Südschleswig

„Das Ausruhen wäre das Gefährlichste“ – Lasse Rodewald über die Zukunft der dänischen Minderheit

Mann im Anzug steht an einem Schreibtisch mit Computer in einem Büro.
Lasse Rodewald möchte die Zukunft der dänischen Minderheit mitgestalten.

Heimat: Nach 22 Jahren in Kopenhagen kehrt Lasse Rodewald zurück nach Südschleswig. Der Generalsekretär des Südschleswigschen Vereins, der kulturellen Dachorganisation der dänischen Minderheit, spricht im Interview über Identität, Herausforderungen und Zusammenarbeit.

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Zusammenfassung

  • Lasse Rodewald ist nach 22 Jahren in Kopenhagen nach Südschleswig zurückgekehrt und leitet nun als Generalsekretär den SSF.
  • Er betont ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur dänischen Minderheit, plädiert für klare dänische Identität und offene, aber verbindliche Aufnahme neuer Mitglieder.
  • Rodewald sieht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit als Chance, warnt vor Stillstand im Minderheitenmodell und fordert Reformen von SSF-Strukturen und Institutionen im ländlichen Raum.

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Wenn Lasse Rodewald allein in seinem Büro sitzt, kann er seine Kolleginnen und Kollegen trotzdem gut hören. Das historische Flensborghus aus dem Jahr 1721, in dem der Südschleswigsche Verein (Sydslesvig Forening, SSF) seinen Hauptsitz hat, ist ziemlich hellhörig. Holzdielen knarzen, dumpfe Stimmen sind zu hören, als der neue Generalsekretär der Hauptorganisation der dänischen Minderheit mit dem „Nordschleswiger“ über seine ersten Monate in Flensburg (Flensborg) spricht.

Zurück in der Heimat

Im September ist der gebürtige Südschleswiger nach 22 Jahren in Kopenhagen, wo er zuletzt als Kultur- und Pressereferent an der deutschen Botschaft arbeitete, zurück in seine Heimat gezogen. „Es war erstaunlich einfach, nach Hause zu kommen“, sagt er. 

Weil er das Grenzland und die dänische Minderheit in der DNA habe, habe es keine große Reintegration gebraucht, sagt der 42-Jährige. Zwar habe sich Flensburg auch verändert, aber „die Art und Weise zu leben und zu denken“ sei ähnlich geblieben.

Blick auf die Backsteinfassade des Flensborghus mit Portalaufschrift und geöffneten Fenstern.
Der SSF ist im Flensborghus in der Norderstraße beheimatet.

Im Vergleich zu seinem Aufwachsen in der Minderheit biete ihm seine jetzige Position dann aber doch eine andere Perspektive auf die Institutionen und die Volksgruppe. „Das Ankommen im Job ist ein laufender Prozess.“ 

Auch seine Frau und seine beiden Töchter haben sich gut eingelebt, obwohl sie die Minderheit und das Grenzland bis dato nur von Besuchen her kannten. Der Wechsel von der Großstadt in die Provinz nach Glücksburg sei aber dennoch eine Umstellung. „Jetzt sind es 1,5 Stunden bis zum nächsten Ikea“, so Rodewald scherzhaft.

Starkes Zugehörigkeitsgefühl

„Ich lerne Südschleswig und die Grenzregion jetzt noch einmal anders kennen“, sagt er über seinen neuen Job. „Das Fantastische ist, dass ich jetzt sowohl beruflich als auch privat Südschleswig in seiner ganzen Breite kennenlernen und erleben darf und auch zum Teil mitprägen kann.“ 

Den Zusammenhalt und die Gemeinschaft in der Minderheit schätze er sehr, sagt der Generalsekretär. Auch die Offenheit, wie unter anderem mit Zugezogenen umgegangen werde, beeindrucke ihn. Die Institutionen hätten seinen Töchtern das Ankommen leicht gemacht. 

