Neues Buch

„Mister Südschleswig“: Karl Otto Meyer

„Mister Südschleswig“: Karl Otto Meyer

„Mister Südschleswig“: Karl Otto Meyer

Apenrade/Aabenraa
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Foto: Erik Holmberg/Ritzau-Scanpix

Siegfried Matlok beleuchtet das neue Buch über den bekannten SSW-Mann, der die politische Landschaft nicht nur für die dänische Minderheit veränderte.

Karl Otto Meyer

Karl Otto Meyer wurde am 16. März 1928 in Adelbylund in Flensburg geboren.
Nach dem Gymnasium in Sonderburg kam er im November 1944 zur Ausbildung in der Infanterie nach Polen, desertierte jedoch vor Einberufung an die Westfront im Januar 1945, floh mit Hilfe von dänischen Widerstandskämpfern per Fahrrad bei Krusau über die Grenze, schloss sich dem Widerstand in Oure auf Fünen an und leistete unter falschen Namen Knud Hansen, Knud Magnussen und Magnus Knudsen Kurierdienste für den Widerstand.
1945-1949: Lehrerausbildung am Seminar Skaarup (Fünen).
August 1949: Lehrer an der dänischen Schule Husum.
Januar 1950: Lehrer/Schulleiter an der dänischen Schule Schafflund.
Januar 1952: Suspendierung durch den schleswig-holsteinische Kultusminister, wegen kritischer Äußerungen gegen die deutsche Widerbewaffnung in einer Rede in Sonderburg.
1954: Nach 25-monatiger Dienstsperre und nach Urteilen in drei Instanzen Freispruch durch das Oberverwaltungsgericht Lüneburg und Rückkehr in den Lehrerberuf.
1960: SSW-Vorsitzender.
1963: Chefredakteur von Flensborg Avis und Südschleswigscher Heimatzeitung (shz).
1971: Mitglied des schleswig-holsteinischen Landtages.
1983: Rücktritt als Chefredakteur.
1985: Rücktritt aus der Redaktionsleitung von Avis
1996: Verzicht auf Mandat nach 25 Jahren im Kieler Landtag.
7. Februar 2016: Meyer stirbt in Schafflund im Alter von 87 Jahren.

Im März dieses Jahres hatte ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Karl Otto Meyer – im Kampf für Freiheit, Wahrheit und Recht“ Premiere in Flensburg, und kurz vor Jahresende ist nun ein Buch mit dem Titel „Karl Otto Meyer – Politiker, Publicist, Polemiker“ erschienen, dessen Autor Mogens Rostgaard Nissen auch massgeblich am Film beteiligt war. Während der Film in eigenen Reihen als „liebenswertes Porträt“ bezeichnet worden ist, enthält das Buch bei aller Bewunderung für Held og Ikon „KOM“ doch sehr kritische Passagen.

Obwohl Historiker Rostgaard Nissen Archiv-und Forschungsleiter der dänischen Minderheit und durch den Film sozusagen vorbelastet ist, kann wahrlich nicht von einer Auftragsarbeit die Rede sein, wenn das Lebenswerk des im Alter von 87 Jahren 2016 verstorbenen Politikers beurteilt werden soll. Rostgaard Nissen hat einerseits den Vorteil, KOM nicht gekannt zu haben, andererseits fehlt dadurch natürlich das unmittelbare Verständnis für die Hauptperson, die zuletzt charismatischen Status hatte. Im Film steht der Mensch im Vordergrund, im Buch ist es die politisch-publizistische Tätigkeit, schwer zu trennen und Geschichtsschreibung kann weder objektiv noch neutral sein.

