Kommentar

DGN-Theaterstück: Ein Abend zum Nachdenken

Nuklearwissenschaftlerin Swantje Plunder wird von Journalistinnen zu einer bahnbrechenden Idee interviewt.

Theater: Die neue Inszenierung am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig beleuchtet die Auswirkungen moderner Technik auf die Gesellschaft. Sie überzeugt mit unerwarteten Wendungen und beeindruckendem Schauspiel. Ein kulturelles Highlight, das zum Nachdenken anregt. Eine Rezension von Anna-Lena Holm.

Veröffentlicht Geändert

Kommentar

Dieses ist ein Kommentar aus der Redaktion des „Nordschleswigers“. Bei Kommentaren handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Das Gespräch mit der Sitznachbarin ist noch nicht verstummt, da wird es urplötzlich stockdunkel in der Aula des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN). Eine Horde bewegt sich mit primatenhaftem Stampfen entlang der Sitzreihen Richtung Bühne. Einzelne Personen sind nicht zu erkennen – kein Gesicht, keine Körpergröße. In den Händen tragen sie die einzige Lichtquelle: trübe Handybildschirme.

Der Überraschungseffekt – als Einstieg in das Theaterstück „Anfang und Ende des Anthropozäns“ von Philipp Löhle, der sich der Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein kann.

Diese Aufmerksamkeit ist während der gesamten Aufführung gefragt, um die verschiedenen Handlungsstränge korrekt – oder eben nicht vorschnell – miteinander zu verknüpfen.

Denn dieses Stück erzählt viel. Es geht unter anderem darum, was Technologie aus den Menschen macht. Darum, dass jedes Handeln Konsequenzen hat – früher oder später. Es geht um Abhängigkeit, Fehlbarkeit und Umweltschutz. Sicher lassen sich darüber hinaus weitere Themen erkennen. Die Handlung entwickelt sich unvorhersehbar, eröffnet immer neue Stränge und macht letztlich deutlich, dass alles miteinander verbunden ist und sich gegenseitig beeinflusst.

Die Inszenierung von Susanne Kirste und Jürgen Schultze wird besonders von beeindruckender schauspielerischer Leistung getragen. Einige der Schülerinnen und Schüler sind so begabt, dass es große Freude macht, ihrem Spiel zu folgen. Gestik, Mimik und Betonung bewegen sich auf bemerkenswertem Niveau.

Besonders herausragend gelingt dies an diesem Abend der „42“, dargestellt von Henny Sophie Lammerskitten. Ein Talent, das es verdient, gesondert erwähnt zu werden. Mit großer Ausdruckskraft in Spiel und Sprache lässt sie ihre Figur lebendig und authentisch wirken.

Die Rolle der Nuklearwissenschaftlerin Swantje Plunder ist Aimée Ernst wie auf den Leib geschrieben. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht, ihr stimmliches Talent und der umfangreiche Textanteil lassen ihr großes Bühnentalent voll zur Geltung kommen.

Die männlichen Hauptrollen, interpretiert von Liam Curdes und Leon-Noel Prieg, glänzen in der Interaktion mit ihren jeweiligen szenischen Spielpartnerinnen Swantje Plunder und „42“.

Und auch das übrige Ensemble überzeugt und trägt zu einer insgesamt runden Aufführung bei. Gleiches gilt für die Kostüme, die die Charaktere treffend unterstreichen. So tragen die „Nummerierten“ einheitliche blaue Arbeitskleidung – ein sichtbares Zeichen für eine Gesellschaft, in der Individualität und Kreativität an Bedeutung verloren haben.

Es ist ein Stück, das auch mit humorvollen Momenten unterhält und zugleich wegen seiner zahlreichen gesellschaftskritischen Themen und miteinander verwobenen Handlungsstränge nachhallt.

Kunst, die es verdient, dass darüber gesprochen wird – nach der Aufführung bei einem Getränk, vielleicht einem Glas Wein. Dabei kommen sicherlich Punkte zum Vorschein, die der eigenen Aufmerksamkeit zuvor verborgen geblieben sind – und genau das macht ein solches Theaterstück erst recht spannend und zu einem runden Kulturereignis.