Vor 100 und vor 50 Jahren

Die März-Chronik: Von der Konstruktion eines Riesenflugzeugs bis zur Entdeckung einer Totenmaske

Dornier Do X mit zwölf Motoren rollt als Flugboot über den Bodensee, beobachtet von Zuschauern.
Über die Entwicklung der Luftfahrt, namentlich der Luftschifffahrt, hielt der Ingenieur Hugo Eckener auch in Nordschleswig Vorträge, ebenso wie sein Kapitän von Schiller. Im Sommer wurden erstmals Pläne eines gigantischen Flugzeugs bekannt, über die Eckener in seinen Vorträgen das staunende Publikum informierte. Das am 4. März angekündigte „Riesenflugzeug“ war jedoch erst 1929 flugbereit. Unsere Aufnahme stammt aus dem Jahr 1930.

Die Schlagzeilen in diesem März unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Veröffentlicht

Zusammenfassung

  • Der Artikel erinnert an den geplanten Bau des Riesenflugboots Do X von Dornier, das mit damals beispielloser Spannweite und Motorenleistung neue Maßstäbe setzen sollte.
  • Er ordnet das Projekt historisch ein, vergleicht die Dimensionen mit heutigen Großflugzeugen und verweist auf die Rolle von Hugo Eckener und Claude Dornier.
  • Zugleich wird die spätere Realisierung 1929 sowie die Bedeutung der Do X für die Luftfahrtgeschichte hervorgehoben.

Diese Infobox wurde mithilfe von KI generiert und von der Redaktion geprüft.

Donnerstag, 4. März 1926

Bau eines deutschen Riesenflugzeugs

Das „Berliner Tageblatt“ meldet aus Düsseldorf: Im Rahmen der akademischen Kurse hielt Dr. Hugo Eckener im Düsseldorfer Stadttheater vor einer zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag über den modernen Luftschiffsverkehr. Eckener machte u. a. die interessante Mitteilung, dass die Dornier-Werke in Friedrichshafen das Projekt eines neuen Flugzeuges in Bearbeitung hätten, dessen Ausmaße alle bisherigen Konstruktionen übertreffen werde. Dieser Riesenvogel soll eine Flügelspannweite von 70 Metern besitzen und mit Motoren von über 3.000 Pferdekräften ausgerüstet werden. Eine Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung dieser Flugmaschine ergibt einen Vergleich mit dem berühmten Amerika-Zeppelin Z. R. 3, dessen Motoren nur 1.500 Pferdekräfte entwickeln könnten.

 (Zum heutigen Vergleich: Der Airbus A380 hat eine Spannweite von knapp 80 Metern. - Hugo Eckener hielt seine damals viel besuchten Vorträge auch in Nordschleswig, schließlich war der in Friedrichshafen tätige Luftschiffskonstrukteur aus Flensburg gebürtig. Das geplante Flugzeug flog aber erst Jahre später, nämlich 1929. Es war das bis heute berühmte Flugboot „Do X“. Der Flugzeugingenieur und Kollege Eckeners Claude Dornier (1884-1969) hatte sich seit 1924 mit der Konstruktion eines großen Flugbootes befasst und nach vielen, teils auch gebauten Zwischenstufen bis zur „Do X“ durchgearbeitet (vgl. Abb. oben).)

 

Freitag, 5. März 1926

Die schriftliche Mittelschulprüfung hat im ganzen dänischen Staatsgebiet begonnen.

Etwas sonderbar hat das überall von der dänischen Schulbehörde gestellte Thema für den „deutschen Aufsatz“ angemutet: Es lautet nämlich: „Erzähl von den Ratten, von dem Schaden, den sie anrichten, und von dem, was man tut, um sie auszurotten“. Zu deutscher Zeit wäre das vielleicht ein Thema für die Prüfung in Naturkunde gewesen, meint die „Neue Tondernsche Zeitung“, aber kaum ein Stoff für einen „deutschen Aufsatz“.

