DEUTSCHE MINDERHEIT

Nora Steen: „Menschen mit Herz“ halten Nordschleswigsche Gemeinde lebendig

Frau mit Brille und grünem Pullover lächelt in einem beleuchteten Flur.
Bischöfin Nora Steen kam nach Tingleff, um die Andacht bei der Kirchenvertretertagung zu halten.

Gemeinschaft: Die Bischöfin betont die Bedeutung der Minderheitenarbeit. Die Nordschleswigsche Gemeinde zeige, wie kulturelle Identität gepflegt wird und warum es eine deutsche Kirche im Landesteil braucht.

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Zusammenfassung

  • Bischöfin Nora Steen würdigt die Friedensarbeit und das engagierte Gemeindeleben der deutschen Minderheit in Nordschleswig.
  • Sie warnt vor den existenziellen Folgen von Kirchenaustritten für die kleine Gemeinde und betont die Bedeutung der jüngeren Generation.
  • Geplante Pilgerwanderung und eine Fahrradtour über die Grenze sollen die besondere Verbundenheit im deutsch-dänischen Grenzland sichtbar machen.

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Nora Steen ist Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein. Zu ihrer Nordkirche gehört auch die Nordschleswigsche Gemeinde. Am Rande der Kirchenvertretertagung in Tingleff (Tinglev), zu der die 50-Jährige aus Schleswig (Slesvig) anreiste, um die Andacht zu halten, sprach sie mit unserer Redaktion über die Bedeutung der deutschen Gemeinde in Nordschleswig.

Braucht es eine deutsche Gemeinde?

Wie wichtig ist es, dass es eine deutsche Gemeinde gibt, wo doch ohnehin die meisten zweisprachig sind und genauso gut die dänische Gemeinde und dänische Gottesdienste besuchen könnten?

Es ist immer noch mehr als die Sprache. Es ist auch eine Form von kultureller Verbundenheit.

Nora Steen

„Das ist tatsächlich eine Frage, mit der ich mich viel beschäftigt habe, weil ich deutsche Auslandspastorin in Portugal war, in Lissabon.“ Dort habe es für sie ständig die Frage gegeben, was es rechtfertige, „dass wir hier als Deutsche eine deutsche Gemeinde haben“. Diejenigen, die dort leben, sind schon lange da. Kinder und Enkelkinder wachsen zweisprachig auf, könnten also auch in eine portugiesische Messe gehen. Wozu also eine deutsche Gemeinde? „Die Frage muss man sich immer stellen. Ich glaube, es reicht nicht zu sagen als Kirche ,Wir sind eine Nation' oder ,Wir sind eine Sprache'. Da muss ich ehrlich sagen, das finde ich zu wenig.“ 

Natürlich könne man das Vaterunser in allen möglichen Sprachen beten und in eine andere Kirche gehen. „Aber man merkt hier ja auch: Es ist immer noch mehr als die Sprache. Es ist auch eine Form von kultureller Verbundenheit, die tief mit dem eigenen Glauben und mit dem, wie ich als Kind dort reingewachsen bin, verbunden ist. Da, finde ich, hat es seine Berechtigung.“

Entwicklung der Kirchenaustritte „existenziell“

Doch die Nordschleswigsche Gemeinde steht auch unter Druck. 17 verstorbene Mitglieder, 29 Austritte und drei beendete Mitgliedschaften stehen 15 Neueintritte gegenüber. Das sind die Zahlen, die die Vorsitzende Mary Tarp am Mittwochabend in Tingleff präsentierte. 

„Die Entwicklung ist bei uns in Deutschland genauso, aber ich glaube, es wird noch nicht so akut, so existenziell wahrgenommen wie hier“, so Steen.

Die Nordschleswigsche Gemeinde sei zahlenmäßig natürlich kleiner als ein deutscher Kirchenkreis. Kirchenaustritte treffen kleine Gemeinden daher besonders, so Steen. „Es sind keine hohen Zahlen, aber es bedeutet in so einer Gemeinde schon etwas anderes als wenn man 3.000 Gemeindemitglieder hat und ob da nun fünf Menschen austreten oder nicht, das spürt man nicht gleich.“ 

Ich habe hier den Eindruck, dass einem sehr viel mehr bewusst ist, dass es um jeden Einzelnen geht – ob ich mich einsetze oder nicht.

Nora Steen

Die Bischöfin geht davon aus, dass die Nordschleswigsche Gemeinde dies noch sehr viel deutlicher spüre. „Da stellt sich schon die Frage, wie wir es schaffen, die jüngeren Generationen zu erreichen.“

Engagierte halten Gemeindeleben lebendig

Steen geht es aber nicht nur um Austrittszahlen. Es geht um das Engagement derjenigen, die da sind. „Es geht um die Menschen mit Herz, die das dann füllen und vor Ort Tag für Tag da sind und in Bezug auf die Kirchenvertreter Kirche lebendig halten.“

Zur Bedeutung der hiesigen Gemeinde für die Nordkirche sagt sie: „Ich habe hier den Eindruck, dass einem sehr viel mehr bewusst ist, dass es um jeden Einzelnen geht – ob ich mich einsetze oder nicht.“ Dies sei anders als in einer Mehrheitsgesellschaft. Mit dem Blick auf Deutschland brauche es genau das. „Immer noch einmal dieser Blick darauf, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir leben, wie wir leben, dass wir unsere Privilegien haben.“

Drei Personen stehen lächelnd in einem Konferenzsaal mit Holzvertäfelung
Bischöfin Nora Steen mit dem wiedergewählten Senior der Nordschleswigschen Gemeinde, Matthias Alpen und der ebenfalls wiedergewählten Stellvertreterin Cornelia Simon.

