Sie wäre die erste Frau auf dem Posten: Am 25. Oktober wird auf dem Fuen-Kongress in Südtirol eine neue Präsidentin oder ein neuer Präsident für den Dachverband europäischer nationaler Minderheiten gewählt – und Olivia Schubert will es werden.
Die Frage, die mehr polarisiert als das Geschlecht der Kandidatinnen und Kandidaten: Kehrt das Amt ins deutsch-dänische Grenzland zurück – oder bleibt die Fuen-Leitung in Südosteuropa?
Der jetzige Präsident Loránt Vincze ist Ungar aus Rumänien. Olivia Schubert tritt für die Ungarndeutschen an. Gegen Gösta Toft aus Nord- und Jens A. Christiansen aus Südschleswig. Vor allem in Deutschland gibt es Bedenken, dass ein möglicher Einfluss der ungarischen Regierung um Viktor Orbán dem Ruf und Einfluss der Fuen schaden könnte.
Was sie von solchen Bedenken hält und was sie mit Europas Minderheiten vorhat, dazu äußert sie sich im Interview per Stream aus Budapest.
Was hat sie motiviert, für das Fuen-Präsidentinnenamt zu kandidieren?
„Ich habe die Fuen-Arbeit schon seit vielen Jahren mitverfolgen können. Obwohl ich jetzt erst in dieser Legislaturperiode Vizepräsidentin geworden bin, bin ich als Mitarbeiterin der LDU (Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, Red.) schon seit über 20 Jahren in diesem Bereich tätig und auch mit der Fuen verbunden. Ich hatte auch zweimal die Gelegenheit, im Namen unserer Organisation, den Kongress für die Fuen zu organisieren, in 2008 und jetzt in 2023. Und ja, dann wurde ich von vielen Stellen auch angefragt, ob ich mir diese Position vorstellen könnte und ich habe jetzt die Stärke und die Kraft in mir gefühlt und gespürt, dass ich jetzt versuchen möchte, auch einen Schritt weiter zu gehen und nicht nur als Vizepräsidentin, sondern als Präsidentin zu kandidieren.“
Sie wären die erste Frau in der Position. Welche Rolle spielt das bei ihrer Kandidatur?
Es wäre natürlich auch nach innen wichtig, dass wir unseren Mitgliedsorganisationen das Gefühl geben, dass wir auch von anderen Staaten wertgeschätzt und unterstützt werden.
Olivia Schubert
„Ich würde schon sagen, dass das für mich eine Rolle spielt, dass ich als Frau auch die Frauen vertreten kann. In erster Linie denke ich natürlich, dass diese Position von jemandem besetzt werden soll, der die nötigen Kompetenzen aufweist, der auch das nötige Netzwerk dazu hat und vor allem auch eine Vorstellung davon, wie es in der Zukunft weitergehen sollte mit der Fuen. Aber ich muss zugeben, dass es auch eine Rolle gespielt hat, dass ich als Frau zeigen möchte, dass Frauen auch imstande sind, solche Positionen innezuhaben. Das war bei uns im Kleinen, wo wir zu zweit als Frauen die Leitung der LDU übernommen haben, ja auch ein Meilenstein. Wir hatten bisher auch nur Männer in dieser Position und jetzt leiten wir in der zweiten Legislaturperiode die Landeselbstverwaltung, wurden im vergangenen Jahr wiedergewählt – und zwar fast einstimmig. Das war eine großartige Rückmeldung für unsere Arbeit.“
In Nordschleswig ist die deutsche Minderheit noch nicht ganz so weit und hat immer nur Männer an der Spitze gehabt – und das Grenzland schickt jetzt auch zwei Männer ins Rennen um die Fuen-Spitze. Aber worin unterscheiden sie sich inhaltlich von ihren Gegenkandidaten Gösta Toft und Jens A. Christiansen?
„Es gibt Unterschiede und es gibt auch Unterschiede zwischen den beiden Männern. Wir sind drei Persönlichkeiten mit drei Hintergründen. Natürlich komme ich aus einer ganz anderen Region als die beiden Herren, wobei ich denke, dass wir inzwischen viel mehr Gemeinsamkeiten haben als noch vor 30 oder 35 Jahren, nicht zuletzt dank des EU-Beitritts (Ungarn trat 2004 der EU bei, Red.). Und auch dank der engen Zusammenarbeit. Gerade in der Anfangszeit, den 90er-Jahren oder Anfang der 2000er, hatten wir mit beiden, also mit der deutschen Minderheit, aber auch mit der dänischen Minderheit, enge Kontakte. Wir konnten einander dadurch kennenlernen und voneinander lernen. Wir haben diese Hilfen sehr hoch geschätzt und es hat uns geholfen, uns zu entwickeln.“
Wo liegen trotz der gemeinsamen Geschichte Unterschiede?
