ADHS und Corona

„Für ein Kind fühlt es sich wie eine Ewigkeit an“

„Für ein Kind fühlt es sich wie eine Ewigkeit an“

„Für ein Kind fühlt es sich wie eine Ewigkeit an“

Bettina P. Oesten
Nordschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Der Kinder- und Jugendpsychiater Per Hove Thomsen zählt weltweit zu den führenden ADHS-Experten und ist Autor zahlreicher Bücher zu dem Thema und zu anderen, wie etwa Zwangsstörungen (OCD), Autismus und Tourette-Syndrom. Foto: Bettina P. Oesten

Diesen Artikel vorlesen lassen.

„Der Nordschleswiger“ sprach exklusiv mit dem Kinder- und Jugendpsychiater und gebürtigen Apenrader Per Hove Thomsen, unter anderem über ADHS-Betroffene am Ende ihrer Geduld und wie man ihnen helfen kann, mit Corona besser umzugehen.

Was ist ADHS?

ADHS ist eine Entwicklungsstörung. Die Buchstaben stehen für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Probleme mit der Aufmerksamkeit, mit Hyperaktivität und Impulsivität – das sind die drei großen Überschriften, die ADHS beschreiben.

Fälschlicherweise heißt es über Kinder mit ADHS oft, dass sie sich nicht konzentrieren können, aber so einfach ist es nicht. Sie können sich konzentrieren, haben aber Probleme damit, ihre Aufmerksamkeit zu regulieren und zu steuern. Auch mit der Dosierung ihrer Aufmerksamkeit haben sie Schwierigkeiten.

Es ist also nicht von einem Mangel an Aufmerksamkeit von anderen Personen die Rede …

Nein, ihre eigene Aufmerksamkeitsfunktion zu steuern, das fällt Kindern und Jugendlichen mit ADHS sehr schwer, zum Beispiel beim Lesen, beim Lösen von Aufgaben oder auch bei einer ganz normalen Aktivität.

Insbesondere bei kleineren Kindern ist zu beobachten, wie sie ständig in Bewegung sind und nicht stillsitzen können. Mit Lego spielen, Zeichnen oder Geschichten vorlesen, das ist bei ADHS-Kindern schwierig.

Sie können sich nicht in etwas vertiefen …

Jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum. Das ist ihr Hauptproblem. Dazu kommt die Hyperaktivität, das Nicht-stillsitzen-Können. Selbst beschreiben sie es, als ist da ein innerer Motor, der viel zu schnell ist und einen sehr unangenehmen inneren Spannungszustand erzeugt. Sie fühlen sich dann in ihrem eigenen Körper sehr unwohl.

Wie entsteht ADHS?

Es gibt eine unendliche Vielzahl von Untersuchungen in diesem Bereich. Es wurde in alle Richtungen untersucht. Trotzdem sind wir immer noch nicht zu 100 Prozent sicher, wie ADHS entsteht. Die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass die Gene einen Anteil von etwa 80 Prozent an der Entstehung von ADHS haben. Das heißt: ADHS gilt als angeborene Störung.

Allerdings äußern sich die Symptome zu unterschiedlichen Zeiten. Bei einigen zeigen sie sich bereits im Alter von zwei bis drei Jahren, bei anderen erst später. Das hängt sehr davon ab, in welchem Umfeld das Kind aufwächst, über welche Stärken es verfügt und in welchem Maße die Eltern, der Kindergarten und die Schule in der Lage sind, die Probleme der AHDS-Kinder aufzufangen.

Man könnte ADHS auch als eine angeborene Prädisposition bzw. Anfälligkeit bezeichnen. Wenn ein Kind, sagen wir mal, mit einer schlechten genetischen Ausstattung auf die Welt kommt, können bereits wenige äußere Einflüsse ADHS hervorrufen, während umgekehrt bei Kindern, die genetisch besser ausgestattet sind, diese Gefahr nicht in gleicher Weise besteht.

Allerdings kann bei diesen Kindern dann vielleicht ein sehr ungünstiges Umfeld dazu führen, dass das Pendel voll in Richtung ADHS ausschlägt.

