Leitartikel

„Der stille Protest und die schwarzen Handschuhe“

Der stille Protest und die schwarzen Handschuhe

Der stille Protest und die schwarzen Handschuhe

Kopenhagen
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Versteinerte Gesichter bei den iranischen Spielern, während die Nationalhymne des Landes gespielt wird Foto: Fadel Senna/AFP/Ritzau Scanpix

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Die iranische Fußball-Nationalmannschaft zeigte Mut, als sie bei der WM das Singen der Nationalhymne verweigerte. Es ist nur ein Beispiel dafür, dass es Unsinn ist zu behaupten, Sport und Politik gehören nicht zusammen, meint Walter Turnowsky.

Obwohl es beim Abpfiff des Fußball-WM-Spiels zwischen England und dem Iran 6:2 zugunsten ersterer Mannschaft stand, haben die iranischen Kicker das Spiel gewonnen – und das schon vor der ersten Ballberührung.

Als im Stadion die iranische Nationalhymne erklang, sang keiner der Spieler mit. Mit versteinerten Gesichtern standen sie da. Manchmal ist Schweigen der machtvollste Protest.

Die Mannschaft hat sich nicht direkt dazu geäußert, warum sie das Singen der Nationalhymne verweigert hat. Doch bereits im Vorfeld des Spiels hatte der Mannschaftskapitän Ehsan Hajsafi gesagt, die Bedingungen im Land seien nicht gut und die Menschen nicht glücklich.

Angespielt hat er damit auf die seit Mitte September andauernden Proteste gegen das autoritäre Ajatollah-Regime und insbesondere gegen die Unterdrückung der Frauen. Ausgelöst wurden die Demonstrationen durch den Tod der iranischen Kurdin Mahsa Amin, die im Polizeigewahrsam starb, nachdem sie wegen Verstoßes gegen die Kleidungsvorschriften verhaftet worden war.

Frauen und Mädchen haben ihre Hijabs öffentlich verbrannt und sich die Haare geschnitten. Männer und Jungen haben die Proteste unterstützt. Sie wissen, welches Risiko sie dabei eingehen: Nach Schätzungen von Menschenrechtlern wurden bereits Tausende festgenommen und Hunderte Menschen getötet.

Auch am Tag des Protestes im Stadion in Doha sollen nach Augenzeugenberichten Sicherheitskräfte wahllos auf Demonstranten geschossen haben. Doch bislang hat das nicht die Plakate mit „Woman, life, freedom“ unterdrücken können, die auch am Montag auf den Rängen im Stadion zu sehen waren.

Die Nationalspieler mögen trotz ihres Schweige-Protestes einen gewissen Schutz vor den brutalsten Repressalien des Regimes genießen. Wissen können sie es jedoch nicht, und es ist schwer vorstellbar, dass er überhaupt keine Folgen für sie haben sollte.

Es mag Menschen geben, die behaupten, dass eine solche „politische“ Manifestation bei einer Sportveranstaltung unangebracht ist. Wir anderen können dem iranischen Trupp nur applaudieren, dass er die große Bühne genutzt hat, um auf die Leiden seines Volkes aufmerksam zu machen.

Es ist übrigens bei Weitem nicht das erste Mal, dass Sportlerinnen und Sportler internationale Veranstaltungen nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Bei den Olympischen Spielen 1968 gewannen die beiden afroamerikanischen Athleten Tommie Smith und John Carlos im 200-Meter-Lauf Gold beziehungsweise Bronze. Als bei der Siegerehrung die amerikanische Hymne gespielt wurde, reckten sie beide eine mit einem schwarzen Handschuh bekleidete Faust in die Höhe.

Der stille Protest von Tommie Smith und John Carlos schlug Wellen. Der Australier Peter Norman gewann Silber. Er hat gesagt, er sei stolz, Teil der Manifestation gewesen zu sein. Foto: Derek Cattani/Shutterstock/Ritzau Scanpix

Ihr Protest galt der Diskriminierung von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern, oder wie Smith es formulierte: Wenn er Medaillen gewinnt, sei er Amerikaner, sollte er Mist bauen, würde er Neger genannt.

Die beiden Athleten wurden von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Sie hätten, so Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, „gegen die Prinzipien des olympischen Gedankens verstoßen“.

Diese Prinzipien hatten jedoch nicht, wie Smith anmerkte, zu Einwänden von Brundage gegen den Hitlergruß bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin geführt.

Dies zeigt deutlich, dass das Gerede von FIFA-Präsident Gianni Infantino, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun, schlichtweg dummes Gewäsch ist. Wer die Faust als Symbol gegen Diskriminierung und für Menschenrechte verbietet, den Hitlergruß jedoch zulässt, hat politisch Stellung bezogen – und zwar falsch und menschenverachtend.

Gleiches gilt für eine FIFA, die dem Regime in Katar eine Werbeplattform bietet und gleichzeitig den Kapitänen verbietet, die regenbogenfarbene One-Love-Armbinde zu tragen.

Die Frage muss gestattet sein, ob die europäischen Fußballverbände mit einer Gelben Karte für das Tragen der Binde weniger riskieren würden als die Kollegen aus dem Iran. Und wie lange sie noch bei der korrupten FIFA mitmachen wollen, wenn sich nichts ändert.

Es kann sein, dass man einen Preis dafür zahlen muss, für das einzutreten, das man für richtig hält. Es nicht zu tun, hat auch seinen Preis.

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