Immerhin bekundet der Autor seinen Respekt vor Karl Otto, der nach Nissens Worten zwar die Macht suchte und sie wohl auch innerlich genoss, jedoch nicht als „Machtmensch“ beschrieben werden kann, obwohl er jahrzehntelang als SSW-Vorsitzender, Chefredakteur von „Flensborg Avis“ und nicht zuletzt als Landtagsabgeordneter über eine Machtfülle verfügte, die es heute im Sinne demokratischer Macht- und Kompetenzteilung als Meinungsmonopol nicht mehr geben könnte. Nach Nissens Einschätzung war Meyer „ein tüchtiger politischer Taktiker und Stratege“. Wenn man die Geschichte der dänischen Minderheit nach 1945 zusammenfassen will, dann war K. O. Meyer zweifelsohne über Jahrzehnte die wichtigste Figur. Sie hinterließ nicht nur große Spuren für die eigene Volksgruppe, sondern auch im – einst nicht nur von ihm – so ungeliebten Schleswig-Holstein, ja sogar in Dänemark durch die Wechselwirkungen südlich und nördlich der Grenze.

Das Buch – laut Avis „ein ausgewogenes Porträt“ – enthält keine Enthüllungen und Sensationen: zum Beispiel „kein smoking gun“ im Falle des unter dramatischen Umständen in einem Genfer Hotel tot aufgefundenen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, Uwe Barschel. Meyer glaubte bis zuletzt, dass Barschel – im Gegensatz zur offiziellen Version – keinen Selbstmord inszeniert hatte, sondern ermordet worden sei. Um diese These zu erhärten traf er – vergeblich – auch mehrfach den Stasi-Agenten Eckhardt Nickol, mit dem auch „Der Nordschleswiger“ in Verbindung stand.

Immerhin bringt das Buch zahlreiche bisher unbekannte, Details über Hintergründe von Streitigkeiten in der dänischen Minderheit, die mit der Person Meyers eng verknüpft waren. Zum Beispiel erfährt man im Buch, dass es Stimmenvertreter des großen Aktienkapitals von A.P. Møller und nicht zuletzt Generalkonsul Troels Fink – damals graue Eminenz – gewesen sind, die bei der umstrittenen Wahl von „KOM“ als Chefredakteur von Flensborg Avis/ Heimatzeitung 1964 den Ausschlag gaben. Obwohl auch Mitarbeiter im Pressehaus - ich selbst auch als Redaktionsvolontär der Südschleswigschen Heimatzeitung – damit gerechnet hatten, dass der fähige Bonner Korrespondent der Minderheiten-Zeitungen, „Kalle“ Christiansen, den Job übernehmen würde. Das brachte internen Streit und erschwerte seinen Start, auch aus fachlichem Stolz bei manchen Kollegen, die sich von Schulmeister Meyer nicht journalistisch belehren lassen wollten.

K. O. Meyer als Chefredakteur von Flensborg Avis Foto: DN Archiv

Meyer dachte eher daran, in andere Fußstapfen zu treten: als Publizist und Politiker wie einst der legendäre Chefredakteur von Flensborg Avis, Jens Jessen, der auch seine Laufbahn als Lehrer begonnen hatte. Das Problem des neuen Chefredakteurs lag von Anfang an in dieser Doppelfunktion: ihm war es wichtig, als SSW-Vorsitzender über die Zeitung, die Position der Partei und nicht zuletzt seine eigenen Meinungen nach außen hin zu verkörpern. Als er 1971 auch noch in den Kieler Landtag zog, als Nachfolger des verstorbenen Friesen Berthold Bahnsen, hielt er sozusagen die gesamte politisch-mediale Macht in seiner Hand und unter seiner Kontrolle. Chefredakteur zu sein ist kein Wettrennen um Popularität – auch nicht in einer Minderheiten-Zeitung mit nicht nur finanziell eingeschränktem Spielraum – , weil es immer wieder Kritik aus der Leserschaft geben wird. Aber wer wie KOM seine insgesamt 7.000 Leitartikel auch mit sehr persönlichen und oft auch sehr umstrittenen Kommentaren verband, der stand natürlich im Zentrum mancher Zielscheiben. Das war für einen Polemiker wie Karl Otto manchmal durchaus gewollt, aber das eigene Leben im Dreiklang Presse-Partei-Abgeordneter wurde psychisch und physisch nicht dadurch leichter, dass ihm von Beginn an und zunehmend von der Spitze des kulturellen Vereins SSF („Sydslesvigsk Forening“) misstraut wurde, der damals – ja, wie noch heute – quasi einen Führungsanspruch gegenüber dem SSW als Dachverband der Minderheit anstrebte.