(In der Tat war der „deutsche Aufsatz“ seit dem 19. Jahrhundert in der deutschen Schulpädagogik so etwas wie eine heilige Kuh – in der dänischen natürlich weniger. Dabei fragt man sich heute in der Tat, was hinter der (vielleicht politisch zu lesenden) Kopenhagener Vorgabe eigentlich gesteckt haben mag. Ungezählte Bücher und Aufsätze wurden über Wert und Wirkung des deutschen Aufsatzes geschrieben. Es gab meist ernsthaftere Themen. Beliebt war Schiller, der auch heute noch im Büchmann Seiten füllt und dessen kurze Gedichtzeilen als moralische Maximen besonders im Kaiserreich Erziehung und Staatsgesinnung fördern sollten, aber bei ihrer massenhaften Anwendung zunehmend als leere Worthülsen endeten.)

 

Dienstag, 9. März 1926

Schwarzweiße Anzeige für den Film Vom Piazza del Popolo im Kino Kosmorama mit Filmszene.

 (Der Film (wir sind immer noch im Stummfilm-Zeitalter !), der nicht nur im Sonderburger „Kosmorama“ gegeben wurde, sondern in vielen nordschleswiger Lichtspieltheatern lief, war damals ein Renner und wurde von der Nordisk Film Kompagni als „Fra Piazza del Popolo“ hauptsächlich in Rom gedreht. Als Vorlage diente Vilhelm Bergsøes (1835-1911) gleichnamiger Roman von 1866, der einzige Roman seiner Feder, der auch in Deutschland durchschlagenden Erfolg hatte.)

 

Dienstag, 9. März 1926

Das Shakespeare-Theater in Stratford abgebrannt

Das Shakespeare-Gedächtnis-Theater in Stratford on Avon wurde Sonnabendabend durch Feuer zerstört. Das Museum und die Bildergalerie mit den unschätzbaren Reliquien konnten gerettet werden.

 

Freitag, 12. März 1926

Zum 400-jährigen Geburtstag Heinrich Rantzaus

Am 11. März 1526 wurde Heinrich Rantzau, Statthalter der Herzogtümer und Freund und Förderer der Kunst und Wissenschaft, geboren. Aus Anlass seines 400. Geburtstages gibt die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte einen im 56. Band der Zeitschrift der Gesellschaft erscheinenden Aufsatz über Heinrich Rantzau von Prof. Dr. Richard Haupt als Sonderdruck im besonderen Umschlag heraus. Die Schrift, der 23 Bildtafeln auf Kunstdruckpapier beigegeben sind und die als Sonderdruck nur in beschränkter Auflage erscheint, ist zum Preise von 4 Mark durch die Gesellschaft (Kiel, Gartenstraße 1) zu beziehen.

(Heute wird jeder, der sich erstmals mit Ranztzau beschäftigen will, zunächst zur kleinen 120 Seiten umfassenden Schrift von Dieter Lohmeier: Heinrich Rantzau. Humanismus und Renaissance in Schleswig-Holstein. Husum 2000, greifen. Auch heute ist Heinrich Rantzau nicht vergessen. Zum 500. Geburtstag zeigt das Kreismuseum in Itzehoe die Ausstellung „Heinrich Rantzau. Zwischen Macht und Gelehrsamkeit“ (bis zum 25. Oktober 2026, Dienstag bis Sonntag, 11.00 bis 17.00 Uhr.)

 

Freitag, 19. März 1926 

Die deutsche Glocke vom 19. März 1926

(„Die Deutsche Glocke“ wurde damals als monatliche Beilage der Sonderburger Zeitung ausgeliefert. Die Glocke war eine oberdeutsche Zeitschrift, sodass sich sehr selten Beiträge aus Niederdeutschland fanden. Sie wurde zahlreichen Tageszeitungen in Süd- und Mitteldeutschland beigelegt und erschien von 1925 bis 1937.)

