Kulturerbe

Die unbekannte Reise der Spitzen von Lügumkloster nach Flensburg

Die unbekannte Reise der Spitzen von Lügumkloster nach Flensburg

Die unbekannte Reise der Spitzen von Kloster nach Flensburg

Monika Thomsen
Monika Thomsen
Tondern/Tønder
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Museumsinspektorin Elsemarie Dam-Jensen beim Aufbau der neuen Ausstellung Foto: Monika Thomsen

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Geklöppelte Proben aus Lügumkloster, die seit 1887 in Flensburg ihren Standort haben, kehren für einen befristeten Aufenthalt in die Tonderner Gegend zurück. Für Museumsinspektorin Elsemarie Dam-Jensen gibt es im Zusammenhang mit der Vergangenheit der Exponate viele offenen Fragen.

Spannender als erwartet gestaltete sich für Museumsinspektorin Elsemarie Dam-Jensen im Museumsberg Flensburg die Zeitreise zurück zu der goldenen Ära der geklöppelten Spitzen in Lügumkloster (Løgumkloster).

Sie stieß dort nicht nur auf eine sehr große Sammlung von geklöppelten Spitzenproben aus Lügumkloster. Es gab für sie bei der Vorbereitung der neuen Ausstellung für Dröhses Haus auch neue Erkenntnisse und viele offene Fragen. Zum Beispiel, warum ein Zimmerermeister namens Ipsen die Spitzenproben 1887 von Lügumkloster nach Flensburg brachte.

Wichtiges Zentrum

Lügumkloster war im 18. Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine wichtige Schaltstelle für einen Teil der geklöppelten Spitzen im Raum Tondern.

„Mitte des 18. Jahrhunderts gab es allein in der Klosterstadt um die 300 Klöpplerinnen“, wie die Museumsinspektorin erläutert. 1774 gab es 13 Klöppelhändler in Lügumkloster. Sie hatten geschäftliche Verbindungen in die baltischen Länder, nach Sankt Petersburg, Danzig, Kopenhagen und Hamburg.

Ein Teil der Proben stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie stammen vermutlich aus einem Buch mit Proben, das man den Kunden beim Verkauf von Spitzen zeigte.

Elsemarie Dam-Jensen, Museumsinspektorin


Die in Dröhses Haus ausgestellten Spitzenproben stammen vom Klöppelhändler Hans Nicolaysen (1744-1808). „Er war eine bedeutende Persönlichkeit und beschäftigte viele Klöpplerinnen. 1792 erhielt er von König Christian VII. das Privileg, eine Fabrik für Klöppelfäden in Lügumkloster zu errichten.“

Die frühere Klöppelfadenfabrik in Lügumkloster, wo heute Wohnungen eingerichtet sind. Foto: Museum Sønderjylland

Der Niedergang der Fabrik

Nach seinem Tod 1808 übernahmen seine Witwe und die zwei ältesten Söhne das Unternehmen. „Im Laufe der 1820er Jahre ging es mit der Klöppelproduktion in Westschleswig zurück, und 1834 ging die Fabrik pleite“, so Elsemarie Dam-Jensen.

Es sei zu vermuten, dass die Besitzer eine Reihe von Jahren den Klöppelhandel weitergeführt haben. „Ein Teil der Proben stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie stammen vermutlich aus einem Buch mit Proben, das man den Kunden beim Verkauf von Spitzen zeigte“, nimmt die Museumsinspektorin an.

Aber wie fielen sie dem Zimmerermeister Ipsen in die Hände? Elsemarie Dam-Jensen würde auch gern wissen, wo die Spitzenproben von etwa 1850 bis 1887 gewesen sind.

Das Klöppelkissen, das der Zimmerer Ipsen 1887 mitsamt vielen Proben nach Flensburg brachte Foto: Monika Thomsen

Fragen am laufenden Band

Es beschäftigt sie sehr, warum ein Zimmerer 1887 die Spitzenproben und das Klöppelbrett nach Flensburg brachte.