„Es gibt geschichtliche Hintergründe und Erfahrungen, die hier bei uns anders waren als im deutsch-dänischen Grenzland. Wir sind hier sehr viele Minderheiten, hier in Ungarn sind es zurzeit 13 anerkannte Minderheiten, und dazu komme ich selbst auch aus einem Grenzland. Von daher kenne ich beides – wie es ist, an der Grenze zu leben, und auf beiden Seiten Minderheiten zu haben. Zudem kenne ich die außergewöhnliche Situation, dass es gleich 13 Minderheiten in einem Lande gibt. Und da muss man dann sehr stark das Gemeinsame suchen, damit man auch gemeinsam die Interessen vertreten kann. Und ja, ich bin auch eine andere Generation als die beiden Herren und wahrscheinlich dadurch auch teilweise anders aufgewachsen, auch mit anderen technischen Mitteln, eventuell mit anderen Denkweisen. Aber ich kenne beide Herren sehr, sehr gut und wir haben in sehr vielen Dingen sehr ähnliche Ansichten."
Also keine Kollegenschelte?
„Nein, mit Gösta arbeite ich gemeinsam im Präsidium zusammen und mit Jens sind wir im Europäischen Dialogforum gemeinsam aktiv – also ich habe die beiden Herren in den vergangenen Jahren näher kennenlernen können und ich muss zugeben, in den großen Grundprinzipien und in den großen Zielen, die die Fuen sich gesetzt hat, da verstehen wir uns auf jeden Fall sehr gut."
(Fortsetzung nach den Informationen über die Fuen)
Zu den großen Zielen kommen wir gleich noch. Eine Frage, die die Menschen hier im Grenzland natürlich interessiert: Wenn jetzt wieder jemand aus der südosteuropäischen Region an die Fuen-Spitze kommt – droht dann der Standort Flensburg für die Fuen, für die Minderheitenzusammenarbeit in Europa auch rein geografisch wegzubröckeln?
„Diese Frage hat sich überhaupt nicht gestellt, wenigstens nicht bei mir oder in meinem Kopf. Nein, es gibt einige Grundlagen, die sich mit der Fuen verbinden. Eine dieser Grundlagen ist natürlich, dass sie einen festen Sitz in Flensburg hat und dass die Geschichte der Fuen sehr eng mit dem Grenzland verbunden ist. Das ist eine Sache, die wir respektieren müssen und womit wir auf jeden Fall weiterarbeiten müssen. Für mich steht absolut fest, dass wir mit der jetzigen Struktur weiterarbeiten sollten und wir sollten die geschichtlichen Anfänge und die Grundlagen, auf denen die Fuen aufgebaut ist, würdigen und weiterhin damit arbeiten.“
Die Fuen vertritt Minderheiten in ganz Europa. Das Geld dafür kommt aber überwiegend aus zwei Quellen: Deutschland und Ungarn. Soll das so bleiben?
„Ich glaube, das ist ein gemeinsamer Wunsch von uns allen, den wir auch immer wieder debattieren: Wie können wir noch breiter aufgestellt werden? Wie können wir uns breiter unterstützen lassen? Einerseits, damit wir nicht von einem oder von zwei Förderern abhängen, und andererseits, weil das dann auch unserer Reputation viel mehr Gewicht geben könnte. Denn es wäre natürlich auch nach innen wichtig, dass wir unseren Mitgliedsorganisationen das Gefühl geben, dass wir auch von anderen Staaten wertgeschätzt und unterstützt werden."
Wie könnte das aussehen?