Für seine jüngste Tochter steht in diesem Jahr auch gleich ein Aufenthalt in dem Ferienlager Jerpstedt (Hjerpsted) in der Tonderner Marsch an. Ein Ort der dänischen Minderheit, den schon Lasse Rodewald als Kind besuchte. 

Hjerpsted, das Årsmøde und weitere Ereignisse seien mit starken Erlebnissen verbunden. „Das sind Dinge, die es heute noch gibt und die sich durch ein Minderheitenleben ziehen. Dieses bestimmte, ausgeprägte Gefühl, dazuzugehören, hat mich geprägt“, sagt der Flensburger.

Minderheit ist offen – mit Bedingungen 

Auch in der dänischen Minderheit gibt es eine Identitätsdebatte. Dazu hat Lasse Rodewald eine klare Meinung: „Das System ist offen. Das ist auch richtig und wichtig. Es ist aber auch klar, dass wir als dänische Minderheit Forderungen stellen können.“ Das Bekenntnis zum Dänischen sei frei. „Däne ist, wer will. Wichtig ist aber, auch danach zu handeln.“ 

Wir als SSF sagen klar, wir sind eine dänische Minderheit. Es ist keine deutsch-dänische Minderheit. Es gibt nicht die eine Grenzlandminderheit, es gibt eine dänische Minderheit und es gibt eine deutsche Minderheit.

Lasse Rodewald

Für Eltern bedeute es, offen gegenüber dem Dänischlernen zu sein – auch aus Eigeninteresse. Auch müssten sie sich bewusst sein, dass ihre Kinder dänisch geprägt werden. 80 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten beider Gymnasien der Minderheit würden anschließend in Dänemark studieren. „Und plötzlich haben die Eltern ein Enkelkind, das vielleicht kein Deutsch kann.“

Mann im Anzug steht neben einer dekorierten Plakatsäule vor rotem Vorhang.
Lasse Rodewald ist in Flensburg in der dänischen Minderheit aufgewachsen.

Die Diskussion sei nicht neu, sagt Lasse Rodewald. „Das hat die 1990er-Jahre geprägt, als ich zur Schule gegangen bin. Und auch in der ,Flensborg Avis' aus den 60er- und 70er-Jahren wird es mit Sicherheit irgendwo immer eine sprachliche Identitätsdiskussion gegeben haben.“ Es sei interessant, dass auch die deutsche Minderheit diese Identitätsdiskussion auf die ein oder andere Art führe, sagt er und bezieht sich damit auf die vielen deutschen Zugezogenen in Nordschleswig. 

„Wir als SSF sagen klar: Wir sind eine dänische Minderheit. Es ist keine deutsch-dänische Minderheit. Es gibt nicht die eine Grenzlandminderheit, es gibt eine dänische Minderheit und es gibt eine deutsche Minderheit.“ Man arbeite gut zusammen, aber es seien zwei unterschiedliche Dinge und so sollte es auch sein. 

Gute Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit über die Grenze hinweg erlebt Lasse Rodewald positiv. „Wir haben gemeinsame Interessen und ganz ähnliche Ausgangspunkte als offene und funktionierende Minderheit.“ Es finde ein guter Austausch zwischen Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft statt. Auch bei europäischen Themen, wie etwa dem Geoblocking oder Interreg, habe man gemeinsame Ansichten. Man sei sich auf beiden Seiten der Grenze der Brückenbauer-Funktion bewusst, auch wenn es nicht der Grundauftrag sei.

Wir dürfen nicht glauben, dass Dinge für immer und ewig feststehen.

Lasse Rodewald

„Woran beide Minderheiten Interesse haben, ist, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit noch flüssiger werden kann“, sagt Lasse Rodewald und nennt etwa Grenzbarrieren wie die Angleichung von Ausbildungen.

Stetige Pflege

Es gebe mit Blick auf die Situation in der Welt aber auch eine laufende Aufgabe: „Wir dürfen nicht glauben, dass Dinge für immer und ewig feststehen.“

Das Minderheitenmodell und das Grenzland brauchen laufend Pflege. Es müsse allen bewusst sein, dass es weiterhin Arbeit bedarf, dies zu sichern und auszubauen. „Das Ausruhen auf diesem Modell ist das Gefährlichste, was wir machen können.“ Es sei ein Schatz, der in die Zukunft getragen werden müsse. 

