Die März-Chronik: Von der Konstruktion eines Riesenflugzeugs bis zur Entdeckung einer Totenmaske
Über die Entwicklung der Luftfahrt, namentlich der Luftschifffahrt, hielt der Ingenieur Hugo Eckener auch in Nordschleswig Vorträge, ebenso wie sein Kapitän von Schiller. Im Sommer wurden erstmals Pläne eines gigantischen Flugzeugs bekannt, über die Eckener in seinen Vorträgen das staunende Publikum informierte. Das am 4. März angekündigte „Riesenflugzeug“ war jedoch erst 1929 flugbereit. Unsere Aufnahme stammt aus dem Jahr 1930.wikipedia.de / Bundesarchiv, Bild 102-10270 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0
Die Schlagzeilen in diesem März unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
Veröffentlicht
Zusammenfassung
Der Artikel erinnert an den geplanten Bau des Riesenflugboots Do X von Dornier, das mit damals beispielloser Spannweite und Motorenleistung neue Maßstäbe setzen sollte.
Er ordnet das Projekt historisch ein, vergleicht die Dimensionen mit heutigen Großflugzeugen und verweist auf die Rolle von Hugo Eckener und Claude Dornier.
Zugleich wird die spätere Realisierung 1929 sowie die Bedeutung der Do X für die Luftfahrtgeschichte hervorgehoben.
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DN
Donnerstag, 4. März 1926
Bau eines deutschen
Riesenflugzeugs
Das „Berliner Tageblatt“
meldet aus Düsseldorf: Im Rahmen der akademischen Kurse hielt Dr. Hugo Eckener
im Düsseldorfer Stadttheater vor einer zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag
über den modernen Luftschiffsverkehr. Eckener machte u. a. die interessante
Mitteilung, dass die Dornier-Werke in Friedrichshafen das Projekt eines neuen
Flugzeuges in Bearbeitung hätten, dessen Ausmaße alle bisherigen Konstruktionen
übertreffen werde. Dieser Riesenvogel soll eine Flügelspannweite von 70 Metern
besitzen und mit Motoren von über 3.000 Pferdekräften ausgerüstet werden. Eine
Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung dieser Flugmaschine ergibt einen
Vergleich mit dem berühmten Amerika-Zeppelin Z. R. 3, dessen Motoren nur 1.500
Pferdekräfte entwickeln könnten.
(Zum heutigen Vergleich: Der
Airbus A380 hat eine Spannweite von knapp 80 Metern. - Hugo Eckener hielt seine
damals viel besuchten Vorträge auch in
Nordschleswig, schließlich war der in Friedrichshafen tätige
Luftschiffskonstrukteur aus Flensburg gebürtig. Das geplante Flugzeug flog aber
erst Jahre später, nämlich 1929. Es war das bis heute berühmte Flugboot „Do X“.
Der Flugzeugingenieur und Kollege Eckeners Claude Dornier (1884-1969) hatte
sich seit 1924 mit der Konstruktion eines großen Flugbootes befasst und nach
vielen, teils auch gebauten Zwischenstufen bis zur „Do X“ durchgearbeitet (vgl.
Abb. oben).)
Freitag, 5. März 1926
Die schriftliche
Mittelschulprüfung hat im ganzen dänischen Staatsgebiet begonnen.
Etwas sonderbar hat das
überall von der dänischen Schulbehörde gestellte Thema für den „deutschen
Aufsatz“ angemutet: Es lautet nämlich: „Erzähl von den Ratten, von dem Schaden,
den sie anrichten, und von dem, was man tut, um sie auszurotten“. Zu deutscher
Zeit wäre das vielleicht ein Thema für die Prüfung in Naturkunde gewesen, meint
die „Neue Tondernsche Zeitung“, aber kaum ein Stoff für einen „deutschen
Aufsatz“.