Meyers Ärger mit der FUEV

Von einer „Meierei“ war spöttisch in der dänischen Minderheit die Rede: einerseits K.O. Meyer als SSW-Vorsitzender und auf der anderen Seite der SSF-Vorsitzende Ernst Meyer, Schulleiter aus Medelby, der den Politiker aus dem benachbarten Schafflund immer häufiger auch öffentlich kritisierte. Während K.O. deutlich für linke Positionen eintrat , vertrat Ernst Meyer den bürgerlichen Flügel, der auch erste Kontakte zur deutschen Minderheit in Nordschleswig knüpfte – über die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Minderheiten-Union FUEV.

Hier konnten sich Vertreter der beiden Grenzland-Minderheiten, trotz eines sonst kühlen Klimas zwischen beiden Minderheiten, treffen und europäischen Konsens erzielen. Karl Otto Meyer berichtete mir in einem Gespräch im Oktober 2014, er habe nie an einer FUEV-Sitzung teilgenommen, sondern „argwöhnisch die Kontakte Ernst Meyer und dem damaligen Generalsekretär Hans Ronald Jørgensen zu Vertretern der deutschen Minderheit beobachtet“. „Die FUEV sei für ihn zu rechtslastig gewesen“, erklärte Meyer bei unserem Gespräch in seinem Haus Buchauweg 4 in Schafflund. Auch mit den Nachfolgern von Ernst Meyer, Ernst Vollertsen und Heinrich Schultz, gab es immer wieder Konfliktstoff. Karl Otto ärgerte sich z. B. darüber, wenn er im Spruch des Tages unserer Zeitung von ihnen sogar Zitate lesen konnte, dass Der Nordschleswiger eine bessere Zeitung sei als Flensborg Avis!

Nach der Barschel-Affäre wurde K. O. Meyer landesweit bekannt, der südschleswigsche Karikaturist Holger Hattesen meinte in seiner Zeichnung in “ Flaskehalsen“ 1987, dass K. O. nun in Deutschland sogar bekannter sei als H. C. Andersen und Königin Margrethe. Foto: DN Archiv

Erste Kontakte zwischen BDN und SSF – zunächst hinter verschlossenen Türen – störten ihn, nicht zuletzt aber eine Aussage von Heinrich Schultz bei der „Genforeningsfeier“ auf Düppel 1995, wo Schultz – neben Hans Heinrich Hansen als Redner – sich ausdrücklich zu der für die dänische Minderheit schmerzhaften Grenzziehung von 1920 bekannte. Das war für Karl Otto Meyer ein Stich ins rot-weiße Herz. Er war seit seiner Jugendzeit Anhänger des Selbstbestimmungsrechtes für die dänische Minderheit und fühlte sich nach 1945 auch von den dänischen Politikern verraten, die den Südschleswigern den Weg zu einer Wiedervereinigung mit Dänemark verschlossen haben. Es ist übrigens bemerkenswert, dass der SSW jüngsten Wiedervereinigungs-Hoffnungen des DF-Politikers Søren Espersen heftig widersprach, da Meyers Sohn Flemming ja heute als Parteivorsitzender amtiert.

Der alte Streit zwischen SSW und SSF führte jedenfalls zu einer bitteren Niederlage für Karl Otto, als er nach seinem Ausscheiden als Chefredakteur für einen Platz im Aufsichtsrat von Avis kandidierte, jedoch vom SSF-Kandidaten geschlagen wurde. Unfair, ab eine späte Rache jener SSF-Leute, die Meyer – sogar von einem Meyer-Clan war da die Rede – manchen öffentlichen Alleingang ankreideten. Politisch hatte er sich in zahlreichen Streitfragen (Atomwaffen, Atomkraft, EU, aber auch gegen die Politik von CDU-Bundeskanzler Kohl und des konservativen Staatsministers Poul Schüter) zu links bei der SPD angesiedelt, meinten seine scharfen Kritiker.