Zur Veranschaulichung: Man kann es ein bisschen mit Diabetes vergleichen. Hier hat man es auch mit einer angeborenen Prädisposition zu tun, bei der die Krankheit aber nur bei ungünstiger Lebensführung zum Ausbruch kommt. Dass die Genetik so viel Raum einnimmt, heißt also nicht, dass man nichts dagegen tun kann.

Für alle Kinder ist der Umgang mit Corona schwierig und auch belastend, aber für ADHS-Kinder und ihre Eltern gilt dies ganz besonders, weil sie mehr als andere auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Per Hove Thomsen, Kinder- und Jugendpsychiater

Könnte man sich vorstellen, dass ADHS auch als Folge einer ungünstigen Erziehung zum Ausbruch kommen kann? Ein Umfeld, in dem es an Struktur, klaren Regeln und festen Routinen fehlt, kann das nicht vielleicht auch ADHS begünstigen?

Nein, dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Aber es gibt Anhaltspunkte dafür, dass bei einer vorhandenen ADHS-Anfälligkeit ein ungünstiges Umfeld den Zustand verschlimmern kann. Deine Frage ist aber berechtigt, weil wir uns oft auch mit diesen Fragen beschäftigen, wenn wir eine Diagnose stellen. Dabei geht es uns auch darum, möglichst viel darüber zu erfahren, unter welchen Bedingungen das Kind herangewachsen ist und welche Rolle die Familie dabei gespielt hat.

Welche Rolle spielen eigentlich die digitalen Medien bei ADHS? Viele Eltern haben Probleme damit, den Umgang damit auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, besonders dann, wenn sie auch selbst fleißige Nutzer sind.

Ganz allgemein erleben Kinder in unserer modernen Welt eine Reizüberflutung etwa durch die digitalen Medien, nicht nur Kinder mit ADHS. Das stellt uns natürlich vor die Frage, wie diese ständigen Reize sich auf das Gehirn auswirken und was das für die langfristige Entwicklung unseres Gehirns bedeutet.

Die Kinder von heute werden nicht verschont …

Nein, sie bekommen alles mit, Kriege, Katastrophen und jetzt Corona – sogar die kleinsten Kinder. Wann gibt man ihnen die Gelegenheit, auch mal abzuschalten?

Ich weiß noch, wie wir als Kinder aus dem Wohnzimmer geschickt wurden, wenn etwas im Fernsehen lief, was wir weder sehen noch hören sollten. Man versuchte, uns zu schützen vor Gewalt, Kriegen etc. …

Ja, das stimmt. Heute erleben wir auf breiter Front, dass keine Grenzen mehr gezogen werden. Außerdem sind die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder und auch der Kinder an sich selbst enorm gestiegen. Die Erfolgserwartungen zum Beispiel. Oder die Erwartungen, im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen und immer nur glücklich zu sein.

Wie soll das gehen? Wer trifft schon immer die richtigen Entscheidungen, und wer ist schon in seinem Leben immer nur glücklich? Die Erkenntnis, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, will für viele erst gelernt sein. Heute fallen häufig die Worte Robustheit und Resilienz. Damit gemeint ist natürlich, wie wichtig es ist, die erforderliche Widerstandskraft zu besitzen, um auch Niederlagen auszuhalten. Das gilt ganz allgemein für Kinder und Jugendliche.

Aber doch sicherlich auch für Kinder und Jugendliche mit ADHS?

Ja, alles, was allgemein auf Kinder und Jugendliche zutrifft, kann auch auf ADHS-Betroffene zutreffen.

Trifft es zu, dass in den vergangenen Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, die Zahl der ADHS-Fälle enorm gestiegen ist, nicht nur in Dänemark, sondern weltweit?

Ja, das stimmt. Heute gibt es wesentlich mehr Kinder mit ADHS, aber auch mit Zwangsstörungen, Autismus, Angst und Depression.

Lässt sich das mit Zahlen belegen?

Ja, schon. Aus dem dänischen Psychiatrischen Zentralregister lässt sich ersehen, wie viele Kinder die eine oder andere Diagnose erhalten haben. Der Stand vom vergangenen Jahr ist der, dass 15 Prozent der dänischen Kinder und Jugendlichen eine psychiatrische Diagnose noch vor ihrem 18. Lebensjahr erhalten.