„Also wir arbeiten da als Fuen schon dran. Es ist kein neuer Wunsch, und auch schon in den vergangenen beiden Perioden arbeiteten sowohl der Präsident als auch das Präsidium daran, neue Förderquellen zu finden. Es ist aber nicht einfach. Deshalb führen wir zugleich Gespräche auf Landesebene, aber auch auf regionaler Ebene, und da müssen wir am Ball bleiben und uns auch zweimal, dreimal, viermal mit denselben Akteuren zusammensetzen, damit wir einen Erfolg erreichen können. Die Fuen muss finanziell stabil bleiben. Es gab eine Zeit, wo diese Stabilität ziemlich in Gefahr geraten ist, deshalb gehört es auch zu den Prioritäten, dass wir uns dann auch nach neuen Förderquellen umschauen.“
Können Sie da ein wenig konkreter werden? Wo wird da geguckt? Damals sprang Ungarn ein. Doch ein Spannungsfeld der Fuen ist es ja gerade, dass sie einerseits die nationalen Regierungen überbrücken will, indem sie europäischen Minderheitenschutz fordert. Andererseits muss das Geld aus den Hauptstädten kommen – oder wo sehen Sie sonst Möglichkeiten?
„Also es gibt da zwei Ebenen. Die eine Ebene sind die Staaten und die zweite Ebene sind EU-Fördermittel. Bei den Staaten müssen wir noch mehr auf die einzelnen Regionen innerhalb der Staaten zugehen, und ich rede jetzt nicht nur über Deutschland oder über Ungarn, sondern auch über Staaten von unseren anderen Mitgliedsorganisationen – sowohl in Westeuropa als auch in Osteuropa. Es gibt Fälle, wo ich denke, dass Minderheitenschutz gerade etwas mehr Gewicht bekommt. Es hängt dann natürlich immer von der jeweiligen politischen Situation ab, aber hier wollen wir die Möglichkeiten ausloten. Zum Zweiten hat die Fuen ja schon mal einen Antrag auf EU-Förderung gestellt. Es ist wichtig, das weiter zu versuchen. Wenn es nicht über dieselbe Ausschreibung geht, dann gilt es, andere, ähnliche Wege zu finden und Lobbyarbeit zu betreiben, damit dann in naher Zukunft wieder die Möglichkeit besteht, EU-Mittel zu bekommen.“
Sehen sie es in dem Zusammenhang als Schwäche der Fuen, dass einige große Minderheiten in Westeuropa ihr nicht angehören?
„Klar wäre das natürlich von Vorteil, Mitglieder, die uns mehr Gewicht verleihen können, zu haben. Aber wir sind inzwischen so viele Mitglieder aus so vielen Ländern, dass wir auch dort die Zusammenarbeit stärken sollten. Es ist einerseits wichtig, dass wir die sprachlichen Arbeitsgruppen haben, aber ich würde es begrüßen, wenn wir viel mehr Zusammenschlüsse und Kooperationen auch zwischen den sprachlichen Gruppen hätten. Also neue Initiativen grenz- und sprachübergreifend, sodass wir einander stärken und groß machen.“
Kommen wir zum Elefanten im Raum, jedenfalls aus dänischer und deutscher Sicht: Der heißt Viktor Orbán und Fidesz. Wie groß ist die Nähe der Fuen zu Orbán, wenn jetzt Sie Präsidentin werden? Welchen Einfluss hätte Budapest auf die Fuen-Präsidentin?
„Also ich kann mich nicht erinnern, dass den beiden Herren ähnliche Fragen gestellt wurden bezüglich ihrer Ministerpräsidenten. Zu unseren Grundprinzipien gehört es, dass sich die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen als eine eigenständige, selbstständige und von allen Parteien unabhängige Organisation versteht. Und darauf legen wir großen Wert. Wir achten sehr auf diese Unabhängigkeit, vor allem, weil wir, die LDU, die Vollversammlung, aber auch die ungarndeutsche Gemeinschaft an sich, eine sehr, sehr heterogene Gemeinschaft sind. Da sind wirklich Mitglieder von allen politischen Einstellungen und Richtungen, und wir können es uns nicht erlauben, dass wir uns politisch für eine Seite entscheiden. Unser Ziel ist es immer, mit allen jeweiligen Regierungen und allen Parteien in Ungarn zusammenzuarbeiten. Und dementsprechend geht es auch in die Zukunft. Wir werden nächstes Jahr Wahlen haben. Und wer weiß, wer nächstes Jahr die Wahlen gewinnen wird? Wie es dann weitergeht? Für uns ist es wichtig, dass Kontinuität besteht, egal, welche Parteien in Ungarn die Regierung bilden. Unser Ziel ist es immer, dass Minderheitenschutz und die Förderung der Minderheiten weiterhin Regierungsziel bleiben. Und das hören wir jetzt von allen Parteien, die nächstes Jahr ins Rennen gehen. Wir hoffen, dass, egal wer dann die Regierung bildet, das dann ernst nimmt.“
Also würden Sie auch als Fuen-Präsidentin die Minderheitenpolitik der ungarischen Regierung, wenn es dazu Anlass gibt, immer offen kritisieren?