 

Donnerstag, 25. März 1926

Ernst Becker

Dänemarks ältester Pastor, Ernst Becker, ist am Sonnabend in Kopenhagen entschlafen, kaum 92 Jahre alt. Der Verstorbene war früher Pastor in Aller bei Christiansfeld, später in Dronninglund bei Aalborg, wo auch seine Beisetzung erfolgt. Pastor Becker, der ein Küstersohn aus Lysabbel auf Alsen war, zog später wegen seiner dänischen Gesinnung nach Norden.

(Ernst Becker wurde am 11. Mai 1834 als Küstersohn in Lysabbel auf Alsen geboren. Der dortige Pastor H. G. Henningsen, dessen Vater Pächter augustenburgischer Vorwerke war, förderte und unterrichtete ihn. Er wurde 1868 zum Pastor in Aller bestellt und am 6. Dezember in sein Amt eingeführt. Die beiden Kirchenvisitatoren, der Landrat Otto Kier und der Propst H. P. Prahl nahmen die Einführung vor. Vor dem Gottesdienst wurde die Bestallungsurkunde verlesen. Sie war natürlich auf Deutsch verfasst und musste von dem aus Hadersleben gebürtigen Landrat übersetzt werden. Die Bestallungsurkunde verlangte vom Pastor, dass seine Verkündigung auf der Grundlage der Heiligen Schrift und des unveränderten Augsburger Bekenntnisses geschehe. Der nervöse Landrat übersetzte jedoch laut sprechend „den uforandrede augustenborgske Confession“, ein Lapsus, den man ihm nachsehen kann, denn die Augustenburgische Frage war ja erst seit Kurzem gelöst. Weitere Köstlichkeiten dieser Zeit finden sich in dem Erinnerungsbuch Beckers „Barndoms og øvrige Livs Erindringer“, das 1915 erschienen ist.)

 

Donnerstag, 25. März 1926

Internationale Jugendtagung in Kopenhagen

Zu Ostern findet in Kopenhagen eine internationale Jugendtagung statt, an der auch 130 deutsche Sozialdemokraten teilnehmen werden. Es soll eine Demonstration für Abrüstung und Völkerverständigung sein.

(Die Tagung wird nicht in Kopenhagen, sondern vielmehr in Amsterdam stattfinden. Wir kommen darauf zurück.)

 

Sonnabend, 27. März 1926

Langbehn – der „Rembrandtdeutsche“

Am 26. März sind es 75 Jahre, dass der alte „Rembrandtdeutsche“ Julius Langbehn, der Verfasser des berühmten Buches „Rembrandt als Erzieher“, in Hadersleben geboren wurde. Auf dem stillen Friedhof des weltfernen oberbayerischen Dörfchens Puch bei Fürstenfeldbruck im Schatten einer Wallfahrtskirche und einer heiligen Linde hat man den am 30. April 1907 in Rosenheim Gestorbenen begraben. Sein 75. Geburtstag wird in Puch durch einen Morgengottesdienst und eine Ehrung am Grabe begangen. Abends wird im nahen Bruck eine Gedächtnisfeier veranstaltet. Leibl und Hans Thoma haben Langbehn im Bilde verewigt.

(Bekanntlich wurde vor einigen Jahren ein heftiger Streit um die Umbenennung des Langbehnhauses auf dem Knivsberg geführt. Langbehns Buch gilt bei vielen als Stichwortgeber der NS-Bewegung. Doch das bedarf einer differenzierteren Betrachtung. Es entbrannte damals eine Art Stellvertreterkrieg, der objektiv von der Bewältigung der eigentlichen Verstrickung der deutschen Minderheit in die NS-Bewegung ablenkte, und der dann in einer Art Umbenennung des Langbehn-Hauses, die es allen recht machen wollte, endete.)