Wir haben auf unserer Homepage einige Tipps zusammengefasst, wie man seinem Kind am besten durch die Corona-Krise hilft.

Per Hove Thomsen, Kinder- und Jugendpsychiater

Das ist viel …

Es hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist der, dass uns das psychische Wohlergehen eines Kindes einfach ein größeres Anliegen ist als vor meinetwegen 50 Jahren. Heute verfügen wir über mehr Wissen über ADHS und können bessere Diagnosen stellen.

ADHS und andere Diagnosen sind mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Und die, die von Berufs wegen täglich mit Kindern zu tun haben, etwa in den Schulen und Kindergärten, reagieren heute einfach schneller, wenn ihnen irgendetwas komisch vorkommt. Und das ist gut so.

Warum erleben wir denn in der heutigen Zeit eine so große Zunahme von ADHS?

Kinder und Jugendliche mit ADHS sind einfach sichtbarer geworden. Sie werden sozusagen schneller gefunden.

Und wo waren sie früher?

Das ist eine gute Frage, denn sie waren ja da. ADHS ist keine neue Erfindung. Die Diagnose gab es bereits in den 50ern, vielleicht mit etwas anderen Bezeichnungen.

In der Literatur werden frühe Fälle von Kindern beschrieben, die überhaupt nicht stillsitzen konnten und schnell mit anderen in Streit gerieten oder sich ständig die Hände waschen mussten.

Fälle wie diese sind also nicht neu, sie sind einfach mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. ADHS wird heute einfach schneller erkannt und den Betroffenen schneller geholfen.

Neben seiner Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater in Århus ist Per Hove Thomsen ein gefragter Referent auf internationalen Fachkongressen. Er wurde 1998 in Kraks Blå Bog aufgenommen und 2009 mit dem Ritterkreuz des Dannebrogordens ausgezeichnet. Foto: Bettina P. Oesten

Ist eine ADHS-Diagnose eine lebenslange Diagnose?

Nein, das muss nicht der Fall sein. Es gibt Untersuchungen über junge Menschen mit einer ADHS-Diagnose, als sie Anfang 20 waren, und da zeigte sich, dass etwa die Hälfte von ihnen einen Normalzustand erreicht hatte. ADHS ist also nicht für alle ein chronischer Zustand.

Man kann sozusagen aus dem Zustand herauswachsen …

Ja, zumindest so weit, dass die Kriterien für eine ADHS-Diagnose nicht mehr erfüllt werden. Das soll aber nicht heißen, dass die Betroffenen dann gar keine Probleme mehr haben. Sie befinden sich klinisch einfach auf einem anderen Niveau. Auch hier kann man wieder den Vergleich zu einem Diabetiker anstellen, der sich durch eine gesunde Ernährung beschwerdefrei hält.

Wir haben über die Schwächen gesprochen, aber sicherlich haben Kinder und Jugendliche mit ADHS auch besondere Stärken. Welche könnten das sein?

In der Tat beschäftigen wir uns heute zunehmend auch mit den besonderen Stärken von ADHS-Betroffenen. Wir wissen von Untersuchungen aus Silicon Valley, dass unter den vielen Gründern von Start-up-Unternehmen der Anteil an Personen mit ADHS vergleichsweise hoch ist.

Ihre Stärken liegen darin, dass sie oft sehr kreativ und schnell sind. Sie schieben neue Projekte an und können über einen ausgeprägten Unternehmergeist verfügen. Womit sie gar nicht klarkommen, ist, wenn ihre Aufgaben zu sehr von Routine geprägt sind.

Man hört ja auch immer öfter von Unternehmen, z. B. in der IT-Branche, die Autisten für besondere Aufgaben einstellen.

Ja, richtig – weil sie in bestimmten Bereichen über ein unglaubliches Können verfügen.

Wenn Kindern und Jugendlichen mit ADHS nicht geholfen werden würde, etwa mit Medikamenten, was wären dann die Folgen?

Erhöhte Kriminalität und Gewaltbereitschaft, mehr Verkehrsunfälle, erhöhtes Risiko einer Drogensucht, schlechtere Anbindung an den Arbeitsmarkt, schlechtere Ausbildung usw. In all diesen Bereichen schneiden sie deutlich schlechter ab als die Allgemeinbevölkerung.