(In der Tat war der „deutsche
Aufsatz“ seit dem 19. Jahrhundert in der deutschen Schulpädagogik so etwas wie
eine heilige Kuh – in der dänischen natürlich weniger. Dabei fragt man sich
heute in der Tat, was hinter der (vielleicht politisch zu lesenden) Kopenhagener Vorgabe eigentlich gesteckt
haben mag. Ungezählte Bücher und Aufsätze wurden über Wert und Wirkung des
deutschen Aufsatzes geschrieben. Es gab meist ernsthaftere Themen. Beliebt war
Schiller, der auch heute noch im Büchmann Seiten füllt und dessen kurze
Gedichtzeilen als moralische Maximen besonders im Kaiserreich Erziehung und
Staatsgesinnung fördern sollten, aber bei ihrer massenhaften Anwendung
zunehmend als leere Worthülsen endeten.)
Dienstag, 9. März 1926
Sonderburger Zeitung
(Der Film (wir sind immer
noch im Stummfilm-Zeitalter !), der nicht nur im Sonderburger „Kosmorama“
gegeben wurde, sondern in vielen
nordschleswiger Lichtspieltheatern lief, war damals ein Renner und wurde von
der Nordisk Film Kompagni als „Fra Piazza del Popolo“ hauptsächlich in Rom
gedreht. Als Vorlage diente Vilhelm Bergsøes (1835-1911) gleichnamiger Roman
von 1866, der einzige Roman seiner Feder, der auch in Deutschland
durchschlagenden Erfolg hatte.)
Dienstag, 9. März 1926
Das Shakespeare-Theater in
Stratford abgebrannt
Das
Shakespeare-Gedächtnis-Theater in Stratford on Avon wurde Sonnabendabend durch
Feuer zerstört. Das Museum und die Bildergalerie mit den unschätzbaren
Reliquien konnten gerettet werden.
Freitag, 12. März 1926
Zum 400-jährigen Geburtstag Heinrich Rantzaus
Am 11. März 1526 wurde
Heinrich Rantzau, Statthalter der Herzogtümer und Freund und Förderer der Kunst und Wissenschaft, geboren. Aus Anlass
seines 400. Geburtstages gibt die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische
Geschichte einen im 56. Band der Zeitschrift der Gesellschaft erscheinenden
Aufsatz über Heinrich Rantzau von Prof. Dr. Richard Haupt als Sonderdruck im
besonderen Umschlag heraus. Die Schrift,
der 23 Bildtafeln auf Kunstdruckpapier beigegeben sind und die als Sonderdruck nur in beschränkter Auflage
erscheint, ist zum Preise von 4 Mark durch die Gesellschaft (Kiel, Gartenstraße
1) zu beziehen.
(Heute wird jeder, der sich
erstmals mit Ranztzau beschäftigen will, zunächst zur kleinen 120 Seiten
umfassenden Schrift von Dieter Lohmeier: Heinrich Rantzau. Humanismus und
Renaissance in Schleswig-Holstein. Husum 2000, greifen. Auch heute ist Heinrich
Rantzau nicht vergessen. Zum 500. Geburtstag zeigt das Kreismuseum in Itzehoe
die Ausstellung „Heinrich Rantzau. Zwischen Macht und Gelehrsamkeit“ (bis zum
25. Oktober 2026, Dienstag bis Sonntag, 11.00 bis 17.00 Uhr.)
Freitag, 19. März 1926
Die deutsche Glocke vom 19. März 1926Königliche Bibliothek, Kopenhagen
(„Die Deutsche Glocke“ wurde
damals als monatliche Beilage der Sonderburger Zeitung ausgeliefert. Die Glocke
war eine oberdeutsche Zeitschrift, sodass sich sehr selten Beiträge aus
Niederdeutschland fanden. Sie wurde zahlreichen Tageszeitungen in Süd- und
Mitteldeutschland beigelegt und erschien von 1925 bis 1937.)
Donnerstag, 25. März 1926
Ernst Becker
Dänemarks ältester Pastor,
Ernst Becker, ist am Sonnabend in Kopenhagen entschlafen, kaum 92 Jahre alt.