 

Montag, 29. März 1926

Die Heimat ruft

Deutsch-nordschleswigsche Studenten veröffentlichten den nachfolgenden Aufruf:

Es ist in den weitesten Kreisen Nordschleswigs die Ansicht verbreitet, dass die Söhne deutscher Eltern, die eine akademische Laufbahn einschlagen wollen, an Universitäten in Deutschland studieren müssen. Es ist heute faktisch so, dass mindestens 80 Prozent der deutschen Akademiker Nordschleswigs in Deutschland studieren. Diese 80 Prozent sind für die deutsche Sache in Nordschleswig verloren. Es ist ja mit Freude zu begrüßen, wenn man sich dann in Deutschland zu Vereinen heimattreuer deutscher Nordschleswiger zusammenschließt. Aber wir können es nicht als unsere Aufgabe ansehen, in stiller Resignation unsere Heimat zu verlassen und dann im deutschen Vaterlande in guter Hut mit Wehmut des verlorenen Landes zu gedenken. Es ist jetzt endlich an der Zeit, der Abwanderung, die sich besonders in den akademischen Kreisen bemerkbar macht, Einhalt zu gebieten. Darum ist es notwendig, dass die deutschen Nordschleswiger in Kopenhagen studieren. Natürlich ist es auch sehr erwünscht, dass man auch einige Semester an einer deutschen Universität verbringt. Aber das Studium muss in Kopenhagen angefangen werden, da später ein Übergang vom deutschen ins dänische Studium mit den allergrößten Schwierigkeiten verbunden ist. Wir wissen ganz genau, dass es angenehmer ist, in Deutschland zu studieren und im Kreise Gleichgesinnter ein frohes Studentenleben zu führen. Aber da Opfer muss gebracht werden. Gerade wir Akademiker müssen es als unsere Pflicht ansehen, im Grenzkampfe fest auf unserem Posten zu stehen. Darum, deutsche Nordschleswiger, studiert in Kopenhagen! Deutsche Eltern, denkt an die Zukunft Nordschleswigs! Es ist überaus notwendig, dass wir deutschen Nordschleswiger zusammenhalten und dass kein einziger verloren gehe. Die Heimat ruft Euch!

 

 

Donnerstag, 4. März 1976

Munch-Gemälde aus Rahmen geschnitten und gestohlen

Ein Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch im Werte von 900.000 Mark ist am Dienstag in Stockholms Modernem Museum aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen worden. Wie die Polizei gestern mitteilte, geschah der Kunstraub vermutlich in den frühen Nachmittagsstunden, als das Museum für Besucher offen war. Museumsbeamte erklärten, das Gemälde sei beim Herausschneiden so zerfetzt worden, dass ein Restaurieren äußerst schwierig sein würde. Edvard Munch, der 1944 im Alter von 81 Jahren starb, war ein weltbekannter Maler des Expressionismus.

(Im schwedischen Moderna Museet in Stockholm wurde ein großformatiges Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch gestohlen, das den dänischen Autor Helge Rode (1870-1937) darstellt. Rode, zunächst symbolistischer Lyriker und Dramatiker in der Ibsen-Nachfolge, später eher theologisch motivierter Essayist, war in Deutschland nur mit seinem Drama „Königssöhne“ um 1900 hervorgetreten, was die Kritik, allen voran Alfred Kerr, nicht sonderlich positiv aufnahm. Das zerschnittene Gemälde Munchs tauchte wieder auf, wurde restauriert und hängt heute am gewohnten Standort. Rodes Frau, Edith Rode, hatte dagegen in Deutschland mehr Erfolg. Ihre Bücher erschienen kurz nach der Jahrhundertwende von 1900 bis in die Sechzigerjahre.)

 

Sonnabend, 6. März 1976

Die Totenmaske

Das Original der Totenmaske Friedrichs des Großen, das seit Kriegsende als verschollen galt, ist wieder aufgetaucht. Im Fundus des Neuen Palais zu Potsdam fand es sich in einem Behälter, der vor 30 Jahren ausgelagert und inzwischen nicht mehr geöffnet worden ist. Die Maske soll in Sanssouci ausgestellt werden.