Heute erleben wir auf breiter Front, dass keine Grenzen mehr gezogen werden.

Per Hove Thomsen, Kinder- und Jugendpsychiater

Wie hoch ist eigentlich der Leidensdruck von ADHS-Betroffenen?

Er kann schon hoch sein, denn sie spüren ja, dass sie schlechter abschneiden als andere, dass sie keine Freunde haben. Keiner ruft zu Hause bei ihnen an, um zu fragen, ob man sich zum Spielen treffen soll. Wenn das Telefon zu Hause klingelt, dann ist eher jemand dran, der sich mal wieder darüber beschwert, was der ADHS-Betroffene in der Schule angestellt hat. Das führt bei vielen zu einem Gefühl, ein Versager zu sein.

Aus genau den Gründen ist es wichtig, dass ihnen geholfen wird.

Wichtig wäre ja sicherlich auch, dass wir alle anfangen, die Stärken von ADHS-Kindern mehr in den Vordergrund zu rücken, statt immer nur die vier Buchstaben zu sehen, oder?

Auf jeden Fall sollte man eines nicht tun, nämlich alle Kinder mit ADHS über einen Kamm scheren. Zwar haben sie alle dieselben Probleme, aber darüber hinaus haben sie ganz unterschiedliche Vorlieben und Begabungen, die einfach auch Anerkennung verdienen.

Alles, was unser Verständnis für ADHS-Betroffene erhöht, macht uns auch toleranter ihnen gegenüber, sodass es nicht mehr heißen muss: Mein Gott, warum können die sich nicht einfach benehmen? Und es macht uns natürlich auch neugierig auf das, was eine Person mit ADHS sonst noch als Menschen ausmacht.

Nun zu ADHS und Corona. Wie stellt sich die Lage gegenwärtig dar?

Alle Kinder sind von Corona betroffen, aber nicht auf gleiche Art oder im gleichen Ausmaß. Was Kinder und Jugendliche mit ADHS betrifft, haben wir ja bereits darüber gesprochen, wie wichtig es für sie ist, dass es im Alltag vorhersagbar und strukturiert zugeht. Und Strukturen zu schaffen, das geht am besten in der Schule.

Jetzt haben wir es mit einem Virus namens Corona zu tun! Und plötzlich sitzen sie zu Hause fest, können nicht mal rausgehen und mit anderen spielen. Die festen Strukturen und die besonderen pädagogischen Angebote – auf einmal sind sie nicht mehr da. Die Eltern sind gestresst, machen Homeoffice und müssen gleichzeitig ihre schulpflichtigen Kinder unterrichten.

Ein Kind mit ADHS kann sich, wie gesagt, nur schwer über längere Zeit konzentrieren. Ein Lehrer, der entsprechend ausgebildet ist, kann besser als die Eltern versuchen, das Kind zu motivieren und seine Aufmerksamkeit zu fesseln, aber das ändert nichts daran, das ADHS-Kinder sich leicht durch umgebende Reize ablenken lassen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie beim Heimunterricht bzw. am Bildschirm zusammen mit 20 anderen Schülern schnell abgelenkt werden, ist sehr hoch. Das Ganze ist fast zum Scheitern verurteilt.

Für alle Kinder ist der Umgang mit Corona schwierig und auch belastend, aber für ADHS-Kinder und ihre Eltern gilt dies ganz besonders, weil sie mehr als andere auf sich selbst zurückgeworfen sind. Besonders der fehlende Kontakt zu anderen Kindern ist ein Problem.

Bei einigen ADHS-Kindern sieht man allgemein auch eine geringe Impulskontrolle, es fällt ihnen schwer, sich sozusagen zusammenzureißen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, sie reagieren dann sehr impulsiv und gereizt.

Da hilft es auch nicht, wenn man ihnen sagt, dass wir ja alle im selben Boot sitzen und versuchen müssen, das Beste aus der Situation herauszuholen. Es fehlt ihnen einfach die Fähigkeit zur Reflexion und Selbsterkenntnis.

Es gibt Kinder und Jugendliche, die wirklich schwer von der Situation betroffen sind.