Der Verstorbene war früher Pastor in Aller bei Christiansfeld, später in
Dronninglund bei Aalborg, wo auch seine Beisetzung erfolgt. Pastor Becker, der
ein Küstersohn aus Lysabbel auf Alsen war, zog später wegen seiner dänischen
Gesinnung nach Norden.
(Ernst Becker wurde am 11.
Mai 1834 als Küstersohn in Lysabbel auf Alsen geboren. Der dortige Pastor H. G.
Henningsen, dessen Vater Pächter augustenburgischer Vorwerke war, förderte und
unterrichtete ihn. Er wurde 1868 zum Pastor in Aller bestellt und am 6.
Dezember in sein Amt eingeführt. Die
beiden Kirchenvisitatoren, der Landrat Otto Kier und der Propst H. P. Prahl
nahmen die Einführung vor. Vor dem Gottesdienst wurde die Bestallungsurkunde
verlesen. Sie war natürlich auf Deutsch verfasst und musste von dem aus
Hadersleben gebürtigen Landrat übersetzt werden. Die Bestallungsurkunde
verlangte vom Pastor, dass seine Verkündigung auf der Grundlage der Heiligen
Schrift und des unveränderten Augsburger Bekenntnisses geschehe. Der nervöse
Landrat übersetzte jedoch laut sprechend „den uforandrede augustenborgske
Confession“, ein Lapsus, den man ihm nachsehen kann, denn die Augustenburgische Frage war ja erst seit Kurzem gelöst. Weitere Köstlichkeiten dieser Zeit finden sich in dem Erinnerungsbuch
Beckers „Barndoms og øvrige Livs Erindringer“, das 1915 erschienen ist.)
Donnerstag, 25. März 1926
Internationale Jugendtagung
in Kopenhagen
Zu Ostern findet in
Kopenhagen eine internationale Jugendtagung statt, an der auch 130 deutsche
Sozialdemokraten teilnehmen werden. Es soll eine Demonstration für Abrüstung
und Völkerverständigung sein.
(Die Tagung wird nicht in
Kopenhagen, sondern vielmehr in Amsterdam stattfinden. Wir kommen darauf zurück.)
Sonnabend, 27. März 1926
Langbehn – der
„Rembrandtdeutsche“
Am 26. März sind es 75 Jahre,
dass der alte „Rembrandtdeutsche“ Julius Langbehn, der Verfasser des berühmten
Buches „Rembrandt als Erzieher“, in Hadersleben geboren wurde. Auf dem stillen
Friedhof des weltfernen oberbayerischen Dörfchens Puch bei Fürstenfeldbruck im
Schatten einer Wallfahrtskirche und einer heiligen Linde hat man den am 30.
April 1907 in Rosenheim Gestorbenen begraben. Sein 75. Geburtstag wird in Puch
durch einen Morgengottesdienst und eine Ehrung am Grabe begangen. Abends wird
im nahen Bruck eine Gedächtnisfeier veranstaltet. Leibl und Hans Thoma haben
Langbehn im Bilde verewigt.
(Bekanntlich wurde vor
einigen Jahren ein heftiger Streit um die Umbenennung des Langbehnhauses auf
dem Knivsberg geführt. Langbehns Buch gilt bei vielen als Stichwortgeber der
NS-Bewegung. Doch das bedarf einer differenzierteren Betrachtung. Es entbrannte
damals eine Art Stellvertreterkrieg, der objektiv von der Bewältigung der
eigentlichen Verstrickung der deutschen Minderheit in die NS-Bewegung ablenkte,
und der dann in einer Art Umbenennung des Langbehn-Hauses, die es allen recht machen wollte, endete.)
