VOICES - Minderheiten weltweit

„Der Tennisspieler und der Genozid“

Der Tennisspieler und der Genozid

Der Tennisspieler und der Genozid

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Apenrade/Aabenraa
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Während die Medien nach Australien zu dem Tennisspieler und serbischen Nationalisten Novak Đoković schaut, feiert die Republik Srpska nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ihre „Genozid-Helden“. In seiner Kolumne „VOICES – Minderheiten weltweit“ geht Jan Diedrichsen darauf ein, was den Sportler zu einer unangenehmen Reizfigur macht.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

Die Nerven liegen blank in dieser neuen Hochphase der Corona-Pandemie. Durch die Gazetten schwurbelt derzeit Novak Đoković, der mit immer neuen Volten aus Australien die Medien flutet. Đoković ist ein brillanter Tennisspieler, der sich mit serbischen Nationalisten und Genozid-Leugnern in denkbar schlechter Gesellschaft befindet.

Es ist bezeichnend, dass die Einreise von Novak Đoković nach Australien, um an einem Tennisturnier teilnehmen zu können, die Medien hyperventilieren lässt. Der Vater und der Bruder des serbischen Tennisstars sowie seine Fans heizen den Kessel der Corona-Leugner gehörig an. Ein neuer Star der Querdenkerszene scheint geboren. Das könnte man als kollektive Covid-Neurose, von denen wir derzeit einige erleben, abhaken. Doch wer sich dem Tennisspieler aus Serbien nähert, dem wird aus ganz anderem Grunde mulmig:

„Novak Đoković als kontroverse Figur zu bezeichnen, klänge, als würde man die Wahrheit sanft ummanteln. Das Drama um die vorerst verhinderte Einreise in Australien, wo der Serbe sich bei den Australian Open zum erfolgreichsten Tennisspieler der Geschichte aufschwingen möchte, beleuchtet dabei nur einen Aspekt der Reizfigur“, wie Jakob Böllhoff in der „Frankfurter Rundschau“ schreibt. Eine weitere Facette des 32-Jährigen sind die des serbischen Nationalismus und seine wiederholten Treffen mit Genozid-Leugnern und Kriegsverbrechern.

Was genau macht den Tennisspieler zu einer so unangenehmen Figur? Am 22. September vergangenen Jahres hat er sich an der Seite eines ehemaligen Kommandeurs der berüchtigten paramilitärischen Einheit der Drina-Wölfe gezeigt. Die Drina-Wölfe waren eine militärische Einheit der Armee der Republika Srpska, die an der Massentötung in Srebrenica beteiligt war, die später von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft wurde. Die im September geposteten Bilder zeigten Đoković an einem Tisch neben Milan Jolović, dem ehemaligen Kommandeur, der den Spitznamen „Legende“ trägt. Viele Serben feiern Jolović dafür, dass er dem verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladic während des Krieges in Bosnien Anfang der 1990er Jahre das Leben gerettet hat.

Bei einem Besuch in Bosnien wurde Đoković kürzlich auch dabei gesehen, wie er auf einer Hochzeit mit dem serbischen Mitglied der bosnischen Präsidentschaft, Milorad Dodik, sang. Dodik ist ein bekannter Völkermordleugner, der sich regelmäßig für die Abspaltung der serbisch geführten bosnischen Entität Republika Srpska einsetzt.

Während sich die gesamte Weltpresse über den Tennisspieler in Australien echauffiert und die sozialen Medien heiß laufen, berichten nur wenige darüber, was am vergangenen Wochenende sonst noch so geschah, als die bosnischen Serben den verbotenen Feiertag, den „Tag der Republika Srpska“, begangen.

Die Paraden und das Singen nationalistischer Lieder verschärften die Spannungen, die einige Beobachterinnen an die Stimmung beim Ausbruch des Bosnienkriegs 1992-95 erinnerte. Zahlreiche Zwischenfälle begleiteten am Sonntag die „Feierlichkeiten“ zu diesem „Festtag“, den das bosnische Verfassungsgericht bereits zweimal für rechtswidrig erklärte.

Während des gesamten Wochenendes strömten Tausende auf die Straßen und sangen serbisch-nationalistische Lieder, in denen häufig dem bosnisch-serbische Militärkommandant Ratko Mladic gehuldigt wurde, der vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde, darunter das völkermörderische Abschlachten von 8.000 Bosniern in Srebrenica.

Die Polizeikräfte der Republika Srpska, die am Sonntag in Banja Luka aufmarschierten, sangen ebenfalls serbische nationalistische Lieder unter den Augen des bosnischen Serbenführers Milorad Dodik und der übrigen Führung der Republika Srpska, einer Delegation aus Serbien sowie des russischen und des chinesischen Botschafters in Bosnien und Herzegowina.

Am vergangenen Donnerstag fielen Schüsse in der Nähe einer Moschee in Janja im Nordosten Bosniens, wo einheimische bosnische Muslime auf dem Rückweg vom Gebet verspottet und bedroht wurden.

Das Helsinki-Komitee für Menschenrechte in Serbien und die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Bosnien warnten am Sonntag vor einer „intensiven Hasskampagne gegen Bosnier“. Die Menschenrechtlerinnen der GfbV und andere Nichtregierungsorganisationen machen für die erneuten ethnischen Spannungen in der Region auch den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und seine Idee einer „serbischen Welt“ verantwortlich, die als neuer Vorstoß zur Vereinigung aller serbisch besiedelten Gebiete auf dem Balkan verstanden wird.

Der Bosnienkrieg 1992–95 war der verheerendste Krieg, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa wütete. Heute ist die Situation in der Region so alarmierend wie noch nie seit Ende der Kampfhandlungen. Viele der Kinder, die in den 90er Jahren nach Deutschland und Westeuropa vor den Massenmördern fliehen mussten, sind heute so alt wie ihre Eltern damals, als diese nur knapp den Massenmördern entkamen.

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