Familie

Gefahr durch soziale Medien: Davor warnen die Experten in Schleswig-Holstein

Digitale Anhörung: Die Landtagspolitiker Heiner Garg (FD), Sybilla Nitsch (SSW), Sophia Schiebe (SPD; Jan Kürschner (Grüne) und Kianusch Stender (SPD, v. l.).

Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen hat einen riskanten Umgang mit sozialen Medien. Was Landespolitiker jetzt dagegen tun wollen.

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Zusammenfassung

  • Experten im Landtag Schleswig-Holstein warnen vor schweren und teils irreparablen Folgen früher und intensiver Social-Media-Nutzung für die psychische Gesundheit von Kindern.
  • Sie verweisen auf stark steigende Zahlen krankhafter und riskanter Nutzung, fehlende Impulskontrolle sowie Überforderung von Eltern und Ärzten angesichts suchtfördernder Techniken der Tech-Konzerne.
  • Gefordert werden strengere Regeln wie wirksame Altersbegrenzungen, Verbote und EU-weite Lösungen sowie mehr Beratung, Medienbildung und sichere digitale Teilhabe für Kinder und Jugendliche.

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Gertraud Teuchert-Noodt sagt es ganz direkt: „Wir haben eine Generation von Dummen in die Welt gesetzt.“ Die Professorin für Neuro-, Evolutions- und Humanbiologie von der Uni Bielefeld sitzt ganz hinten im Plenarsaal des Landtags und ist an diesem Tag für klare Meinungsäußerungen zuständig.

Den ganzen Tag debattiert sie mit vielen Experten und den Mitgliedern des Sozial-, des Bildungs-, des Wirtschafts- sowie des Innen- und Rechtsausschusses im Landtag über den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gefahren aus den sozialen Medien.

Nur sind gar nicht so viele Abgeordnete zu dem Termin gekommen, um den Wissenschaftlern und Praktikern zuzuhören. Deswegen erfahren nur wenige Entscheidungsträger, wie die Psychose-Forscherin erklärt, dass durch frühe Mediennutzung die Stirnhirnentwicklung von Kindern auf der Strecke bleibe.

Und sie hören auch nicht, dass Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Uni Bochum, erklärt, dass diese Schäden nicht reparabel seien. Drei Viertel aller Unter-13-Jährigen nutzten soziale Medien, sagt sie. Und: „Psychische Gesundheit beginnt im Kindesalter.“

Digitalisierung macht krank?

Umgekehrt bedeute das, dass „problematische Mediennutzung mit schlechter psychischer Gesundheit einhergeht“, erklärt Kerstin Paschke, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. 350.000 Kinder hätten ein krankhaftes Nutzungsverhalten sozialer Medien. Und die Zahl habe sich in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt.

Hinzu komme, dass jeder fünfte Heranwachsende ein zumindest riskantes Nutzungsverhalten zeige – von mehreren Stunden täglich. „Wir haben also ein Viertel der Jugendlichen, das Hilfe braucht“, sagt Paschke. Denn überbordender Medienkonsum könne zu Angststörungen, Depressionen, ja auch zu Suiziden führen.

Digitaler Konsum gefährdet Jugend

„Wir haben eine sehr große Not in den Praxen und sind verzweifelt angesichts der Komplexität und des Tempos“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Schleswig-Holstein, Ralf van Heek. Immer mehr Kindern fehle durch den digitalen Konsum Impulskontrolle oder Frustrationstoleranz.

Viele seiner Kollegen fühlten sich dem Problem hilflos ausgeliefert. Für den Mediziner ist klar, dass die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen nicht allein den Eltern überlassen werden dürfe. „Denn die sind ja selbst überfordert“, sagt Paschke, und Juliane Dürkop, Vorsitzende der Landesgruppe Schleswig-Holstein im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, ergänzt: „Die Eltern sind ja auch machtlos gegen die internationale Techszene.“

Dass die gezielt suchtmachende Techniken einsetzen, um Kinder und Jugendliche länger an den digitalen Geräten zu halten, ist für die Experten klar. Deswegen wollen sie Regeln für und Befähigungen von Jugendlichen in der digitalen Welt. „Verbote wirken“, sagt van Heek. Im Straßenverkehr könne man sehen, dass die zwar täglich übertreten werden, aber doch Normen schafften und damit die Sicherheit erhöhten.

Wie kann ein Social-Media-Verbot funktionieren?

Nur sei ein Verbot eben schwer und wirksam nur auf EU-Ebene durchzusetzen, meint Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung. Er ist dennoch dafür, den Druck auf die Techkonzerne zu erhöhen, damit die sich selbst Beschränkungen auferlegen. Allenfalls gebe es auf nationaler Ebene Möglichkeiten wie in Griechenland. Dort soll die staatliche App „Kids Wallet“ dafür sorgen, dass Plattformen wie Facebook, Tiktok, Instagram und X blockiert werden, wenn die digitalen Geräte auf minderjährige Nutzer registriert sind.

Jugendliche haben Rechte

Aber die jungen Menschen sollen eben auch nicht von allem ausgeschlossen werden. „Kinder und Jugendliche brauchen Schutz – aber sie brauchen ebenso Beteiligung, Befähigung und sichere digitale Teilhabe. Einfache Lösungen greifen bei komplexen Herausforderungen zu kurz“, erklärt Benjamin Holm, Geschäftsführer der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein.

Und doch geht es immer wieder in der Diskussion um wirksame Altersbegrenzungen oder darum, wie man Jugendliche vor verstörenden Inhalten wie Gewalt oder Pornografie schützen kann. Dass ein kleines Land wie Schleswig-Holstein da allein wenig ausrichten kann, ist aber auch klar. Allenfalls wird aus den Statements der Abgeordneten deutlich, dass sie mehr für die Beratung von Eltern und Jugendlichen tun könnten, um das Problem einzudämmen.

Denn die Politiker sind sich der Gefahren für die Jugend durch die sozialen Medien durchaus bewusst, diskutieren Präventionsprogramme und Konzepte zur Medienbildung und ja, auch über Altersbeschränkungen und Verbote – auch wenn dem SPD-Abgeordneten Kianusch Stender das Statement der Bielefelder Professorin Teuchert-Noodt über die „Generation der Dummen“ dann doch zu weit geht: „Wir haben vielleicht den Zugang zu den sozialen Medien zu sehr jedem selbst überlassen.“

Da nicken manche Experten und Politiker mit dem Kopf, und ein Praktiker hat noch einen ganz anderen Vorschlag: „Wie wäre es denn, wenn wir die Social-Media-Nutzung über 16 Jahren verbieten?“, fragt Henning Fietze vom Offenen Kanal Schleswig-Holstein. „Das wäre bestimmt bereichernd für unsere digitale Welt.“