Schule

Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten „Noch kein Weltuntergang, aber...“

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Auffälligkeiten bei Kindern, die das Lernen erschweren, nehmen nach der Beobachtung von Heike Henn-Winkels zu.

Wenn Schulleiterin Heike Henn-Winkels mit Kolleginnen und Kollegen spricht und auf ihre Schülerschaft blickt, stellt sie fest: Die Zahl der Kinder, die Auffälligkeiten zeigen, nimmt zu. Ein Gespräch über die Gründe des Problems und die Maßnahmen.

In ihrem Bericht zur Lage der Deutschen Schule Hadersleben (DSH) auf der Generalversammlung des Schul- und Kindergartenvereins stellte Schulleiterin Heike Henn-Winkels kürzlich fest, dass es immer mehr Kinder mit Auffälligkeiten an der Schule gibt. Im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ erläutert sie die Hintergründe.

Welche Auffälligkeiten zeigen die Kinder?

„Wir sehen die Tendenz, dass immer mehr Kinder mit Angst zu tun haben. Auch reagieren sie über im Kontakt mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern – entweder verbal oder auch körperlich. Auch fällt uns auf, dass Kinder unausgeschlafen zur Schule kommen. Die Unruhe nimmt zu, die Konzentration nimmt ab. Es betrifft nicht alle, aber wir sehen eine steigende Zahl von Kindern, die damit zu kämpfen haben.

Und wie ich aus meinem Netzwerk höre, sieht es an anderen Schulen ähnlich aus. Wichtig ist mir festzustellen: Die Schülerinnen und Schüler machen das nicht absichtlich, sie können nicht anders. Und fachlich sind sie nicht schwach, nur das Betragen ist für das Umfeld belastend. Das stellt uns vor Herausforderungen.“

Wie reagiert die Schule?

„Wir müssen feststellen, dass es einen hohen Bedarf an individueller Betreuung gibt. Wir praktizieren das Co-Teaching, das heißt, zwei Lehrkräfte führen durch den Unterricht und unterstützen. Doch manchmal reicht auch das nicht aus, dann muss sich eine dritte Kraft um das Kind kümmern, das den Unterricht stört.

Wir fahren eine restriktive Mobiltelefonpolitik in der Oberstufe. Die Kinder sollen sich konzentrieren können. Die Telefone kommen während des Unterrichts in einen Spind. In den anderen Stufen erwarten wir, dass die Handys aus sind und bei Unterrichtsbeginn in der Schultasche verschwinden. Auch das muss man lernen.

Merken wir, dass wir in einer normalen Unterrichtsstunde nicht weiterkommen, dann machen wir etwas anderes, vielleicht spielen wir zusammen. Das hat keinen Einfluss auf das Lernziel. Beim nächsten Mal geht das Lernen dann besser. Wir sind eine einzügige Schule, wir können Kinder nicht einfach in eine andere Klasse stecken. Alle müssen lernen, miteinander auszukommen.

Heike Henn-Winkels ist Schulleiterin der Deutschen Schule Hadersleben.

Aber: Ich muss auch an meine Lehrerinnen und Lehrer denken. Sie müssen den Arbeitstag gut überstehen. Der Tank ist ja irgendwann leer. Unser geringer Krankenstand zeigt, dass es gelingt. Ich als Schulleiterin muss das aber immer im Blick haben.“

Wo liegen die Ursachen?

„Wir sprechen mit den Eltern und beziehen den Schulpsychologischen Dienst oder auf dänischer Seite die Pædagogisk Psykologisk Rådgivning (PPR) und Kinderpsychologen ein. (Der kommunale Dienst PPR untersucht, ob ein Kind einen Förderbedarf hat, Anm d. Red.). Aber, wie gesagt, es mehren sich die Fälle, der Andrang dort ist groß und die Leute dort können auch nicht mehr als arbeiten.

Es gibt also lange Wartezeiten. ADHS wird meines Erachtens zu oft seitens der Eltern vermutet. Ich glaube, man kann die Ursachen in einem Dreieck sehen. Es gibt eventuell eine Erkrankung, aber es gibt auch noch die Erziehung und das individuelle Zurechtfinden in der Schule. Einigen fällt Letzteres leicht, andere Kinder haben Schwierigkeiten.“

„Ich denke, es ist der unbeschränkte Zugang zu Medien, der zu Auffälligkeiten führen kann. Dieser Zugang wird nicht immer von den Eltern kontrolliert. Das bereitet mir schon Sorgen. Die behütete Kindheit von damals gibt es nicht mehr. Wir leben in einer Zeit, in der beide Elternteile oft arbeiten, Kinder und Eltern sehen sich vielleicht nur kurz am Tag, der Mediengebrauch wird nicht kontrolliert. Kinder lernen, alles und jeden zu kommentieren, ohne darüber nachzudenken, sehr impulsiv. Und es ist eben nicht das Gleiche, ob man das Miteinander ganz real auf dem Bolzplatz trainiert oder sich in einem Chat austauscht beim Fortnite spielen (ein sogenanntes Ballerspiel, Anm. d. Red.).“

Wir versuchen, das abzufedern und fördern in der Schule das soziale Miteinander. Doch allein können wir das nicht stemmen. Die Eltern müssen mitziehen. Und das tun sie bei uns und dafür sind wir dankbar. Ein guter Dialog und Offenheit von beiden Seiten ist dafür die Grundlage. Ohne die Eltern können unsere Anstrengungen nicht gelingen.

Wachsen sich die Auffälligkeiten dann später raus?

„Ich denke schon, dass einige Kinder diese Auffälligkeiten mit ins Erwachsenenalter nehmen. Was wir an der Schule sehen, ist, dass der Schritt von der Unter- zur Mittelstufe, also in die 4. Klasse, sehr groß ist. Die Kinder bauen heutzutage eine enge Beziehung zu ihren Lehrkräften auf, wechseln diese, dann können einige wieder in ihre alten Muster zurückfallen, und die Auffälligkeiten sind wieder da.

Deshalb gestalten wir jetzt den Übergang zur 4. Klasse sanfter, zumindest eine Lehrkraft bleibt. Wir leisten, was wir können. Ich möchte keine Weltuntergangsstimmung verbreiten, aber man muss die Sache im Blick haben.“