Per Hove Thomsen, Kinder- und Jugendpsychiater

Rufen Eltern bei euch an, weil sie nicht mehr weiterwissen?

Ja, wir werden von Eltern von ADHS-Kindern kontaktiert, aber auch von Eltern von Kindern mit anderen Diagnosen wie etwa Zwangsstörungen, und es ist nicht zu viel gesagt, dass sie zum Teil ziemlich verzweifelt sind.

Sie berichten von mehr Streit zu Hause und von Kindern, die niedergeschlagen und mutlos sind. Was wir jetzt erleben, fühlt sich für ein Kind wie eine Ewigkeit an. Für Erwachsene mag die Situation auch schwierig sein, aber wir gehen anders damit um als ein Kind, das ein völlig anderes Zeitgefühl hat.

Seit fast einem Jahr leben wir in einer Ausnahmesituation, und ein Jahr nimmt im Bewusstsein eines Kindes sehr viel mehr Raum ein als bei einem Erwachsenen. Dieses eine Jahr kommt ihnen unendlich lang vor.

Kindern mit ADHS kommt es noch viel länger vor, weil es ihnen mehr als anderen Kindern schwerfällt, eine Strategie zu entwickeln, wie am besten mit der Situation umzugehen ist. Zu allem kommt noch hinzu, dass das Konfliktpotenzial zwischen Eltern und Kindern viel größer ist als zwischen Lehrern und Schülern.

Was sagt ihr diesen Eltern? Was können sie tun?

Wir haben auf unserer Homepage einige Tipps zusammengefasst, wie man seinem Kind am besten durch die Corona-Krise hilft. Diese Tipps sind zum Teil allgemeiner Art, aber es gibt auch spezifische Tipps für ADHS-Kinder und ihre Eltern, was es jetzt besonders zu beachten gilt. Hier geht es vor allem und vorrangig darum, Strukturen im Alltag zu schaffen.

Was sollten Eltern von ADHS-Kindern jetzt auf keinen Fall tun?

Kleines Beispiel: Mit ihren Kindern anderthalb Stunden Mathematik pauken! Das funktioniert bei einem ADHS-Kind einfach nicht.

Wichtig ist, die Schularbeiten in kleinere Häppchen aufzuteilen, damit die Kinder den Überblick nicht verlieren. Dann häufige Pausen machen, z. B. an der frischen Luft, und das Kind immer wieder mit kleinen Belohnungen motivieren, Essens- und Bettzeiten einhalten usw. Und nicht vergessen: Lernen darf auch Spaß machen.

Kurz zusammengefasst heißt das, den Alltag so zu strukturieren, wie man es gewohnt ist. In der gegenwärtigen Situation besteht die Gefahr, dass gewohnte Strukturen zerbröseln, dass der Tagesrhythmus sich ungünstig verschiebt usw.

Ein kleiner Ausschnitt der Bücher, verfasst von Per Hove Thomsen, die u. a. zum Thema ADHS vorliegen. Foto: Bettina P. Oesten

Die Versuchung ist groß, dass man sich gehenlässt ….

Ja. Wenn Eltern und Kinder ständig zusammen sind, kann das schon an den Nerven zehren und zu Spannungen führen. Um das zu vermeiden, muss man sich schon sehr liebhaben. Es ist für alle schwierig, wenn man ständig zusammenhockt ohne die sonst üblichen Anregungen von außen.

Wie wird es für ADHS-Kinder sein, wieder in die Schule zu kommen?

Wenn sie sehr lange nicht in der Schule waren, wird es anfangs sicherlich schwierig sein. Bei vielen Lernabläufen müssen sie wieder von vorne beginnen. Vieles haben sie vielleicht vergessen, weil ADHS-Kinder ohnehin oft Erinnerungsschwierigkeiten haben.

Sie werden einiges nachholen müssen, aber ich denke, es wird für sie zu schaffen sein, besonders dann, wenn sie in einem guten Lernangebot sind. Für die Eltern wird es auch gut sein zu sehen, dass ihr Kind schulisch wieder gut untergebracht ist.

Wird von politischer Seite etwas getan, um auf die Probleme aufmerksam zu machen?