Montag, 29. März 1926
Die Heimat ruft
Deutsch-nordschleswigsche
Studenten veröffentlichten den nachfolgenden Aufruf:
Es ist in den weitesten
Kreisen Nordschleswigs die Ansicht verbreitet, dass die Söhne deutscher Eltern,
die eine akademische Laufbahn einschlagen wollen, an Universitäten in
Deutschland studieren müssen. Es ist heute faktisch so, dass mindestens 80
Prozent der deutschen Akademiker Nordschleswigs in Deutschland studieren. Diese
80 Prozent sind für die deutsche Sache in Nordschleswig verloren. Es ist ja mit
Freude zu begrüßen, wenn man sich dann in Deutschland zu Vereinen heimattreuer
deutscher Nordschleswiger zusammenschließt. Aber wir können es nicht als unsere
Aufgabe ansehen, in stiller Resignation unsere Heimat zu verlassen und dann im
deutschen Vaterlande in guter Hut mit Wehmut des verlorenen Landes zu gedenken.
Es ist jetzt endlich an der Zeit, der Abwanderung, die sich besonders in den
akademischen Kreisen bemerkbar macht, Einhalt zu gebieten. Darum ist es
notwendig, dass die deutschen Nordschleswiger in Kopenhagen studieren.
Natürlich ist es auch sehr erwünscht, dass man auch einige Semester an einer deutschen
Universität verbringt. Aber das Studium muss in Kopenhagen angefangen werden,
da später ein Übergang vom deutschen ins dänische Studium mit den allergrößten
Schwierigkeiten verbunden ist. Wir wissen ganz genau, dass es angenehmer ist,
in Deutschland zu studieren und im Kreise Gleichgesinnter ein frohes
Studentenleben zu führen. Aber da Opfer muss gebracht werden. Gerade wir
Akademiker müssen es als unsere Pflicht ansehen, im Grenzkampfe fest auf
unserem Posten zu stehen. Darum, deutsche Nordschleswiger, studiert in
Kopenhagen! Deutsche Eltern, denkt an die Zukunft Nordschleswigs! Es ist
überaus notwendig, dass wir deutschen Nordschleswiger zusammenhalten und dass
kein einziger verloren gehe. Die Heimat ruft Euch!
DN
Donnerstag, 4. März 1976
Munch-Gemälde aus Rahmen
geschnitten und gestohlen
Ein Gemälde des norwegischen
Malers Edvard Munch im Werte von 900.000 Mark ist am Dienstag in Stockholms
Modernem Museum aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen worden. Wie die
Polizei gestern mitteilte, geschah der Kunstraub vermutlich in den frühen Nachmittagsstunden,
als das Museum für Besucher offen war. Museumsbeamte erklärten, das Gemälde sei
beim Herausschneiden so zerfetzt worden, dass ein Restaurieren äußerst
schwierig sein würde. Edvard Munch, der 1944 im Alter von 81 Jahren starb, war
ein weltbekannter Maler des Expressionismus.
(Im schwedischen Moderna
Museet in Stockholm wurde ein großformatiges Gemälde des norwegischen Malers
Edvard Munch gestohlen, das den dänischen Autor Helge Rode (1870-1937) darstellt. Rode, zunächst
symbolistischer Lyriker und Dramatiker in der Ibsen-Nachfolge, später eher
theologisch motivierter Essayist, war in Deutschland nur mit seinem Drama
„Königssöhne“ um 1900 hervorgetreten, was die Kritik, allen voran Alfred Kerr,
nicht sonderlich positiv aufnahm. Das zerschnittene Gemälde Munchs tauchte
wieder auf, wurde restauriert und hängt heute am gewohnten Standort. Rodes
Frau, Edith Rode, hatte dagegen in Deutschland mehr Erfolg. Ihre Bücher
erschienen kurz nach der Jahrhundertwende von 1900 bis in die Sechzigerjahre.)
Sonnabend, 6. März 1976
Die Totenmaske
Das Original der Totenmaske
Friedrichs des Großen, das seit Kriegsende als verschollen galt, ist wieder
aufgetaucht. Im Fundus des Neuen Palais zu Potsdam fand es sich in einem
Behälter, der vor 30 Jahren ausgelagert und inzwischen nicht mehr geöffnet worden
ist. Die Maske soll in Sanssouci ausgestellt werden.
