Natur

„Fall für Satiresendung“: Amtsschimmel verhindert Wiederanpflanzung von Seegraswiesen

Hoffnungsschimmer für bedrohte Arten und Klimaschutz durch hohe Speicherfähigkeit von CO2: Seegraswiesen in der Ostsee.

Tauchvereine in Schleswig-Holstein wollen wertvolle Seegraswiesen in der Ostsee anpflanzen. Doch die Projekte wurden gestoppt, weil die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes die Ehrenamtlichen mit Kosten und Bürokratie konfrontiert.

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Zusammenfassung

  • In Schleswig-Holstein liegen mehrere Projekte zur Wiederanpflanzung von Seegraswiesen in der Ostsee wegen Gebührenforderungen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung auf Eis.
  • Tauchvereine und Umweltverbände kritisieren, dass ehrenamtliche Renaturierung als gebührenpflichtige Nutzung des Meeresbodens gewertet und damit faktisch ausgebremst wird.
  • Die Seegraswiesen gelten als wichtig für Artenvielfalt, Küstenschutz und CO2-Speicherung, weshalb Umweltminister Tobias Goldschmidt auf eine gemeinsame Lösung mit Bund und Verbänden drängt.

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Sie gilt als großer Hoffnungsschimmer sowohl für die geschundene Artenvielfalt in der Ostsee als auch zum Binden des Treibhausgases CO2: die Wiederanlage von Seegraswiesen.

Doch nun liegen mehrere Renaturierungsprojekte vor Schleswig-Holstein auf Eis, weil eine Behörde querschießt: Die für das Ausbringen der Pflanzen nötigen ehrenamtlichen Tauchgruppen wundern sich darüber, dass die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes dafür von ihnen Nutzungsentgelte und Gebühren verlangt.

Brandbrief aus SH an zwei Bundesminister

Der Tauchsport-Landesverband Schleswig-Holstein warnt in einem Brandbrief an Bundesumweltminister Carsten Schneider und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder vor einem „Fall für Satiresendungen“. Nachrichtlich haben die Autoren das Schreiben auch Bundestagsabgeordneten und Landesministern zukommen lassen.

Darin erklärt Tauchsportler-Präsident Wolfgang-Dieter Glanz: „Aktuell steht das Ende aller Renaturierungsmaßnahmen in Schleswig-Holstein durch die spezifische Auslegung der Vorschriften durch die WSV bei der Genehmigung der Seegraswiesenrenaturierungsprojekte bevor.“

Widerspruch zu regierungsamtlichen Zielen

Gleich zwei Forderungen bringen Glanz auf die Palme: Zum einen sollen die Tauchclubs bereits Gebühren zahlen, wenn sie eine Genehmigung für das Pflanzen einer Seegraswiese beantragen.

Das könne eine Größenordnung zwischen 500 und 800 Euro erreichen, verdeutlicht Glanz. „Das überfordert die meisten beteiligten Gruppen.“ 

Dieses Gebaren sei auch deshalb zu hinterfragen, weil Seegraswiesen auf Verpflichtungen des Bundes zu Natur- und Klimaschutz einzahlen. Das gilt etwa für die EU-Wiederherstellungsverordnung für die Natur oder das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz des Bundesumweltministeriums.

Nutzungsentgelte und langfristige Verträge

„Noch dramatischer“ als die Gebühren, so Glanz weiter, „ist aber die Auslegung des Nutzungsbegriffs durch die WSV“. Die Tauchvereine und Gruppen sollen mit der Bundesrepublik Deutschland einen Vertrag abschließen, der jährliche Nutzungsentgelte für die Renaturierungsflächen vorsieht.

Pro Fläche könnten das je nach Größe mehrere tausend Euro jährlich bedeuten. Der Tauchsportler-Präsident: „Unabhängig davon, dass die gemeinnützigen Organisationen dieses nicht leisten können und wollen, ist schon die Interpretation der Renaturierungsmaßnahmen als Nutzung des Meeresbodens zu hinterfragen.“

Geomar koordiniert, Sea Shepherd schult

Die Wiederanlage der ökologisch hochwertigen Seegraswiesen, überwiegend im Flachwasser der Ostsee, wird von der Kieler Meeresforschungseinrichtung Geomar koordiniert. 

Für die händische Unterstützung hat es eine Kooperationsvereinbarung mit dem Tauchsport-Landesverband abgeschlossen. Alle beteiligten Taucher werden dafür eigens von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd geschult.

Naturschutz-Bündnis macht Front

Auch ein Bündnis der Umweltverbände in Schleswig-Holstein will nicht hinnehmen, dass in diesem Fall Naturschutz und biologischer Klimaschutz als gebührenpflichtige Nutzung behandelt werden. 

Dass die ehrenamtliche Wiederherstellung eines Küstenlebensraums zum Nutzen der Gesellschaft mit Gebühren belegt werden solle, sei ein Stück aus dem Tollhaus, äußern der BUND, der Nabu und der Landesnaturschutzverband in einer gemeinsamen Erklärung.

Diese vielen Funktionen haben Seegraswiesen

Seegraswiesen seien nicht nur eine Kinderstube für die stark rückläufigen Arten Dorsch und Hering, so die Umweltverbände. Seegraswiesen stabilisieren mit ihren Wurzeln den Sand und wirken so als natürlicher Wellenbrecher. Hinzu komme die Speicherung von CO2.

Deshalb gab es den Schwund beim Seegras

Die Seegraswiesen in Nord- und Ostsee sind in den vergangenen 50 Jahren um 30 Prozent zurückgegangen. BUND, Nabu und LNV führen das unter anderem auf die hohen Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft und Kläranlagen in die Meere zurück: Dadurch überwuchern Algen die Seegrasblätter oder das Wasser ist so trüb, dass Seegraspflanzen zu wenig Licht bekommen.

Umweltminister Goldschmidt drängt auf Lösung

„Die Verbände formulieren ein wichtiges Anliegen“, sagt Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne). „Wir unterstützen eine konstruktive Lösung des Konfliktes.“ 

Diese solle gemeinsam zwischen allen Beteiligten gefunden werden: dem Bundesumweltministerium, der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, dem Geomar und den Verbänden, die Seegrasanpflanzungen durchführen.