„Wir müssen uns mit der Welt mitdrehen, aber auch aufpassen, nicht von den Entwicklungen verschlungen zu werden“, so Rodewald mit Blick auf das internationale Geschehen und das politische Deutschland, wo die „Kanten schärfer“ geworden sind. Hier gehe es auch darum, als Minderheit möglichst sichtbar zu bleiben.

Das Ausruhen auf diesem Modell ist das Gefährlichste, was wir machen können.

Lasse Rodewald

Notwendige Weiterentwicklung

Der SSF müsse sich ebenfalls weiterentwickeln, um seine tiefen Wurzeln, immerhin 16.000 Mitglieder und 61 Ortsvereine, in Südschleswig zu stärken. Eine Herausforderung ist dabei das Ehrenamt. Lasse Rodewald will versuchen, auch hier Veränderungen herbeizuführen. Heute gebe es satzungsmäßige Herausforderungen, weil Posten in lokalen Vereinen nicht besetzt werden können. Der demografische Wandel sei ein Teil des Problems. 

Schließungen von Institutionen können nur der letzte Schritt sein. Wir müssen aufpassen, denn es besteht eine große Gefahr, dass ein Teil Minderheit stirbt und nicht wiederbelebt werden kann.

Lasse Rodewald

Gemeinsam wird geschaut, wie man sich in Zukunft anders aufstellen kann. „Wir brauchen die lokale Verankerung. Es ist wichtig für die dänische Minderheit und das Grenzland, dass wir auch in 20 Jahren noch ein funktionierender Verein sind.“

„Die Lust ist da, sich ehrenamtlich zu engagieren, aber die aktuellen Strukturen entsprechen nicht immer dem, wie sich Familien im Jahr 2026 organisieren.“

Das Problem sei, dass Menschen denken, sie würden sich zu etwas verpflichten und dann Zeit verlieren. „So ist es nicht. Man gewinnt die Möglichkeit, selbst etwas zu gestalten und zu veranstalten.“ 

Keine Wiederbelebung

Auch die Schließung von Schulen oder Kindergärten sei ein Problem. In der dänischen Minderheit ist seit Monaten der Standort Garding in der Diskussion. 

„Schließungen von Institutionen können nur der letzte Schritt sein. Wir müssen aufpassen, denn es besteht eine große Gefahr, dass ein Teil Minderheit stirbt und nicht wiederbelebt werden kann.“

Gerade im ländlichen Raum müssten Schule, Kindergarten, SSF, Gemeinden und Sportvereine zusammen gedacht werden. Nicht als eine Institution, aber es können Orte und Veranstaltungen gemeinsam in Kooperation genutzt werden. „Damit erreichen wir eine Breite und schaffen Schnittmengen.“

Lasse Rodewald ist guter Dinge, dass die Veränderungen positive Auswirkungen haben werden. „Wir müssen uns auf die Wünsche, Forderungen und Realitäten einstellen. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass es wichtig ist, dass es diese Zusammenarbeit und den Austausch gibt.“

Interessante Wahlen im laufenden Jahr

Für dieses Jahr blickt Lasse Rodewald mit Interesse auf die anstehende Folketingswahl, den 80. Geburtstag des Landes Schleswig-Holsteins, aber auch auf den Wechsel an der Spitze des Bundes Deutscher Nordschleswiger. „Es ist gut, dass es eine Wahl, einen demokratischen Prozess gibt. Da gewinnen alle in der deutschen Minderheit.“

Die dänische Minderheit in Südschleswig zählt schätzungsweise 50.000 Menschen in Schleswig-Holstein. Das Årsmøde ist jährliches Highlight für die Minderheit (Archivbild).

Für den SSF-Generalsekretär ist das Årsmøde Highlight des Jahres. Ansonsten sei es nach vielen Jubiläen ein normales Arbeitsjahr.