranschlag die Rede ist. Der oder die Täter sind auf freiem Fuß. Am Abend soll bei der Synagoge eine Bat-Mizwa-Feier (die jüdische „Konfirmation“) stattfinden.

Die Synagoge wir zu dem Zeitpunkt nicht dauerhaft von der Polizei bewacht, sondern lediglich regelmäßig von den Streifen besucht. Die Bewachung besteht aus einem eigenen freiwilligen Wachdienst, dem auch der 37-jährige Dan Uzan angehört.

„Wir besprechen, wie es mit der Sicherheit für uns aussieht. Nachdem die Polizei uns zusichert hat, dass sie die Synagoge bewachen wird, entscheiden wir uns, die Feier durchzuführen“, erzählt Asmussen.

Der Angriff auf die Synagoge

Nach Mitternacht kommt dann der Anruf, von dem er befürchtet hat, dass er eines Tages kommen würde.

„Mir wird gesagt, dass bei der Synagoge geschossen worden ist. Unsere Bereitschaft wird aktiviert, das heißt, eine Reihe von Personen versammeln sich an einem anderen Ort als der Synagoge, um sich einen Überblick zu verschaffen.“

Zu dem Zeitpunkt wissen sie nur, dass ein Schussattentat stattgefunden hat und die ungefähr 60 Gäste der Bat-Mizwa begeben in einem schusssicheren Raum in den Lock-Down-Modus. Unter ihnen sind etliche Kinder und Jugendliche.

„Wir erfahren bald, dass ein Wächter schwer verletzt worden und zwei Polizisten ebenfalls verletzt sind.“

Die Bedrohung ist Wirklichkeit geworden

Als die Aktionseinheit der Polizei bei der Synagoge ankommt, können die Gäste den Schutzraum verlassen und werden auf eine Polizeistation gebracht. Und dann kommt die Nachricht, dass Dan Uzan an seinen Verletzungen gestorben ist.

„Wir hatten viel über die Bedrohung durch Terror gesprochen. Wenn es dann passiert, ist es noch einmal etwas vollkommen anderes. Noch dazu kennen etliche Personen im Raum Dan persönlich.“

Früh am darauffolgenden Morgen tritt Dan Asmussen vor die Presse.

Am Morgen ist bekannt geworden, dass die Polizei den – zu dem Zeitpunkt mutmaßlichen – Täter bei einem Schusswechsel erschossen hat. Ansonsten ist vieles noch im Unklaren.

„Wenn ich dir heute berichte, wie es uns damals ging, muss ich mich selbst daran erinnern, wie verwirrt wir waren. Im Rückblick kann alles ganz klar erscheinen“, sagt Asmussen.

Stärke der Gemeinschaft

Zunächst geht es darum, die Familie des ermordeten Dan Uzan auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen und den Bat-Mizwa-Gästen Krisenhilfe anzubieten. Außerdem gilt es, so schnell wie möglich bei den jüdischen Institutionen ein Sicherheitsgefühl wiederherzustellen. Es ist dem Krisenstab bewusst, dass er, so offen und häufig wie möglich kommunizieren muss. Dies gilt sowohl in Bezug auf die eigene Gemeinschaft als auch auf die breite Öffentlichkeit.

Sowohl der bereits im Vorfeld gegründete Krisenstab als auch eine große Anzahl weiterer Personen schmeissen, was sie in den Händen haben, und arbeiten rund um die Uhr. Die enge Gemeinschaft ist in diesen Tagen eine wichtige Stärke.

Dan Rosenberg Asmussen mit dem damalige Kronprinz Frederik bei einer Gedenkfeier am 15. Februar 2015.

Solidarität aus der dänischen Gesellschaft

Die Mehrheitsgesellschaft demonstriert nach dem Anschlag Mitgefühl und Solidarität mit der jüdischen Gemeinde. Auch die Politik stellt sich geschlossen hinter die Jüdinnen und Juden in Dänemark.

Diese Unterstützung soll zusammen mit der engen inneren Gemeinschaft in den darauffolgenden Monaten und Jahren entscheidend für den Umgang mit einer der schweren Folgen des Terrors werden: dem Umgang mit der Unsicherheit und der Angst.

Verstärkte Sicherheit

Ganz konkret ist es jetzt – im Gegensatz zu vorher – kein Problem mehr, die Politik davon zu überzeugen, dass die Sicherheit bei der Synagoge und anderen jüdischen Einrichtungen verschärft werden muss. Die damalige Justizministerin Mette Frederiksen (Soz.) zögert nicht.

