Deutsch-Dänischer Kindergarten Kopenhagen

Zwischen zwei Kulturen: Wie ein deutsch-dänischer Kindergarten Mehrsprachigkeit lebt

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Ein Koffer voller Geschichten: Im Kindergarten gehört das Basteln der Sommerkoffer zur Tradition.

Wie wächst man zweisprachig und kulturell offen auf? Im Dansk-Tysk Børnehus in Kopenhagen lernen Kinder spielerisch Deutsch und Dänisch – ganz nebenbei im Alltag und bei traditionellen Festen, die beide Kulturen miteinander verbinden. Gründerin Sophia Gravenhorst erzählt, wie aus einer Idee ein ganz besonderer Kindergarten entstanden ist.

„Guten Morgen zusammen!“ Fröhliche Kinderstimmen hallen wirr durch den Gruppenraum der Marienkäfergruppe. Zwölf Mädchen und Jungen sitzen auf runden Matten im Kreis auf dem Boden, die Augen gespannt auf ein Glas gerichtet, das in der Mitte steht. Darin: Zettel mit den Namen aller Kinder. Heute entscheidet der Zufall, wer als Tageskind ein Bewegungsspiel oder ein Lied für den Morgenkreis auswählen darf.

Eine Pädagogin greift in das Glas, hält den Zettel noch geheim. „Hvem er det? – Wer ist es?“ Zwölf neugierige Augenpaare richten sich auf sie. Dann wird der Name laut vorgelesen – das Tageskind sucht aus einer Mappe ein Bewegungsspiel aus. Es wird gehüpft, gelacht, gestampft.

Danach singen die Kinder sowie Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam „Die Jahresuhr“ von Rolf Zuckowski.

Deutsch und Dänisch fließen in diesem Raum ganz selbstverständlich ineinander. Für die Kleinen ist das Alltag. Denn im deutsch-dänischen Kindergarten mitten in Frederiksberg ist die Zweisprachigkeit nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern gelebte Realität.

Möglich gemacht hat das eine Frau mit einer klaren Vision: Sophia Gravenhorst. Die 46-Jährige ist Gründerin und Leiterin der Institution.

Von der Idee in die Praxis

Mit Herz und Vision: Vor über neun Jahren gründete Sophia Gravenhorst ihren deutsch-dänischen Kindergarten in Frederiksberg.

Vor 17 Jahren zog die gebürtige Bremerhavenerin mit ihrer Familie nach Kopenhagen. Grund war der Jobwechsel ihres Ehemannes, der mittlerweile als Forscher an der Copenhagen Business School (CBS) auf Frederiksberg arbeitet. Was als persönlicher Neuanfang begann, entwickelte sich für sie schnell zum Herzensprojekt.

„Meine Tochter besuchte damals einen dänischen Kindergarten. Irgendwann wollte sie am liebsten nur noch Dänisch mit uns sprechen. Deutsch war ihr unangenehm“, erinnert sich Gravenhorst. Für sie wurde schnell klar: Sprachen sind eine wertvolle Kompetenz.

Mit diesem Gedanken und dem Wunsch nach beruflicher Veränderung begann sie 2014 mit der Planung eines deutsch-dänischen Kindergartens. Schon lange hatte sie sich intensiv mit Sprache und frühkindlicher Bildung beschäftigt.

Die größte Herausforderung sei die Suche nach passenden Räumlichkeiten gewesen. „Das war der Knackpunkt. Ich war kurz davor, aufzugeben.“ Strenge Vorschriften erschwerten die Suche nach der richtigen Bleibe für ihr Projekt.

Dann kam der Zufall zu Hilfe: Die Kommune Frederiksberg schloss eine bestehende Einrichtung, die Gravenhorst übernehmen konnte. So öffnete 2016 ihr deutsch-dänischer Kindergarten erstmals seine Pforten.

Von der Webseite zum Kindergarten

2014 startete Gravenhorst, ihr Vorhaben in die Praxis umzusetzen. „Ich habe mir gesagt: Ich probiere es einfach mal und habe daraufhin meinen Job gekündigt.“ Als ersten Schritt erstellte sie eine Webseite, um das Interesse an einem deutsch-dänischen Kindergarten abzufragen.

