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Weit von der Sønderjyske-Kultur entfernt

Die Sønderjyske-Fußballer leisteten sich in Brøndby einen seltenen Aussetzer und gerieten unter die Räder.

Die Sønderjyske-Fußballer müssen die Blamage von Brøndby abhaken und nach vorne blicken, denn solche Aussetzer hatten in der laufenden Saison Seltenheitswert. Im Saison-Schlussspurt steht noch viel auf dem Spiel. Ein Kommentar von Sportredakteur Jens Kragh Iversen.

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Dieses ist ein Kommentar aus der Redaktion des „Nordschleswigers“. Bei Kommentaren handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Harsche Kritik prasselte nach dem 0:6-Debakel von Brøndby auf die Sønderjyske-Fußballer nieder. Einerseits berechtigt, weil der Einsatz so weit von der Kultur entfernt ist, was Sønderjyske über Jahre auszeichnete und was man nach den dunklen Jahren in amerikanischer Hand behutsam wieder aufgebaut hat.

Andererseits ist manche Kritik auch weit übers Ziel hinaus geschossen. Was zum Teil in sozialen Medien zu lesen war, kann nur Kopfschütteln auslösen, ist aber eben auch ein Zeichen dafür, dass nach einer hervorragenden Saison die Erwartungshaltung im Umfeld gestiegen ist, manchmal auch ins Unermessliche.

Viele haben sich mitreißen lassen

Es darf nicht vergessen werden, dass Sønderjyske vor 14 Monaten auf einem Abstiegsplatz in die Abstiegsrunde ging und mit einem der niedrigsten Budgets der Superliga auch als Abstiegsmitfavorit in die laufende Saison startete.

Die Mannschaft ist über sich hinaus gewachsen und der dritte Tabellenplatz nach der regulären Saison hat Hoffnungen auf Bronze und die dritte Europapokal-Teilnahme der Vereinsgeschichte geschürt. Viele haben sich mitreißen lassen, auch der Autor dieses Kommentars. 

Nüchtern betrachtet ist Sønderjyske der Favorit auf Platz sechs, und von dort wird die Mannschaft in der Verfassung von Brøndby auch nicht mehr weg kommen, doch das, was in Brøndby passierte, ist sehr untypisch für Sønderjyske. Eine saft- und kraftlose Mannschaft, die sich fast ohne Gegenwehr abschlachten und demütigen ließ. Das Kartenhaus ist schlichtweg eingestürzt, und das kommt fast nie vor. 

Seltene Aussetzer

Sønderjyske hat in fast allen Spielen der laufenden Saison diese bemerkenswerte Eigenschaft unter Beweis gestellt, auch bei schlechteren Leistungen sehr lange im Spiel zu bleiben und sich bis zur Schlussphase die Möglichkeit auf einen Punktgewinn offen zu halten. Bis auf zwei Ausnahmen: die Spiele in Brøndby bzw. in Herning gegen den FC Midtjylland zu Saisonbeginn, als man in den ersten 25 Minuten den besten Fußball seit vielen Monaten zeigte, aber danach mit 2:6 unter die Räder geriet.

Die Ausbeute bei Halbzeit der Meisterschafts-Endrunde ist enttäuschend. Auch die Sønderjyske-Kicker hatten sich mehr als zwei Punkte aus fünf Spielen erhofft. Die Hellblauen haben gegen die beiden Meisterschafts-Kandidaten jeweils einen beachtlichen Punkt geholt, aber eben in den falschen Spielen ihre Bestleistung abgerufen – nicht gegen die direkten Konkurrenten im Kampf um Bronze und Europa.

Die zweite Halbzeit gegen Viborg und der blutleere Auftritt in Brøndby haben das Gefühl aufkommen lassen, dass ein wenig die Luft raus ist. Die Sønderjyske-Kicker werden sich mit Sicherheit vornehmen, in den nächsten beiden Heimspielen am Donnerstag gegen den FC Midtjylland und am Sonntag gegen Brøndby ein anderes Gesicht zu zeigen.

Herz und Leidenschaft gefragt

Die Frage ist dann, ob die Qualität reicht, um hier zu punkten und im Endeffekt den sechsten Tabellenplatz oder sogar eine Endrunde ohne Sieg zu vermeiden. Dies wäre nach der guten Ausgangslage mit Sicherheit eine Enttäuschung, wobei ein sechster Tabellenplatz in der Endabrechnung für einen Klub wie Sønderjyske immer noch als Erfolg eingestuft werden muss.

Es ist aber noch alles drin. Bronze ist mittlerweile sechs Punkte weg, aber eine mögliche Europapokal-Teilnahme über Platz vier nur zwei Punkte entfernt. Die Endplatzierung ändert nichts daran, dass es eine starke Sønderjyske-Saison gewesen ist, aber für das Gefühl, mit dem man in die nächste Saison geht, wäre es wichtig, dass im Saison-Schlussspurt zumindest Herz und Leidenschaft gezeigt werden.