In den vergangenen Wochen sind Kinder und Jugendliche, die unter der Corona-Situation besonders zu leiden haben, verstärkt in den Fokus gerückt. Dafür gibt es Gründe. Wir erleben zurzeit mehr Fälle von z. B. Essstörungen und selbstschädigendem Verhalten.

Was sagt uns das?

Es sagt uns, dass einige Kinder und Jugendliche massive Probleme haben, mit der Situation zurechtzukommen. Viele werden sagen: Die sind ja noch jung, das werden sie schon verkraften. Ja, wer stark genug ist, wird es verkraften, andere, die weniger stark sind, vielleicht nicht. Es gibt Kinder und Jugendliche, die wirklich schwer von der Situation betroffen sind.

Mit Gleichaltrigen zusammen zu sein ist wichtiger, als mit den Eltern herumzuhocken. Was das mit einem macht, sollte man nicht unterschätzen. Viele hatten z. B. einen Aufenthalt an einer Nachschule geplant und sich auf eine neue Lebensphase gefreut. Das wird jetzt nach hinten verschoben.

Langsam merkt die Politik, dass da etwas passieren muss. Etwas reichlich spät, wenn du mich fragst. Wir sollten nicht nur die Corona-Todesfälle zählen, sondern auch die Zahl der psychischen Erkrankungen, die den Staat viel Geld kosten. Und diese Erkrankungen werden zurzeit nicht gerade weniger.

Im Übrigen ist mein Eindruck der, dass besonders die junge Generation während der Corona-Krise ein sehr hohes Maß an Gemeinsinn gezeigt hat, und das stimmt mich sehr zuversichtlich in Bezug auf künftige Generationen. Es sind ja auch vor allem junge Menschen, die beim Klimakampf ganz vorne mitmischen.

Zum Schluss die Frage: Gibt es Länder, in denen es gar keine ADHS-Fälle zu verzeichnen gibt?

Die kurze Antwort ist Nein. Es gibt aber sehr wohl Länder, wo ADHS vielleicht nicht das gleiche Problem darstellt wie bei uns, und wo die Erwartungen an die betreffende Person, in einen sogenannten normalen gesellschaftlichen Kontext eingebunden zu sein, nicht so hoch sind. In solchen Fällen werden die Betroffenen für Aufgaben eingeteilt, die sie beherrschen.

In Dänemark und den meisten anderen Ländern erfüllen zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung die Kriterien für eine ADHS-Diagnose bzw. haben die Diagnose erhalten. Zum Vergleich: In Island sind es sieben bis acht Prozent.

Das kann damit zusammenhängen, dass in Island alle Kinder auf ADHS untersucht werden und viele isländische Ärzte und Psychologen ihre Ausbildung in den USA erhalten haben, wo man dazu neigt, schneller als in anderen Ländern zu diagnostizieren.

Diese Unterschiede können also mit unterschiedlichen Traditionen und Diagnoseansätzen zu tun haben. Aber um noch mal auf deine Frage zurückzukommen: ADHS ist ein weltweites Phänomen und somit nicht auf einzelne Länder begrenzt.

Zur Person: Per Hove Thomsen

Geboren 1959 in Apenrade/Aabenraa als Sohn von Schuldirektor Jørn Hove Thomsen und Sonderschullehrerin Åse Hove Thomsen.

Studium in Århus zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 1998 Ernennung zum Professor. Gefragter Referent auf internationalen Kongressen zum Thema ADHS.

Aus seiner Feder stammen eine Reihe von Fachbüchern und 230 internationale Publikationen zum Thema sowie 70 dänische Publikationen in Peer-Review-Zeitschriften, davon 64 als Erst- oder Alleinautor.

Per Hove Thomsen ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Ausschüsse und Bewertungsgremien, die sich mit Kinder- und Jugendpsychiatrie befassen.

Während des Interviews erhielt er eine Anfrage vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei der es um die Bewertung einer Langzeitstudie über ADHS ging.

Tipps für ADHS in der Pandemie

Wie bei ADHS mit Corona umzugehen ist, gibt es auf Dänisch auf dieser Webseite.

Mehr lesen

Leserbrief

Hanns Peter Blume
„Reaktion auf Leserbrief von Jan Køpke Christensen“