(Die Entdeckung kam nicht von ungefähr.) Denn in der Ära Honecker (1971-1976 Vorsitzender des Staatsrats der DDR) entwickelte sich eine ins Positive gewandelte Revision des Geschichtsbildes über das alte Preußen und die Person Friedrichs des Großen. Das führte schließlich 1986 zum 200. Todestag des Königs zu großen und gültigen Friedrich-Ausstellungen in Ostberlin.

Am Todestag Friedrichs des Großen, am 17. August 1786, nahm der Bildhauer Johann Eckstein (1735-1817) die Totenmaske ab. Ein Blog unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten unterrichtet gut über die Zusammenhänge. Eckstein, in der Nähe Nürnbergs geboren, studierte um 1760 an der damals im Niedergang befindlichen Kunstakademie. Er war dort Schüler von Johann Justin Preisler, dessen Bruder übrigens Nürnberg verließ und später Professor an der neuen, bald europaweit bekannten Kopenhagener Kunstakademie wurde. Auch Eckstein verließ Nürnberg und siedelte nach seinem Berliner Aufenthalt in die USA über. Eckstein formte 1786 seine Totenmaske um, um sie mit dann geöffneten Augen Friedrichs für seine danach geschaffene Büste des verstorbenen Königs zu nutzen, die in zahlreichen Exemplaren überliefert ist (Abb.) Totenmasken hatten einstmals eine große kulturhistorische Bedeutung, bis in die Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. 1927 erschien gewissermaßen abschließend von dem Kunsthistoriker Ernst Benkard (1883-1946) das Buch „Das ewige Antlitz. Eine Sammlung von Totenmasken“. Das Buch machte Aufsehen. Benkard war Professor in Frankfurt und Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“. Er hatte später oft Schwierigkeiten mit der NS-Zensur. Friedrich Ernst Peters (1890-1962), der niederdeutsche Autor, der im Schleswigschen geboren wurde (sein Roman „Baasdörper Krönk“ gehört zu den bedeutendsten Werken der niederdeutschen Literatur überhaupt, ein Geheimtipp für jeden, der Plattdeutsch lesen kann), veröffentlichte aufgrund des Buches von Ernst Benkard seine Gedichtsammlung „Totenmasken“. Dort findet sich neben zahlreichen anderen Gedichten (auf Lessing, Thorvaldsen, Nietzsche) auch ein vierstrophiges Gedicht auf die Totenmaske Friedrichs.)

 

Johannes Eckstein: König Friedrich II. von Preußen. Gips, dunkel gefasst. Potsdam, Schloss Sanssouci. Dort, wo Eckstein 1787 die Totenmaske abnahm, steht heute die von ihm im selben Jahr geschaffene Büste des Königs, die er nach der veränderten Totenmaske schuf.

 

Sonnabend, 13. März 1976

Lang erwartetes Happy End einer Romanze

Eine deutsch-schwedische Romanze fand gestern ihr lang erwartetes und dutzendmal vorausgesagtes Happy-End : König Carl XVI. Gustav von Schweden verlobte sich mit der Olympiahostess Silvia Sommerlath aus München. Der königliche Hof in Stockholm gab das Ereignis in einem knappen Kommuniqué bekannt. Am Abend fand ein Essen im Kreise der Familie auf dem Stockholmer Schloss statt.

(Die Hochzeit wird am 19. Juni des Jahres 1976 folgen. Wir kommen nicht mehr darauf zurück, denn im kommenden Juni 2026 wird in allen deutschen und wohl auch dänischen Medien das Datum zweifellos Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ungezählte Berichterstattungen werden zu erwarten sein.)

