Wort zum Sonntag

So viel Zeit

Ein schlichtes Holzkreuz ragt vor einem strahlend blauen Himmel mit lockeren Wolkenformationen in die Höhe.
„Der Nordschleswiger“ veröffentlicht jedes Wochenende ein Wort zum Sonntag aus der deutschsprachigen Gemeinde.

Ein Wiedersehen nach fast 50 Jahren – und doch ist Vertrautes geblieben. Was bleibt von uns, was darf sich verändern? Pastor Axel Bargheer schreibt in seinem Wort zum Sonntag über Beständigkeit, Aufbruch – und darüber, warum wir keine bessere Version von uns selbst sein müssen.

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Wort zum Sonntag

Mit dem Wort zum Sonntag richten sich im Wechsel die Pastorinnen und Pastoren der Nordschleswigschen Gemeinde der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, der deutschsprachigen Gemeindeteile der dänischen Volkskirche und der deutschsprachigen Gemeinde in Kopenhagen an die Leserinnen und Leser des „Nordschleswigers“. Es stellt keine Stellungnahme der Redaktion dar.

Vor ein paar Wochen traf ich in der Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin, eine alte Freundin wieder. Wir gingen damals aufs gleiche Gymnasium, doch nicht in dieselbe Klasse. Wir trainierten aber im gleichen Ruderklub und fuhren beide zu Regatten. Mit dem Abitur verloren wir uns aus den Augen, nur noch einmal trafen wir uns bei einer gemeinsamen Freundin in Hamburg. Es ist lange her. So viel Zeit. Aber ich erinnere mich gern. Es war eine gute Zeit.

Seitdem ist viel geschehen. Seit Kurzem habe ich wieder regelmäßig in der Kleinstadt, in der wir beide aufgewachsen sind, zu tun. So erfuhr ich auch, dass ihr Vater hochbetagt immer noch dort lebt, und dass sie sich um ihn kümmert. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir uns über den Weg laufen würden, und wenn nicht, könnte man ja nachhelfen.

Ich glaube nicht an Zufälle, und so trafen wir uns kurz vor Weihnachten bei einer Veranstaltung, von der sie den Vater abholte.

So viel Zeit war seit der letzten Begegnung vergangen, fast 50 Jahre. Trotzdem war kaum Fremdheit da, wahrscheinlich, weil wir uns auch damals gut verstanden hatten. Wir stellten beide fest, dass wir uns verändert haben. Wir haben Entwicklungen und unterschiedliche Erfahrungen gemacht, und wir sind Wege gegangen, von denen wir uns damals als Teenager kein Bild gemacht hatten. Inzwischen haben wir beide selbst Kinder und Enkelkinder.

Trotzdem stellten wir schon vom ersten Moment unseres Wiedersehens an fest, dass wir uns in einigen typischen Dingen wiedererkannten, die sich nicht geändert hatten. Beides fand ich sehr gut und vor allem beruhigend.

Ich finde es gut, erkennbar zu sein, das bedeutet Verlässlichkeit. Aber das bedeutet nicht, dass keine Entwicklung notwendig ist. Vor allem kann Veränderung Freude, neue Erkenntnisse und Inspiration bedeuten.

Wie so oft, wird erst aus dem Zusammenspiel verschiedener, manchmal gegensätzlicher Dinge und Entscheidungen mein ganz eigenes und besonderes Leben. Wir haben so viel Zeit, uns zu entwickeln, manchmal auch zu verändern und neu anzufangen, aber auch die Dinge festzuhalten, die es wert sind, bei uns zu bleiben. Dazu müssen wir uns nicht mit anderen vergleichen oder uns einreden lassen, wir müssten eine bessere Version von uns werden. 

Gott hat uns mit Fähigkeiten und Gaben ausgestattet, die wir anwenden und gebrauchen können. Er weiß aber auch, dass wir – wie alle anderen auch – Schwächen und Grenzen haben. 

So sind wir in die Welt gekommen – weil Gott es so gewollt hat. So gehen wir unseren Weg – Gott gibt uns die Zeit dazu.

Axel Bargheer, Pastor der Deutsch Reformierten Kirche in Kopenhagen