Selbst hat K. O. Meyer später eingeräumt, dass er bei einer Bundestagswahl sogar auf die ex-kommunistische PDS-Linke gestimmt hat, aber zur Fairness gehört, dass es zu simpel ist, Meyer etwa als Nationalisten oder als Gegner Europas (trotz seiner Teilnahme an der Demonstration gegen die offenen Schengen-Grenze und gegen die Zusammenarbeit in der Region Schleswig-Sønderjylland) abzustempeln. Für die dänische Minderheit wurde er jedoch nicht zuletzt während der Barschel-Affäre 1987 zum „unbestechlichen“ Helden – nach innen aber vor allem auch nach außen, wo der Schafzüchter aus Schafflund bundesweite Beachtung fand, nach Drohungen unter Polizeischutz gestellt wurde, ja sogar vorübergehend eine Schusswaffe mit sich herumtrug.

Meyer-Buch: empfehlenswert. Foto: DN

Poul Schlüter über Meyers

„Sieg“Auch in Dänemark wurde die dänischen Minderheit immer wieder mit Karl Otto und seiner Linie identifiziert. Wie gewichtig er als EU-Gegner im bürgerlichen Lager wahrgenommen wurde, lässt eine Äußerung von Staatsminister Poul Schlüter erkennen, der mir in Zusammenhang mit dem „Nein“ der Dänen bei der Volksabstimmung über den Maastrichter Vertrag 1992 folgendes erklärte. „Als K. O. Meyer am Vorabend der Volksabstimmung an einer Diskussion im dänischen Fernsehen mit den Parteivorsitzenden teilnahm, da war mir klar, dass wir das Referendum verlieren werden.“

Als Karl Otto Meyer 1996 nach 25 Jahren aus dem Landtag ausschied, da hisste der Landtag ihm zu Ehren sogar den Dannebrog auf dem Kieler Parlamentsgebäude! Natürlich hatte Meyer in seiner Karriere auch persönliche Niederlagen hinnehmen müssen, aber um die dänische Minderheit und um ihren gesellschaftliche Anerkennung in Deutschland erwarb er sich historische Verdienste. Aus der reinen Minderheiten-Partei als Pro-Dänemark-Bewegung machte er als Parteivorsitzender eine südschleswigsche Regionalpartei und lieferte damit auch die Grundlage dafür, dass der SSW unter Nachfolgerin Anke Spoorendonk den nächsten Schritt machen konnte – hin zu einer Landespartei, die nach einer Wahlgesetzänderung nun auch in Holstein mit grossem Erfolg wählbar wurde. Und mit Spoorendonks Ernennung zur Ministerin der rot-grünen Regierung ging für Meyer verspätet sogar sein Traum der vollen Gleichberechtigung in Erfüllung. Das war nicht zuletzt seiner Standhaftigkeit als Einzelkämpfer – oft idealistisch, manchmal jedoch auch dogmatisch – und seiner „volklichen“ Popularität zu verdanken, er war im besten Sinne des Wortes „folkelig“. Karl Otto - mit den Genen seines jovial-schelmischen Vaters, dem Avis-Drucker Otto Meyer, ausgestattet – war einer der ersten „deutschen“ Politiker, der sich auf offener Straße mit den Bürgern duzte, mit ihnen auch mal einen Schnaps trinken konnte und von allen Wählern auch außerhalb Südschleswigs nur mit Vornamen angesprochen wurde.

Der Historiker, Professor Jørgen Kühl, nannte K. O. Meyer eine Art „Mister Sydslesvig“.
Unterkühlt?

Nein, mehr als verdient!

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