Kultur

Horst Schlämmer auf Mission Deutschland-Rettung

Hape Kerkeling als Horst Schlämmer in einer Szene des Films «Horst Schlämmer sucht das Glück».

Eigentlich war Horst Schlämmer, der wandelnde Herrenwitz, schon ausgemustert. Doch nun ist er in abendfüllender Länge zurück. Schlämmer-Schöpfer Hape Kerkeling erklärt im Interview, warum.

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Zusammenfassung

  • Hape Kerkeling bringt seine Kunstfigur Horst Schlämmer im Kinofilm „Horst Schlämmer sucht das Glück“ zurück und schickt sie auf eine Reise durch ein missgestimmtes Deutschland.
  • Um die altmodische, oft grenzüberschreitende Figur ins Jahr 2026 zu holen, stellt Kerkeling ihr mit Kamerafrau Anna eine junge Korrektiv-Stimme zur Seite und zeigt Schlämmer gezähmter, aber im Kern unverändert.
  • Kerkeling sieht Schlämmer als offenen Gesprächssucher in einer polarisierten Gesellschaft und hofft, dass der Film den Blick fürs Positive schärft und deutlich macht, dass Glück vor allem in einem selbst zu finden ist.

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Es gibt eine wirklich irreale Szene in Hape Kerkelings neuem Kinofilm. Horst Schlämmer thront in voller Pracht mit seinem beigen Trenchcoat, Herrenhandtäschchen, Überbiss und Schnappatmung auf einem zu kleinen Stuhl, und ihm gegenüber sitzt niemand anderer als Kardinal Rainer Maria Woelki und lacht sich kaputt. Eben jener Kirchenfürst, der sich seit Jahren in seinem Erzbischöflichen Haus verkapselt und von der Außenwelt abschottet. Ausgerechnet Horst Schlämmer hat ihn aus seiner Isolation erlöst. Er wirkt richtig befreit.

Wie ein Wiedergänger aus einer längst überwunden geglaubten Zeit ist der stellvertretende Chefredakteur des «Grevenbroicher Tagblatts» in die Gegenwart zurückgekehrt, und das gleich abendfüllend mit dem Kinofilm «Horst Schlämmer sucht das Glück». Das ist angelehnt an die italienische Zeichentrickserie «Herr Rossi sucht das Glück» von 1976. 

Schlämmer-Schöpfer Hape Kerkeling, Jahrgang 1964, hat sich das damals in seiner Recklinghäuser Heimat natürlich im Fernsehen angeschaut. Es war eine lustige Serie, aber mit einem schon für Kinder wahrnehmbaren melancholischen Unterton. Herr Rossi reiste durch Raum und Zeit, aber das Glück war nie dort, wo er sich gerade befand. 

So ähnlich geht es nun auch Horst Schlämmer. Die Stimmung in Deutschland ist mies, jeder weiß das, und dies gilt selbst für das Rheinland. Deshalb geht der Grevenbroicher Horst auf die Suche nach einem Gegenmittel – es wird eine Odyssee kreuz und quer durch Deutschland, so ähnlich wie Asterix und Obelix manchmal ganze Länder abreisen und dabei den komischsten Vögeln begegnen. 

Passt Horst Schlämmer noch ins Jahr 2026? 

Nun ergab sich in diesem Fall allerdings das Problem, das Horst Schlämmer eine Figur ist, die vor über 20 Jahren erfunden wurde. Ein alter weißer Mann, der neben seiner undeutlichen Aussprache samt Grunzlauten in erster Linie für seine übergriffige Art, namentlich gegenüber Frauen, bekannt ist. Kerkeling entwarf ihn anfangs als Rache an allen Reportern, die ihm im Laufe seiner Karriere in Provinzfoyers und Garderoben aufgelauert hatten. Ein Typ, bei dem man sich den Mundgeruch dazudenkt. 

Doch die Figur verselbständigte sich, begann ihr eigenes Leben, wurde zu seiner mit Abstand populärsten Kreation. Zwischenzeitlich hat er sie zwar auch mal beerdigt, doch auf Dauer kam er ebenso wenig von ihr los wie Sir Arthur Conan Doyle von Sherlock Holmes. 

Jetzt kann Schlämmer, dieser wandelnde Herrenwitz, im Jahr 2026 allerdings nicht mehr unbeaufsichtigt auf die Menschheit losgelassen werden. Man hat ihm nun eine junge Frau an die Seite gestellt, die Kamerafrau Anna (Laura Thomas). Sie könnte nach Schlämmers Dafürhalten seine Tochter sein, nach ihrer eigenen Einschätzung eher seine Enkelin. Anna kommt nicht ins Bild, sondern filmt und dirigiert ihn aus dem Off. 

