Nordschleswig

Rätsel um Wale: Warum sie in unseren Gewässern scheinbar häufiger auftauchen und stranden

Sechs Pottwale sind im Februar vor der Nordseeinsel Fanö gestrandet und verendet (Archivbild).

Experten-Interview: Ein Belugawal in der Flensburger Förde sorgt für Aufsehen und wirft Fragen auf. Walforscher Carl Christian Kinze erklärt, warum die sanften Riesen näher an unsere Küsten kommen, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind und was sich aus wissenschaftlicher Sicht für die Zukunft ableiten lässt.

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Zusammenfassung

  • Ein Belugawal wurde in der Flensburger Förde gesichtet.
  • In Nord- und Ostsee scheinen Walsichtungen und Strandungen insgesamt zuzunehmen und sie werden dabei zunehmend aufmerksam und emotional begleitet.
  • Laut dem Walforscher Carl Christian Kinze könnten steigende Bestände, der Klimawandel sowie die Belastung der Meere mögliche Ursachen für diese Entwicklung sein.

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Ein seltener Besucher sorgt derzeit für Aufsehen in der Flensburger Förde: Ein Belugawal, eigentlich in arktischen Gewässern zu Hause, ist ungewöhnlich weit bis an die deutsch-dänische Küste gelangt. Zuletzt wurde das Tier, aufgrund seiner hellen Farbe auch Weißwal genannt, im Nübel Noor (Nybøl Nor), vor Ekensund (Egernsund) und Sonderburg (Sønderborg) gesichtet.

In den vergangenen Monaten kam es in der Nord- und Ostsee in Dänemark und Deutschland wiederholt zu Walsichtungen und Strandungen. Die Ereignisse erhalten zunehmend Aufmerksamkeit und machen das Thema derzeit zu einem viel diskutierten Gesprächsthema in Medien und sozialen Netzwerken.

Zwischen Mitgefühl, Spekulationen und schnellen Forderungen gerät dabei oft in den Hintergrund, was Fachleute tatsächlich über solche Situationen wissen. Während im Netz zahlreiche Theorien über mögliche Ursachen kursieren, bleibt die wissenschaftliche Einordnung häufig leiser.

Doch was steckt hinter den ungewöhnlichen Sichtungen und nehmen sie tatsächlich zu? Welche Risiken bestehen für die Tiere, und wann sollte der Mensch eingreifen? Diese Fragen beantwortet Walforscher Carl Christian Kinze im folgenden Interview.

Ein Belugawal wurde in der Flensburger Förde gesichtet. Wie lässt sich das erklären?

Zur Person

Carl Christian Kinze stammt aus Sonderburg und gehört der deutschen Minderheit in Nordschleswig an. 

Er ist Experte für Meeressäuger und Gastforscher am staatlichen Naturkundemuseum in Kopenhagen.

Bildquelle: Danmarks Nationalleksikon

„Bei dem Belugawal handelt es sich nicht um einen Irrgast. Fast gleichzeitig gab es auch Sichtungen von Belugawalen in der Nordsee am Eingang zum Skagerrak. In der Flensburger Förde hat es schon in der Vergangenheit Belugawale gegeben, da dies Küstenwale sind, die sich auch in unseren Gewässern zurechtfinden können. Belugas sind auf der Suche nach Fischen wie Heringen und Makrelen und suchen sich geeignete Fressreviere aus. 

1903 gab es einen Totfund als Beifang in einem Fischernetz bei Alnor. 1964 gab es bei Wenningbund (Vemmingbund) ebenfalls einen Weißwal, und 1983 sowie 1984 sind zwei Weißwale durch den Kleinen Belt in kältere Gewässer Richtung Norden geschwommen. Das kommt also immer mal wieder vor, wenn gleich es Ausnahmen bleiben.“

Welche Risiken können für den Belugawal in einem Gebiet wie der Flensburger Förde bestehen?

„Die einzige wirkliche Gefahr wären Stellnetze oder andere Fischernetze, in denen der Wal sich verheddern könnte. Beim Belugawal handelt es sich um einen Zahnwal, der die Schallortung nutzt. Belugawale können zwar stranden, aber sie überleben Strandungen meistens, weil sie auch in ihren arktischen Heimatgewässern bei Niedrigwasser liegen bleiben und die nächste Flut abwarten, um dann weiterzuschwimmen. Belugawale haben also überhaupt keinen Rettungsbedarf.

Das Mitgefühl vieler Menschen ist verständlich, aber man muss auch akzeptieren, dass man nicht alle Wale retten kann.

Carl Christian Kinze

Buckelwale in der Ostsee

Derzeit sorgen zwei einzelne Buckelwale in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein für Aufsehen. Expertinnen und Experten halten Rettungsversuche in beiden Fällen überwiegend für aussichtslos und raten dazu, die Tiere nicht weiter zu stressen. Dennoch gibt es öffentliche Forderungen nach Eingreifen, wodurch Fachleute und Behörden unter Druck geraten sind.

