Festjahr 2021

Shalom und Moin: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Shalom und Moin: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Shalom und Moin: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Kay Müller/shz.de
Kiel
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Stellen das Programm vor: Bildungsministerin Karin Prien und der Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Peter Harry Carstensen. Foto: Michael Staudt

Der Landesbeauftragte Peter Harry Carstensen stellt das Programm für das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben“ vor.

Der Slogan steht – und ist so einfach wie mehrdeutig: „Shalom und Moin“, heißt das Motto, das Peter Harry Carstensen bei der Vorstellung des Programms für das Festjahr zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ausgibt bei der es über 140 Veranstaltungen in Schleswig-Holstein geben wird (siehe Kasten). Damit würden zwei typische Grußformeln verbunden, die auf den ersten Blick getrennt für die beiden Gruppen „Juden“ und „Schleswig-Holsteiner“ wirken. Doch für den ehemaligen Ministerpräsidenten, der seit einem Jahr Landesbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus ist, ist das überhaupt kein Gegensatz. „Es geht darum, in diesem Jahr die Selbstverständlichkeit des jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein deutlich zu machen.“

In dem Pressegespräch mit Bildungsministerin Karin Prien (CDU) ist der sonst so unbeschwerte Carstensen ungewöhnlich ernst. Einen jüdischen Witz mag er nicht erzählen, auch wenn Moderator Stefan Hans Kläsener ihn dazu auffordert. Als Ministerpräsident habe er das Gefühl gehabt, dass er genug für die Menschen jüdischen Glaubens im Land getan habe, sagt der 73-Jährige. „Nach einem Jahr als Beauftragter für das jüdische Leben habe ich das Gefühl nicht mehr.“

Und Carstensen beginnt zu erzählen von Begegnungen mit Juden in Schleswig-Holstein, die ihm im vergangenen Jahr erzählt haben, dass sie die Post der Gemeinde in neutralen Umschlägen verschicken, damit niemand mitbekommt, dass die Empfänger Juden sind. Oder von Kindern, die sich in der Schule nicht zu sagen trauen, dass sie jüdischen Glaubens sind. „Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, dass es so etwas gibt.“

Karin Prien hat jüdische Wurzeln

Karin Prien weiß, wovon ihr Parteifreund spricht. Die Ministerin hat jüdische Wurzeln, ihre Großeltern flohen in den 30er Jahren nach Holland, wo Prien geboren wurde und aufwuchs. Zu diesem Pressegespräch hat sie den David-Stern als Anhänger umgebunden. Als sie in der Union einmal ihre Herkunft erwähnt habe, habe ihr ein Parteifreund gesagt: „Musstest Du das jetzt erzählen?“

Man darf nicht nur die Saat ausbringen, sondern muss auch über die Jahre die Pflanzen immer wieder pflegen, damit man eine gute Ernte einfahren kann.

Peter Harry Carstensen, Beauftragter für das jüdische Leben und gegen Antisemitismus

Prien will die jüdischen Gemeinden zu mehr Selbstbewusstsein ermuntern und setzt dabei auf die jungen Leute. Der Massenmord der Nazis an den Juden wird immer ein Thema bleiben, aber es gehe eben auch darum, in die Zukunft zu schauen.

Die geht für Peter Harry Carstensen noch weiter als das Jahr 2021. „Das Festjahr darf nicht mit Ende des Jahres zu Ende sein, sondern muss sich verstetigen.“ Als Landwirt wisse er, worauf es ankomme: „Man darf nicht nur die Saat ausbringen, sondern muss auch über die Jahre die Pflanzen immer wieder pflegen, damit man eine gute Ernte einfahren kann.“

Es geht um Begegnungen, darum, einander kennenzulernen.

Karin Prien, Kultusministerin

Gerade deshalb sei es so wichtig, dass in dem Festjahr die jüdischen Gemeinden ihre Tore aufmachen, meint die Bildungsministerin. „Es geht um Begegnungen, darum, einander kennenzulernen.“ Prien erzählt von einer Schule in Schleswig-Holstein, in der es antisemitische Vorfälle gegeben habe. „Und dort waren keine jüdischen Schüler – übrigens auch keine muslimischen.“ Das zeige, dass gerade dort der Hass entstehe, wo man nichts über scheinbar Andersartige wisse.

Zivilcourage bei Anfeindungen von Juden

Deswegen ist eines von Carstensens Zielen auch, dass die Menschen zusammenkommen, so weit Corona das zulässt. Man kann über das Thema Judentum in Schleswig-Holstein gar nicht genug sprechen“, sagt der Landesbeauftragte. Er will dabei gar nicht von Toleranz reden. „Das hat so etwas Gönnerhaftes“, meint der Ex-Ministerpräsident. Statt dessen verlangt er Zivilcourage – dort wo es Anfeindungen von Juden gibt, und sei es nur durch unbedachte Äußerungen. „Wir müssen uns gegenseitig respektieren – Juden, Christen, Muslime“, fordert Carstensen. Denn eines sei klar: „Wir glauben alle an ein und den selben Gott.“ Da sei für Streit und Hass einfach kein Platz. Sondern lieber für ein Shalom und Moin.

Jüdisches Leben

Festjahr 2021

Für Kultusministerin Karin Prien ist das Festjahr eine „Entdeckungstour“. Bislang gibt es 140 Veranstaltungen im Land, von denen wegen der Unsicherheiten durch die Corona-Pandemie noch nicht alle terminiert sind. Dabei ist die im vergangenen Jahr auf August verschobene Wiedereröffnung der Lübecker Synagoge, eine Ringvorlesung an der Uni Kiel sowie Musik- und Kulturveranstaltungen. Immer wieder wird es Veranstaltungen in Schulen geben. Außerdem sind Aktionen im Jüdischen Museum geplant oder Führungen über jüdische Friedhöfe. Dazu kommen Vorträge zu berühmten Schleswig-Holsteinern jüdischen Glaubens, wie etwa Albert Einstein, zur Geschichte der Juden in Schleswig-Holstein, aber auch Gedenkveranstaltungen, die über den Massenmord der Nationalsozialisten informieren.ky Infos unter: www.schleswig-holstein.de/juedisches-leben.

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