 

Montag, 15. März 1976

Max Tau gestorben

Der Schriftsteller Max Tau ist am Sonnabend in Oslo im Alter von 79 Jahren an Herzversagen gestorben. Das wurde am Sonntag in der norwegischen Hauptstadt bekannt.

(Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Max Tau wurde 1897 in Schlesien geboren und studierte in Hamburg, Berlin und Kiel. Bis 1938 war er Lektor im bekannten jüdischen Berliner Verlag von Bruno Cassirer, der bald verboten wurde. Dort hatte er es übrigens mit mindestens einem Autor aus Nordschleswig zu tun. Auch Max Tau musste vor den Nationalsozialisten fliehen. Er ging nach Oslo, nach der Besetzung Norwegens hielt er sich von 1942-1945 in Schweden auf. 1950 erhielt er als erster Preisträger den „Friedenspreis Deutscher Verleger“, der 1951, als Albert Schweitzer ihn erhielt, in Friedenspreis des Deutschen Buchhandels umbenannt wurde, 1965 wurde er Ehrenbürger der Kieler Universität.)

 

Mittwoch, 17. März 1976

Zwei Stillleben, mit dem Namen „Victoria“ gezeichnet und der Königin Victoria von England zugeschrieben, wurden in London versteigert. Sie brachten zusammen 3.200 Pfund Sterling (ca. 16.000 DM). Der heutige Kunstexperte des Hofes, Oliver Millar, hält es für möglich, dass nicht die Königin die Bilder gemalt hat, sondern ihre älteste Tochter, die den gleichen Vornamen hatte.

(Der Expertise von Oliver Millar, der damals schon viele Jahre die umfangreichen und kostbaren Sammlungen von Königin Elizabeth II. betreute (er war übrigens Nachfolger des 1972 als Sowjet-Spion enttarnten berühmten Kunsthistorikers Anthony Blunt), wird man wohl folgen müssen, denn er kannte die Arbeiten beider Monarchinnen, die auch Malerinnen waren. Aber der Kunsthandel will Gewinne machen, damals wie heute. Die erste Victoria bringt mehr Gewinn als die zweite. Der Vorgang erinnert an einen alten Witz: Es gibt fünfhundert Gemälde von Rembrandt, davon sind zweitausendundachthundert in den USA. Die benannten Stillleben stammen natürlich von der Tochter Victoria (1840-1901). Und beide Victorien waren Kaiserinnen, die eine über Jahrzehnte, die Tochter allerdings nur für 99 Tage – und zwar im sog. (deutschen) Dreikaiserjahr. Denn sie war verheiratet mit Friedrich von Hohenzollern, dem Sohn Kaiser Wilhelms I. und Vater Kaiser Wilhelms II. Er bestieg im Jahre 1888 als Kaiser Friedrich III. den Thron. Seine Gemahlin starb nur wenige Monate nach ihrer Mutter, verbittert über den Gang der deutschen Politik und Geschichte, wie sie sie nach dem Tod ihres Mannes miterleben musste, ohne nennenswert eingreifen zu können. Zeitlebens war sie mit den Künsten und der Malerei befasst und eine bemerkenswerte Aquarellmalerin. Über lange Jahre verlebte sie ihre Sommerfrische, wie man es einst nannte, auf Föhr, wie Jahre vor ihr der dänische Kronprinz und spätere König Christian VIII. mit seiner Gemahlin. Unsere Abbildung zeigt Victoria einige Monate vor ihrer Verheiratung mit Prinz Friedrich 1859. Das lebensgroße Kniestück im Hochoval stammt von dem berühmtesten Porträtmaler der großen Welt seiner (und ihrer) Zeit, von Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), der aus einer armen Familie im Schwarzwald stammte. Es hängt heute im Grand Vestibule des Buckingham Palastes in London, das gelegentlich für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Ein Aquarell von der Hand Victorias wurde übrigens vor einiger Zeit für über 6.000 Euro versteigert. Arbeiten der Queen Victoria sind seltener, bringen dafür (auch heute noch) mehr.)