Was hingegen – um ein anderes Beispiel heranzuziehen – derzeit bei den Strandungen der Buckelwale in Deutschland (vor der Ostsee-Insel Poel, Mecklenburg Vorpommern & in der Lübecker Bucht bei Niendorf, Schleswig-Holstein) geschieht, geht auf keine Kuhhaut.

Meines Erachtens geht es dabei um die Selbstinszenierung von Leuten, die sich als bessere Walversteher sehen als ausgebildete Walforscher. Mit großer Verbitterung werden anderen unlautere Motive unterstellt. Das hat sich inzwischen bis hin zu Morddrohungen gegen Politiker ausgeweitet.

Das Mitgefühl vieler Menschen ist verständlich, aber man muss auch akzeptieren, dass man nicht alle Wale retten kann und dass auch Wale irgendwann sterben. Wenn ein Wal strandet und nicht gerettet werden kann, gehört das Skelett in ein Museum, zusammen mit den Befunden, die sich daraus ergeben. Diese Datenerhebung ist sehr wichtig. In Dänemark besteht ein größeres Vertrauen darin, dass die zuständigen Behörden, wie das Umweltministerium und die Naturbehörde, das Richtige tun.“

Viele Menschen haben den Eindruck, dass mehr Wale an unseren Küsten stranden. Entspricht das der Realität oder täuscht der Eindruck, weil mehr darüber berichtet wird?

„Sowohl als auch. Die Öffentlichkeit beschäftigt sich mehr mit dem Thema, und es werden wahrscheinlich mehr Wale entdeckt als früher. Gleichzeitig wächst die Buckelwalpopulation im Nordatlantik stark und ist wieder so groß wie vor dem Walfang. Dadurch werden auch Jungtiere verdrängt, weil die besten Gebiete bereits besetzt sind. Wale haben außerdem schon immer nach neuen Fressgebieten gesucht, manchmal auch aus reiner Neugier. 

Das eigentliche Problem ist der Zustand unserer Meere. Die Ostsee ist das am stärksten belastete Binnenmeer der Welt.

Carl Christian Kinze

Es gibt aber auch echte Irrgäste, die ihre Wanderungsmuster aufgrund des Klimawandels verändern und deshalb in die Nord- oder Ostsee schwimmen. Das eigentliche Problem hierbei ist der Zustand unserer Meere. Die Ostsee ist das am stärksten belastete Binnenmeer der Welt. Da ist alles schiefgelaufen – Überfischung, Verschmutzung, Umweltschäden, zahlreiche Geisternetze und so weiter. Wir haben die Ostsee stark beeinträchtigt und unsere Erde nicht besonders gut betreut.“

Könnten Wale ebenfalls von etwas angezogen oder verwirrt werden – etwa von bestimmten Frequenzen technischer Anlagen oder militärischer Aktivitäten?

„Es gibt bereits Studien, die belegen, dass militärische Aktivitäten tatsächlich Wale negativ beeinflussen können. Bestimmte Frequenzen können den Ortungssinn der Zahnwale stören. Bartenwale wie Buckelwale haben diese Schallortung nicht, können aber beispielsweise durch den Lärm von Schiffsschrauben beeinträchtigt werden.“

Werden Walsichtungen und Strandungen aufgrund der genannten Faktoren künftig bei uns noch häufiger auftreten?

„Das ist möglich. Eine genaue Vorhersage ist schwierig, aber weitere Vorfälle in diesem Jahr sind wahrscheinlich. Walsichtungen und Strandungen hat es in Dänemark zwar schon immer gegeben, allerdings scheint es inzwischen so, dass wir beispielsweise häufiger jüngere Pottwalbullen beobachten, die in die Nordsee geraten. Das könnte mit der Erwärmung des Nordatlantiks zusammenhängen.

Junge männliche Pottwale halten sich normalerweise eher in südlicheren Gewässern auf. Wenn sich ihre Lebensräume durch steigende Temperaturen nach Norden verlagern, gelangen sie häufiger in für sie ungeeignete Regionen. Vor allem auf dem Rückweg in Richtung Süden fehlt ihnen oft noch die Erfahrung, sodass sie sich zum Beispiel vor Schottland verirren und schließlich in die Nordsee gelangen.

Eine vielleicht gewagte Vorhersage meinerseits ist, dass, mit fortschreitender Erwärmung, irgendwann auch die ersten größeren weiblichen Pottwale in die Nordsee vordringen.“

Hinweis: Wer weitere Informationen und Einordnungen zum aktuellen Forschungsstand sowie zu möglichen Maßnahmen bei Strandungen von Walen sucht, findet auf der Seite des Deutschen Meeresmuseums Antworten von Walforscher Carl Christian Kinze auf zahlreiche Fragen.

Sichtung melden

Carl Christian Kinze bittet darum, Sichtungen des Belugawals in der Flensburger Förde zeitnah zu melden. Hinweise können per E-Mail an cck@hvaler.dk gesendet werden.