Wenn Schlämmer einer Frau mal wieder schwitzige Komplimente macht, weist ihn Anna darauf hin, dass man das Aussehen anderer Leute heute grundsätzlich nicht mehr kommentiert. Insgesamt wirkt Schlämmer unter ihrer Anleitung zahmer als früher, fast schon wie ein großer tapsiger Teddybär, nur eben etwas streng riechend und mit ranzigem Fell.

Ein wenig altersmilde und weniger nachtragend, ja, so weit will Hape Kerkeling (61) im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur gerade noch gehen. Aber auch nur ein wenig. «Der Horst hat sich nicht wesentlich verändert», betont er. «Er hatte immer seine eigene Sicht auf die Welt, und die war nicht immer einwandfrei. Aber dadurch, dass die Welt um ihn herum chaotischer geworden ist und Leute im öffentlichen Raum sich zu Äußerungen herablassen, die sich Horst nicht einmal im privaten Gespräch erlauben würde, hat sich da die Grenze etwas verschoben. Der Horst ist eigentlich insofern mit der Zeit gegangen, als dass sein Verhalten heute normaler wirkt, als es damals war.» Donald Trump ist Horst Schlämmer zum Quadrat. Aber natürlich ohne Herz.

Kerkeling spricht über seine Figur wie ein nachsichtiger Vater: liebevoll und hoch engagiert, mitunter seufzend, dann wieder laut lachend. Zwischendurch kann er sehr nachdenklich werden in dieser Unterhaltung hoch über den Dächern von Köln, besonders wenn er auf die Welt- und Zeitlage zu sprechen kommt. Insgesamt wirkt er gelöst, in sich ruhend – glücklich? Im Hintergrund hört sein freundlicher Mann Dirk Kerkeling zu. 

Kerkeling spielt sich selbst – als absoluten Kotzbrocken

Die weibliche Hauptfigur des Films ist Schlämmers Lieblingsschauspielerin Gabi Wampel, verkörpert von Comedienne Tahnee Schaffarczyk (33). Sie stammt im realen Leben passenderweise aus Heinsberg ganz in der Nähe von Grevenbroich. Wampel tritt unter anderem in sechs Filmausschnitten aus Feel-Good-Formaten der 60er bis 90er Jahre auf. Es sind nostalgische Rückblenden in eine Zeit, in der Deutschland noch mit sich im Reinen war, jedenfalls in der Erinnerung der heute Lebenden. Wie in seinen früheren TV-Sendungen ist Kerkeling in diesen Einspielfilmen immer wieder in anderen Rollen zu sehen. Einmal ist er sogar er selbst – und behandelt den armen Horst gar nicht nett. «Es macht so einen Spaß, sich selbst als arroganten Kotzbrocken zu spielen», sagt er grinsend. 

Wenn Soziologen und Psychologen beklagen, dass sich die Deutschen seit Corona in ihre eigene Bubble zurückgezogen hätten, dass die private Streitkultur praktisch zum Erliegen gekommen sei und alle nur noch mit Gleichgesinnten kommunizierten, dann ist Horst Schlämmer das leuchtende Gegenbeispiel. Ob Berliner Clanmitglieder, die High Society auf Sylt, der egomanische Ministerpräsident von Bayern oder eben sogar Woelki: der Mann vom Niederrhein lässt den Gesprächsfaden nie abreißen. «Isch hab da ma' ne Frage...» 

Wir können uns alle eine Scheibe vom Horst abschneiden

Und das ist eben der Grund für die Rückkehr Horst Schlämmers: Er, der sich weder um Konventionen noch um Zeitgeist schert, der sie vermutlich noch nicht einmal kennt, ist der große Kontakter, den Deutschland jetzt braucht. «Er ist auf Offenheit getrimmt, auch wenn sein geistiger Horizont manchmal verengt wirken kann», sagt Kerkeling. «Aber er beweist, dass es sich lohnen kann, sich neuen Ideen zu öffnen. Insofern kann man sich da von Horst immer noch eine Scheibe abschneiden. Wenn Horst das kann, dann kann das jeder.» Seine Hoffnung: Vielleicht kann der Film dabei helfen, den Blick zu weiten und auch das Positive zu sehen.

Findet Horst Schlämmer denn nun am Ende sein Glück? Kerkeling will nicht zu viel verraten, klar. «Aber das Glück trifft einen nur, wenn man dafür bereit ist», lautet seine Überzeugung. «Und wenn man erkennt, dass das Glück irgendwo in einem selbst schlummert und nicht unter Palmen, nicht in den Bergen. Dieser Möglichkeit geht der Film auf die Spur. Und ich glaube, der Film sorgt dafür, dass man als Zuschauer – fast unabhängig davon, in welcher Verfassung man reingeht – in etwas besserer Verfassung wieder rauskommt. Und das ist dann schon viel, finde ich.»