Interessierte Familien konnten dort ihre Kontaktdaten in ein Formular eintragen. Parallel dazu verschickte sie regelmäßig Newsletter und baute ein breites Netzwerk auf – von Kirchen über Schulen und Politik bis zu deutschen Facebook-Gruppen vor Ort. Immer mit dem Ziel, das Projekt sichtbar zu machen. Zwölf Monate später folgte die Erkenntnis: „Nach einem Jahr hatte ich etwa 100 Familien auf meiner Liste und wusste: Es gibt einen Markt für mein Projekt.“

Zwischen zwei Kulturen: Mehrsprachigkeit im Alltag leben

Die Mädchen und Jungen lernen im deutsch-dänischen Kindergarten spielerisch zwei Sprachen.

Der deutsch-dänische Kindergarten im Herzen von Frederiksberg richtet sich an Familien, die sich für ihre Kinder eine zweisprachige und kulturell offene Betreuung wünschen. Aktuell besuchen 56 Mädchen und Jungen die Kindertagesstätte – 12 in der Krippe, 44 im Kindergarten. Letztere sind auf zwei altersgemischte Gruppen mit jeweils 22 Kindern verteilt, betreut von einem Team aus 13 deutsch- und dänischsprachigen Erzieherinnen und Erziehern. Ergänzt wird das Team regelmäßig durch Praktikantinnen und Praktikanten aus dem Erasmus+-Programm, die vor Ort ihr Anerkennungsjahr absolvieren und zugleich einen europäischen Blickwinkel einbringen.

Ziel ist es, beide Sprachen gleichwertig im Alltag zu verankern – „ohne dass eine Sprache dominiert oder als ‚fremd‘ empfunden wird“, erklärt Gründerin Sophia Gravenhorst. Aber es geht nicht nur um Sprache, sondern auch um ein tiefes Verständnis für kulturelle Unterschiede, um Offenheit und Respekt. Die Kinder wachsen in einer Gemeinschaft auf, „in der Unterschiede wertgeschätzt werden und die eigene kulturelle Identität gestärkt wird.“

Rituale, Gemeinschaft und europäisches Miteinander

Diese Haltung spiegelt sich auch in den vielen gelebten Traditionen wider: So wird etwa das deutsche Laternelaufen gefeiert oder das Luciafest im Dezember – ein ursprünglich schwedischer Brauch, bei dem die Kinder in weißen Gewändern, mit Kerzen in der Hand und singend durch das Haus ziehen.

Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte Sommerkoffer: „Vor den Ferien gestalten die Kinder kleine Schuhkartons, die sie mit nach Hause nehmen. Die Eltern bekommen einen Brief, in dem wir sie bitten, über den Sommer gemeinsam mit ihren Kindern kleine Erinnerungen zu sammeln“, erzählt Gravenhorst. Nach der Rückkehr werden diese persönlichen Erlebnisse in der Gruppe vorgestellt – ein festes Ritual, das die Verbindung zwischen Familienalltag und Kindergarten stärkt.

Auch im pädagogischen Ansatz zeige sich die deutsch-dänische Verbindung: Während in Deutschland häufig individuelles Regelbewusstsein im Vordergrund stehe, lege man in Dänemark mehr Wert auf Gemeinschaftsgefühl und soziales Vertrauen, beschreibt Gravenhorst die Unterschiede.

„Die Mischung aus deutscher Struktur und dänischem Miteinander prägt unser Konzept – und schafft eine sichere, offene Lernumgebung.“ Der europäische Gedanke ist dabei immer präsent: Viele der Kinder kommen aus Minderheitenfamilien, wachsen mit zwei Kulturen auf – und sollen lernen, diese nicht als Gegensatz, sondern als Bereicherung zu leben.

So ist das Kinderhaus heute weit mehr als eine Bildungseinrichtung: Es ist ein lebendiger Ort, an dem Zweisprachigkeit, interkultureller Austausch und europäische Identität zusammenkommen.

Dansk Tysk Børnehus København im Überblick