Natürlich, das tun wir auch heute. Es gibt mehrere Beispiele, wo die deutsche Minderheit angegriffen wurde, oder wo wir das Gefühl hatten, dass wir durch konkrete Aktivitäten oder Maßnahmen im öffentlichen Leben benachteiligt wurden. Zwar nicht von staatlicher Seite, aber da haben wir auch sehr deutlich unsere Kritik geäußert, auch in Schriftform. Auch in öffentlichen Interviews und durch Aufrufe, und das machen wir auch in Zukunft, wenn es nötig ist.
Apropos Zukunft: Wie wollen Sie es schaffen, dass auf künftigen Fuen-Kongressen nicht nur mehr Frauen, sondern auch mehr junge Menschen zu Wort kommen?
„Ich sehe erfreulicherweise immer mehr junge Gesichter auf den Kongressen. Es ist wichtig, dass wir bei all den Projekten, die wir machen, Jugendliche ansprechen und die Jugendlichen auch daran beteiligen. Die Fuen hat inzwischen eine Reihe von Projekten. Es bestehen unglaublich viele Möglichkeiten, sich daran zu beteiligen. Es liegt aber natürlich an den Mitgliedsorganisationen, ob sie auch den Raum geben, um da mitzuwirken. Ich würde mir wünschen, dass viele unserer Mitgliedsorganisationen den Weg gehen, den wir bei der LDU gegangen sind. Wir haben vor gut 15 Jahren einige feste Plätze für die Jugendlichen auch in der Vollversammlung reservieren lassen und unsere regionalen Verbände dazu aufgerufen, mehr Jugendliche auch in den örtlichen Selbstverwaltungen ins Rennen zu schicken. Und die Resultate zeigen, dass das eine gute Initiative war. Bei der Vollversammlung ist etwa die Hälfte der Vollversammlungsmitglieder um die 40 oder jünger – und auch in den örtlichen Selbstverwaltungen haben wir inzwischen sehr viele junge Leute. So könnte es auch bei der Fuen laufen.“
Was wollen Sie hinterlassen haben, wenn Sie irgendwann auf ihre Fuen-Präsidentschaft zurückblicken könnten? Eine neue Minority Safe Pack Initiative?
„Hm – also Verjüngung auf jeden Fall. Das ist aber ja auch ein natürlicher Prozess, den wir fördern können, indem wir Chancen bieten. Und zur MSPI – da wissen wir, dass es inzwischen ein Langlauf ist. Der hat schon vor vielen Jahren begonnen und es wird wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis wir da erste Ergebnisse erreichen. Wir haben uns jetzt das Ziel gesetzt, dass wir auf jeden Fall Schritt für Schritt versuchen, die einzelnen Maßnahmen, die wir festgelegt haben, in kleinen Schritten voranzubringen. Wir kämpfen jetzt für jede einzelne Empfehlung, für jede einzelne Maßnahme, die Teil der Initiative ist. Wenn es sein muss, dann mit verschiedenen Akteuren. Das heißt, vielleicht wird die eine Maßnahme durch das Europäische Parlament stärker gefördert, für eine andere Maßnahme finden wir vielleicht Unterstützer bei anderen internationalen Organisationen. Wenn wir von diesem Maßnahmenkatalog nur zwei, drei oder vier in der nächsten Periode verwirklichen können, dann ist das auch schon ein Fortschritt für uns.“
Wird dieses Ringen um jeden kleinen Schritt zum Credo der nächsten Präsidentschaft?
Wir dürfen nicht vergessen, was wir in den vergangenen Jahren alles schon erreicht haben. Wir passen uns an die heutigen Zustände und die neuen Herausforderungen für Minderheiten immer wieder an. Wenn sich die Welt verändert, verändert sich ja auch die Lage der Minderheiten. Wir können hier auf sehr stabile Grundlagen bauen und sollten dies auch weiter tun. Das heißt, dass wir uns selbst darüber im Klaren sind, wer wir sind und wofür Minderheiten heute stehen. Die Fuen ist finanziell stabil und projektmäßig in Europa inzwischen allgegenwärtig. Wir haben mit den internationalen Organisationen eine stabile Zusammenarbeit aufgebaut. Das sind drei wichtige Standbeine, und auf die wollen wir in den kommenden Jahren bauen.