An den Minderheiten könne man sehr gut sehen, worum es wirklich geht. „Es ist sehr beeindruckend, wie die Minderheit in Nordschleswig beständig ihr Leben gestaltet und schaut, was macht uns aus, was ist uns wichtig.“

Nordschleswig ist keine Selbstverständlichkeit

Es gebe Menschen, die in anderen Kontexten leben und noch mal deutlich spüren, was es heißt, deutsch zu sein – auch in einem Kontext, wo das nicht immer alle unhinterfragt ganz toll finden.

Gerade im Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit im Grenzland sei viel zusammengewachsen über die Jahre. „Ich glaube, dass das hier beständige Friedensarbeit ist, die hier im Alltag gemacht wird“, so Steen über die deutsche Minderheit und die deutsche Kirchengemeinde in Nordschleswig.

„Man muss das nicht romantisieren, trotzdem finde ich, ist das ein echtes Pfund, was hier gelebt wird“, so die Bischöfin.

In Tingleff wurde erneut deutlich, dass die gebürtige Braunschweigerin Nora Steen sich wohlfühlt, wenn sie in Nordschleswig ist. Auch eine ihrer Töchter werde bald auf die Deutsche Nachschule in Tingleff gehen, verriet sie auf der Kirchenvertretertagung den Anwesenden. 

Zur Person Nora Steen

  • Nora Steen (*1967 in Braunschweig) ist seit dem 1. November 2023 Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche.
  • Sie studierte Evangelische Theologie in Leipzig, Berlin und Göttingen sowie Rechtswissenschaften an der Fern-Uni Hagen. 
  • Nach Stationen in Hameln (Vikariat), als Studienleiterin in Genf, Geschäftsführerin des Kulturjahres „Michaelis 2010“ sowie Leiterin des „Haus der Stille“ in Wülfinghausen, zog es sie nach weiteren Stationen nach Lissabon, wo sie die Deutsche Evangelische Kirchengemeinde betreute.
  • Seit 2018 war sie theologische Leiterin des Christian Jensen Kollegs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland in Breklum. 
  • Als Bischöfin ist sie auch in dem sozialen Netzwerk Instragram aktiv. 
  • Nora Steen ist verheiratet und hat zwei Töchter.   

Symbolische Pilgerwanderung über die Grenze

Die Bischöfin wird auch in diesem Jahr mehrmals nach Nordschleswig kommen. Zum Ansgar-Jubiläum im Mai plant sie, gemeinsam mit der Haderslebener Bischöfin Marianne Christiansen zu pilgern. „Das ist tatsächlich eine Idee, die wir schon in der Pandemiezeit zum Grenzjubiläum machen wollten. Leider war es dann überhaupt nicht möglich, in irgendeiner Weise etwas über die Grenze hinweg zu machen“, so die 50-Jährige, die damals noch in anderer Funktion war. 

„Es war total schade, dass es nicht zustande gekommen ist, weil ich schon finde, dass die Grenze ein ganz besonderer Ort ist. Wir sehen gerade weltweit, wie viel kaputtgehen kann, wenn Staaten auf einmal ihre Mauern hochziehen.“

Steen hebt das hiesige Grenzland als Vorbild hervor. Eine gemeinsame Pilgerwanderung über die Grenze sei daher auch ein Symbol und ein „total gutes Zeichen“.

Es ist eine Gelegenheit, einfach mal langsamer unterwegs zu sein, wirklich Menschen zu treffen, einen Kaffee zu trinken, Zeit zu haben, zu hören, was die Menschen hier bewegt, was die Themen sind. Das ist großartig.

Nora Steen

„Das ist ja keine Demonstration, das ist keine politische Rede, es ist einfach nur ein Zeichen, dass wir hier zusammengehören und für einen Glauben einstehen.“ 

„Rauszeit“ auf dem Fahrrad

Auch bei der geplanten Fahrradtour im August sei dies so. „Ich mache in jedem Sommer eine Fahrradtour durch eine bestimmte Kirchenregion. Ich war schon in der Holsteinischen Schweiz, in der Nähe von Itzehoe und dann dachte ich, wäre doch vielleicht jetzt Dänemark, also die deutsche Minderheit dran.“ 

Die paar Tage auf dem Rad bedeuten für Nora Steen viel Zeit im Landesteil ohne gedrängten Terminkalender und Autofahrten von Ort zu Ort. „Es ist eine Gelegenheit, einfach mal langsamer unterwegs zu sein, wirklich Menschen zu treffen, einen Kaffee zu trinken, Zeit zu haben, zu hören, was die Menschen hier bewegt, was die Themen sind. Das ist großartig.“