Leitartikel

„Goodbye - guten Tag“

Goodbye - guten Tag

Goodbye - guten Tag

Nordschleswig/Apenrade
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Dänemark wacht im neuen Jahr in einer veränderten EU auf. Nach dem Abschied der Briten benötigt Dänemark neue Freunde. Chefredakteur Gwyn Nissen hat dazu einen Vorschlag.

Das neue Jahr ist noch jung, doch schon sehr viel anders, als das Jahr, das wir verlassen haben. Die europäische Gemeinschaft ist um ein Mitglied kleiner geworden: Großbritannien hat die EU nach 47 Jahren verlassen – Brexit ist eine Realität.

Damit verändert sich die EU, und auch die Machtbalance in der europäischen Familie. Frankreich und Deutschland preschten oft schnellen Schrittes Hand in Hand nach vorn, und nur zögerlich oder gar widerwillig machten die Briten mit. Sie wollten lieber ihren eigenen Weg gehen, was innerhalb der Solidargemeinschaft EU schwierig ist.

Statt zu bleiben und für (notwendige) Veränderungen zu kämpfen, macht sich Großbritannien nun aus dem Staub, und in bester Trump-Manier erklärt Premierminister Boris Johnson, dass alles wieder „Great“ werde, nun wo die Briten angeblich ihre Freiheit haben.

Wer denkt, dass Großbritannien bald in Brüssel an die Tür klopft, um wieder hereingelassen zu werden, der irrt sich. Das verbietet der Stolz der Briten – der gleiche Stolz, der sie aus der EU getrieben hat, im Glauben, alleine ginge alles besser.

Dabei gibt es keine Alternative zur EU – nicht, wenn es um den Frieden, die Machtbalance in der Welt oder den grenzüberschreitenden Handel geht. Es mag in der EU zu viel Bürokratie geben, doch übergeordnet ergibt die europäische Zusammenarbeit auch 2020 Sinn.

Auch für ein kleines Land wie Dänemark gibt es trotz einer gewissen Skepsis – und weiterhin vier Vorbehalten – keine Alternative zur EU. Einst eine Protestnation gehört Dänemark heute zu den Befürwortern, die sich eindeutig zur EU bekennen.

Die Dänische Volkspartei versucht nach dem britischen „Goodbye“ zwar dänischen EU-Skeptikern Mut zu machen, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um aus den „Fangarmen der EU“ auszubrechen und dem „Monster“ den Rücken zu kehren. Doch der angeschlagenen Partei geht es vor allem darum, sich selbst politisch neu zu positionieren, um Wähler zurückzugewinnen. Die Skepsis in Dänemark ist inzwischen eher gering – und für die angeschlagene DF ist „Dexit“ kein Gamechanger.

Für Dänemark dagegen beginnt ein neues Spiel in der EU, denn mit Großbritannien hat ein Freund die Gemeinschaft verlassen, und die Dänen müssen sich in der EU neue Verbündete suchen. Zunächst scheint die Wahl auf kleine Länder wie Österreich und die Niederlande gefallen zu sein, aber wir wiederholen gerne unsere Aufforderung: Wie wäre es nach dem britischen „Goodbye“ mit einem deutschen „guten Tag“.

Der neue starke Verbündete Dänemarks ist ein echter Nachbar und ein wahrer Freund, aber eben auch mit Sieben-Meilen-Stiefeln in der EU unterwegs. Wirft Dänemark die letzten Hemmungen über Bord und macht die deutsche EU-Reise mit und trägt mit eigenen Visionen zur Entwicklung der EU bei, statt als Hinterbänkler nur zu mosern?

Denkbar ist es, dass Dänemark nach Großbritannien auch einen neuen Weg einschlägt – aber innerhalb der Gemeinschaft.

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Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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