(Die Entdeckung kam nicht von
ungefähr.) Denn in der Ära Honecker (1971-1976 Vorsitzender des Staatsrats der
DDR) entwickelte sich eine ins Positive gewandelte Revision des Geschichtsbildes
über das alte Preußen und die Person Friedrichs des Großen. Das führte
schließlich 1986 zum 200. Todestag des Königs zu großen und gültigen
Friedrich-Ausstellungen in Ostberlin.
Am Todestag Friedrichs des
Großen, am 17. August 1786, nahm der Bildhauer Johann Eckstein (1735-1817) die
Totenmaske ab. Ein Blog unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ der Stiftung
Preußische Schlösser und Gärten unterrichtet gut über die Zusammenhänge.
Eckstein, in der Nähe Nürnbergs geboren, studierte um 1760 an der damals im
Niedergang befindlichen Kunstakademie. Er war dort Schüler von Johann Justin
Preisler, dessen Bruder übrigens Nürnberg verließ und später Professor an der
neuen, bald europaweit bekannten Kopenhagener Kunstakademie wurde. Auch Eckstein
verließ Nürnberg und siedelte nach seinem Berliner Aufenthalt in die USA über.
Eckstein formte 1786 seine Totenmaske um, um sie mit dann geöffneten Augen
Friedrichs für seine danach geschaffene Büste des verstorbenen Königs zu
nutzen, die in zahlreichen Exemplaren überliefert ist (Abb.) Totenmasken hatten
einstmals eine große kulturhistorische Bedeutung, bis in die Zwanziger Jahre
des vergangenen Jahrhunderts. 1927 erschien gewissermaßen abschließend von dem
Kunsthistoriker Ernst Benkard (1883-1946) das Buch „Das ewige Antlitz. Eine
Sammlung von Totenmasken“. Das Buch machte Aufsehen. Benkard war Professor in
Frankfurt und Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“. Er hatte später oft
Schwierigkeiten mit der NS-Zensur. Friedrich Ernst Peters (1890-1962), der
niederdeutsche Autor, der im Schleswigschen geboren wurde (sein Roman
„Baasdörper Krönk“ gehört zu den bedeutendsten Werken der niederdeutschen
Literatur überhaupt, ein Geheimtipp für jeden, der Plattdeutsch lesen kann),
veröffentlichte aufgrund des Buches von Ernst Benkard seine Gedichtsammlung
„Totenmasken“. Dort findet sich neben zahlreichen anderen Gedichten (auf
Lessing, Thorvaldsen, Nietzsche) auch ein vierstrophiges Gedicht auf die
Totenmaske Friedrichs.)
Johannes Eckstein: König Friedrich II. von Preußen. Gips, dunkel gefasst. Potsdam, Schloss Sanssouci. Dort, wo Eckstein 1787 die Totenmaske abnahm, steht heute die von ihm im selben Jahr geschaffene Büste des Königs, die er nach der veränderten Totenmaske schuf.Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Berlin-Brandenburg
Sonnabend, 13. März 1976
Lang erwartetes Happy End einer Romanze
Eine deutsch-schwedische
Romanze fand gestern ihr lang erwartetes und dutzendmal vorausgesagtes
Happy-End : König Carl XVI. Gustav von Schweden verlobte sich mit der
Olympiahostess Silvia Sommerlath aus München. Der königliche Hof in Stockholm
gab das Ereignis in einem knappen Kommuniqué bekannt. Am Abend fand ein Essen
im Kreise der Familie auf dem Stockholmer Schloss statt.
(Die Hochzeit wird am 19.
Juni des Jahres 1976 folgen. Wir kommen nicht mehr darauf zurück, denn im
kommenden Juni 2026 wird in allen deutschen und wohl auch dänischen Medien das
Datum zweifellos Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ungezählte Berichterstattungen werden zu erwarten sein.)
Montag, 15. März 1976
Max Tau gestorben
Der Schriftsteller Max Tau
ist am Sonnabend in Oslo im Alter von 79 Jahren an Herzversagen gestorben. Das
wurde am Sonntag in der norwegischen Hauptstadt bekannt.