„Ist er mit der Familie Nicolaisen verwandt? Und wo sind die Spitzenproben in der Zwischenzeit gewesen? Warum bekommt er 50 Mark dafür? Hat er das gefordert, oder hat der Direktor es für angemessen gehalten?“, häufen sich bei der Museumsinspektorin die Fragen. „Ich wäre damals gar zu gern eine Fliege an der Wand gewesen“, sagt sie lächelnd.

Oder habe Ipsen vielleicht die Klöppelfadenfabrik renoviert, wo später eine Schule eingerichtet wurde.

„Damals gab es noch keine Kleinbahn in Lügumkloster. Ich vermute, dass er mit dem Pferdewagen nach Rothenkrug oder Tingleff gefahren ist, um von dort die Bahn zu nehmen“, sagt Elsemarie Dam-Jensen. Sie fragt sich auch, ob er das Material in mehreren Koffern transportiert hat – Trolleys habe es damals ja noch nicht gegeben.

Elsemarie Dam-Jensen mit einigen der frühesten geklöppelten Exemplare Foto: Monika Thomsen

Heimatliche Kultur im Blick

Sie erwähnt, dass der Museumsberg zu dem Zeitpunkt noch nicht gebaut gewesen sei. „Der Museumsdirektor Heinrich Sauermann war aber im Gymnasium. Es kann auch sein, dass der deutschgesinnte Zimmerer die schönen Spitzen als deutsches Kulturerbe auffasste.“

Sie berichtet, dass das Museum in Tondern erst viel später entstand. In Hadersleben (Haderslev) und Apenrade (Aabenraa) habe es zu dem Zeitpunkt ausschließlich archäologische Einrichtungen gegeben.

„Die neuen Museen der damaligen Zeit fußten darauf, das Nationale – in diesem Fall das deutsche nationale Bewusstsein und die Kenntnis von der heimatlichen Kultur – zu stärken.“

Die Spitzen wurden auch für Hauben und Besatz an Festkleidung genutzt. Foto: Monika Thomsen

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Als die deutsch-dänische Grenze 1920 nördlich um Flensburg gezogen wurde, verblieben die 767 Spitzenproben aus Lügumkloster im Lager des Museums in Flensburg.

„Heute sind wir im kulturgeschichtlichen Museum froh, dass wir auch im musealen Fachbereich eine gute Zusammenarbeit über die Grenze hinweg haben. Damit können wir die Spitzenproben in Dröhses Haus zeigen. Die Sammlung ist bislang vielleicht nie vollumfänglich der Öffentlichkeit gezeigt worden“, so die Museumsinspektorin, die im Zuge der Vorbereitung viermal in Flensburg gewesen ist.

Auch im Lokalhistorischen Archiv in Lügumkloster hat sie Nachforschungen über den Zimmerermeister angestellt. Inzwischen weiß sie auch, dass der Klöppelhändler in der Østergade 5 wohnte, und der Zimmerermeister viel später in der Østergade 3 seinen Wohnsitz hatte.

Viele verschiedene Proben aus unterschiedlichen Epochen sind zu sehen. Foto: Monika Thomsen

Vernissage am Donnerstag

Elsemarie Dam-Jensen eröffnet am Donnerstag, 12. Mai, 15 Uhr, die Ausstellung „Løgumklosterkniplinger – kulturarv i grænselandet“. Sie läuft bis zum 8. April 2023.

Dann wandern die Spitzen, wie es bei ihrer Anreise der Fall gewesen ist, wieder über Rothenkrug. Im dortigen Bewahrungscenter des nordschleswigschen Museumsverbandes geht es für die filigrane Handarbeit in die Gefriertruhe, um eventuellen Schädlingen den Garaus zu machen.

„Es ist eine Ausstellung für Nerds, die sich für geklöppelte Spitzen interessieren“, sagt sie mit Blick auf die vielen Proben, die auch die Entwicklung am Klöppelbrett von dichten hin zu offeneren Mustern veranschaulichen.

Viele Gäste werden im Zusammenhang mit dem Klöppelfestival am ersten Juni-Wochenende erwartet.

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