Um zum Interview mit Dan Rosenberg Asmussen zu gelangen, musste ich mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten und eine doppelte Schleuse passieren. Auch auf dem Gelände der Synagoge und des Gemeindehauses sind die Wachen präsent. Asmussen ist klar, dass diese sehr sichtbare Sicherheit ein zweischneidiges Schwert ist.

Ein Blumenmeer vor der Synagoge zeigt die Solidarität der Gesellschaft nach dem Anschlag.

„Es ist ein schwieriger Balanceakt, die Maßnahmen so zu gestalten, dass ihre Präsenz nicht zu mehr Verunsicherung führt. Dessen sind wir uns äußerst bewusst.“

Dialog mit muslimischen Kreisen

Für Asmussen ist auch eine andere Form der verbesserten Sicherheit ebenfalls entscheidend. Die Anschläge dürfen zu keiner Polarisierung zwischen Jüdinnen und Juden einerseits und Musliminnen und Muslimen andererseits führen. Er setzt sich daher dafür ein, die bereits bestehenden Kontakte zu muslimischen Organisationen zu bewahren.

„Es ist für mich zu diesem Zeitpunkt entscheidend, die guten Relationen auszubauen. Unsere gemeinsame Herausforderung, unser gemeinsamer Feind, sind die Extremistinnen und Extremisten“, betont er. Dies gelte da damals wie heute.

Die jüdische Gemeinschaft öffnet sich

Eine weitere vorbeugende Maßnahme der jüdischen Gemeinschaft ist, sich stärker der übrigen Gesellschaft gegenüber zu öffnen. Information und Dialog sollen mehr Verständnis für jüdisches Leben schaffen. Mit finanzieller Unterstützung der Kommune Kopenhagen richtet die Gemeinschaft ein jüdisches Informationszentrum ein.

Das Bündel der Maßnahmen zeigt nach Asmussens Einschätzung Wirkung: „Wir erreichen, dass wieder Ruhe einkehrt.“ Zwar ist nicht alles zum Besten. Die Lust, sein Judentum öffentlich mit einem Davidstern oder einer Kippa zu zeigen, nimmt ab. Aber „wir lebten weiter“.

Wir müssen ein jüdisches Leben leben – trotz der Bedrohungen.

Der Überfall der Hamas

Das ändert sich schlagartig und grundsätzlich am 7. Oktober 2023. Nach den Gräueltaten der Hamas in Israel und dem darauffolgenden Angriffe Israels in Gaza ist die Anzahl der antisemitischen Vorfälle um ein Vielfaches angestiegen. Ein in der vergangenen Woche erschienener Bericht der Kommune Kopenhagen zeigt, dass Jüdinnen und Juden in der Hauptstadt sich sehr viel unsicherer fühlen.

„Wir sind momentan an keinem guten Punkt“, so Asmussen.

Laut dem Kopenhagener Bericht verstecken mehr jüdische Menschen ihre Identität, fühlen sich von der Gemeinschaft am Arbeitsplatz ausgeschlossen und empfinden die Debatten insbesondere in den sozialen Medien als hart und unversöhnlich.

Gespaltene Gesellschaft

Die (fast) geschlossene Solidarität von 2015 ist von Spaltung und Polarisierung bei der Bewertung des Konflikts im Nahen Osten abgelöst worden. Die Jüdinnen und Juden in Dänemark erleben laut Asmussen, dass sie für das Vorgehen des Staates Israel verantwortlich gemacht werden. Zwar demonstriert das Folketing weiterhin geschlossene Unterstützung, in der Gesellschaft insgesamt ist das nicht mehr der Fall.

„Die Toleranz und die Empathie haben heute schlechtere Bedingungen als vor dem 7. Oktober 2023.“

Die Regierung hat im Sommer 2024 einen 2022 beschlossenen Handlungsplan gegen Antisemitismus durch neue Initiativen ergänzt. Asmussen setzt darauf, dass er Wirkung zeigen wird. Ihm ist jedoch bewusst, dass der Weg ungleich schwerer ist als nach 2015.

Gedenken an die Ermordeten

Trotz der düsteren Aussichten weigert er sich, die Hoffnung aufzugeben. Darum geht es ihm und der jüdischen Gemeinschaft auch bei einer Gedenkveranstaltung für Dan Uzan am Sonnabend.

„Dans Opfer bedeutet, dass wir unsere jüdische Identität nicht verbergen sollen. Wir müssen ein jüdisches Leben leben – trotz der Bedrohungen“, sagt Dan Rosenberg Asmussen.

Sergeot Uzan mit einem Foto seines ermordeten Sohns Dan

Finn Nørgaard wird am Freitag bei einer Gedenkveranstaltung auf Christiansborg gedacht.