(Der Friedenspreisträger des
Deutschen Buchhandels Max Tau wurde 1897 in Schlesien geboren und studierte in
Hamburg, Berlin und Kiel. Bis 1938 war er Lektor im bekannten jüdischen
Berliner Verlag von Bruno Cassirer, der bald verboten wurde. Dort hatte er es
übrigens mit mindestens einem Autor aus Nordschleswig zu tun. Auch Max Tau
musste vor den Nationalsozialisten fliehen. Er ging nach Oslo, nach der
Besetzung Norwegens hielt er sich von 1942-1945 in Schweden auf. 1950 erhielt
er als erster Preisträger den „Friedenspreis Deutscher Verleger“, der 1951, als
Albert Schweitzer ihn erhielt, in Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
umbenannt wurde, 1965 wurde er Ehrenbürger der Kieler Universität.)
Mittwoch, 17. März 1976
Zwei Stillleben, mit dem
Namen „Victoria“ gezeichnet und der Königin Victoria von England zugeschrieben,
wurden in London versteigert. Sie brachten zusammen 3.200 Pfund Sterling (ca.
16.000 DM). Der heutige Kunstexperte des Hofes, Oliver Millar, hält es für
möglich, dass nicht die Königin die Bilder gemalt hat, sondern ihre älteste
Tochter, die den gleichen Vornamen hatte.
(Der Expertise von Oliver
Millar, der damals schon viele Jahre die umfangreichen und kostbaren Sammlungen
von Königin Elizabeth II. betreute (er war übrigens Nachfolger des 1972 als
Sowjet-Spion enttarnten berühmten Kunsthistorikers Anthony Blunt), wird man
wohl folgen müssen, denn er kannte die Arbeiten beider Monarchinnen, die auch
Malerinnen waren. Aber der Kunsthandel will Gewinne machen, damals wie heute.
Die erste Victoria bringt mehr Gewinn als die zweite. Der Vorgang erinnert an
einen alten Witz: Es gibt fünfhundert Gemälde von Rembrandt, davon sind
zweitausendundachthundert in den USA. Die benannten Stillleben stammen
natürlich von der Tochter Victoria (1840-1901). Und beide Victorien waren
Kaiserinnen, die eine über Jahrzehnte, die Tochter allerdings nur für 99 Tage –
und zwar im sog. (deutschen) Dreikaiserjahr. Denn sie war verheiratet mit
Friedrich von Hohenzollern, dem Sohn Kaiser Wilhelms I. und Vater Kaiser
Wilhelms II. Er bestieg im Jahre 1888 als Kaiser Friedrich III. den Thron.
Seine Gemahlin starb nur wenige Monate nach ihrer Mutter, verbittert über den
Gang der deutschen Politik und Geschichte, wie sie sie nach dem Tod ihres
Mannes miterleben musste, ohne nennenswert eingreifen zu können. Zeitlebens war
sie mit den Künsten und der Malerei befasst und eine bemerkenswerte
Aquarellmalerin. Über lange Jahre verlebte sie ihre Sommerfrische, wie man es
einst nannte, auf Föhr, wie Jahre vor ihr der dänische Kronprinz und spätere
König Christian VIII. mit seiner Gemahlin. Unsere Abbildung zeigt Victoria
einige Monate vor ihrer Verheiratung mit Prinz Friedrich 1859. Das lebensgroße
Kniestück im Hochoval stammt von dem berühmtesten Porträtmaler der großen Welt
seiner (und ihrer) Zeit, von Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), der aus
einer armen Familie im Schwarzwald stammte. Es hängt heute im Grand Vestibule
des Buckingham Palastes in London, das gelegentlich für die Öffentlichkeit
zugänglich ist. Ein Aquarell von der Hand Victorias wurde übrigens vor einiger
Zeit für über 6.000 Euro versteigert. Arbeiten der Queen Victoria sind
seltener, bringen dafür (auch heute noch) mehr.)