Bildungswesen

Schüler und Lehrer werfen Ministerin tendenziöse Umfrage vor

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Kopenhagen
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Annette Nordstrøm Hansen
Annette Nordstrøm Hansen, Vorsitzende des Lehrerverbandes GL. Foto: GL

Das dänische Unterrichtsministerium untersucht derzeit, wie es um die demokratische Bildung in verschiedenen Ausbildungen bestellt ist. Die Umfrage sei ideologisch motiviert und tendenziös, kritisieren Schüler, Lehrer und Rektoren.

Eine Umfrage des Unterrichtsministeriums sorgt derzeit unter Lehrern, Schülern und Rektoren in Dänemark für Aufruhr. Mit den Fragebögen will das Ministerium herausfinden, wie es um die demokratische Bildung an den Einrichtungen des Landes bestellt ist. Doch die Fragen seien tendenziös und zielten auf eine ganz bestimmte Schülergruppe ab – nämlich Muslime. Es würde versucht, einen Zusammenhang zwischen muslimischen Schülern und Problemen in der demokratischen Bildung zu konstruieren, sagt unter anderem der Vorsitzende des Gymnasiastenverbandes DGS, Jens Philip Yazdani.

„Es wirkt nicht so, als wolle man nüchtern und sachlich versuchen, ob es tatsächlich einen Mangel an demokratischer Bildung oder Probleme mit sozialer Kontrolle, Frauenunterdrückung oder Islamkritik an den dänischen Gymnasien gibt“, schreibt er in einer Pressemitteilung des Lehrerverbandes der Gymnasien. „Es wirkt eher so, als versuche man, die Themen mit dem Islam und muslimischen Schülern zu verknüpfen. Es ist problematisch, dass man von höchster Stelle, dem Ministerium, so eine Verknüpfung herstellt“, so Yazdani weiter.

„Das kommt einer Art der muslimhetzenden Praxis gleich, wo man die muslimischen Schüler kritisieren will, ohne zu untersuchen, ob das wirklich ein Problem ist“, schreibt er weiter.

Auch die Lehrer sind mit der Umfrage alles andere als zufrieden. „Die Untersuchung hat eine ideologische Grundlage und eine unglückliche Fokussierung auf eine klar definierte Schülergruppe“, sagt die Vorsitzende des Verbandes der Gymnasiallehrer (GL), Annette Nordstrøm Hansen.

Die Untersuchung war Anfang September an die Schulen geschickt worden. Erst diese Woche war GL durch verwunderte Lehrer auf die Inhalte aufmerksam gemacht worden. Der Verband rät seither seinen Mitgliedern dazu, die Untersuchung nicht zu beantworten, bis es eine Klärung mit dem Ministerium gegeben hat.

„Man stellt Fragen, die eine bestimmte Schülergruppe bloßstellen“

Eine der Lehrerinnen, sie sich an GL gewandt hat, ist Sylviane Paoli vom Ørestad Gymnasium. Die Lehrerin für Geschichte und Gemeinschaftskunde sagt, sie sei „verärgert darüber, wie tendenziös die Untersuchung ist. Man stellt Fragen, die eine bestimmte Schülergruppe bloßstellen“. Als Beispiel nennt sie eine Frage, in der soziale Kontrolle mit dem Islam verknüpft wird. „Selbstverständlich erleben wir soziale Kontrolle an der Schule, Schüler kontrollieren einander sozial an allen Ecken und Enden. Aber es stört mich, wenn soziale Kontrolle und islamische Schüler gleichgesetzt werden. Wir erleben soziale Kontrolle unter allen Schülern“, sagt sie.

Jens Philip Yazdani befürchtet, dass die Umfrage ein falsches Bild von den dänischen Gymnasien zeichnen könnte. Und GL-Chefin Hansen pflichtet ihm bei: „Anstatt eine Lösung zu unterstützen, droht sie, das Problem größer zu machen, als es ist – und das Problem ist zu ernst für eine tendenziöse Auseinandersetzung“, sagt sie.

Sylviane Paoli geht gar soweit, dem Ministerium eine bestimmte Absicht zu unterstellen: „Ich interpretiere das so, dass das Ministerium Evidenz dafür sucht, dass es unter den Schülern Widerstand gegen die dänische Demokratie gibt. Das ist ein Wertekampf“, sagt sie.

Chef-Rektorin am Freitag zu Gesprächen im Ministerium

Anne-Birgitte Rasmussen, Chefin des Verbandes der dänischen Gymnasien, ist ebenfalls unzufrieden. Die Rektorin sei „sehr verwundert über die Rahmensetzung des Fragenkataloges und den Hintergrund dafür und wir können nur schwer erkennen, wie das mit dem gesteigerten Fokus auf demokratische Bildung in der Gymnasialreform zusammenpasst“, sagt sie. Sie möchte vor weitergehender Kritik den Fall jedoch zunächst mit dem Ministerium erörtern. Am Freitag soll ein solches Gespräch stattfinden.

Die Untersuchung ist Teil einer Reihe von Maßnahmen, die bei einem sogenannten Dialogforum beschlossen wurden, zu dem Unterrichtsministerin Merete Riisager (Liberale Allianz) geladen hatte. Doch, kritisiert Yazdani, geladen seien nur Rektoren gewesen – und auch nur die von sogenannten „braunen“ Gymnasien, also solchen an denen viele Schüler mit Migrationshintergrund lernen. „Damit sagt man, dass es dort Probleme mit demokratischer Bildung gibt, wo Schüler mit anderem ethnischen Hintergrund sind“, sagt er. Sein Verband habe zahlreiche Vorschläge dazu, wie die demokratische Bildung befördert werden kann – „aber bei unseren Vorschlägen geht es nicht um den Islam und eine kleine Minderheit der Schüler, unser Vorschlag dreht sich um die breite Schülergruppe“, sagt er.

Die Ministerin wollte die Vorwürfe laut GL am Donnerstag nicht kommentieren.

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