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„Mit Banner Haltung zeigen: die Sorben und die wachsende rechte Gefahr“

Mit Banner Haltung zeigen: die Sorben und die wachsende rechte Gefahr

Mit Banner Haltung zeigen: die Sorben und die rechte Gefahr

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin
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Das Erstarken der in weiten Teilen rechtsextremen AfD in der Bundesrepublik sei eine Gefährdung für autochthone Minderheiten wie die Lausitzer Sorben, meint Jan Diedrichsen. Die Gefährdung sei doppelt: Einerseits würden sie gerne vor einen nationalistischen Karren gespannt, andererseits seien sie Rassismus ausgesetzt.

Die Umfragewerte der „Alternative für Deutschland (AfD)“ sorgen für Aufregung. In jüngsten Erhebungen hat die Partei bundesweit 18-23 Prozent Zustimmung, was einer Verdoppelung des Wahlergebnisses von 2022 (10,3 Prozent) entspricht. Im Freistaat Sachsen, in dem 2024 der Landtag gewählt wird, würde die AfD mit 37 Prozent zur stärksten Kraft werden. In Brandenburg sieht es nicht viel anders aus. In Brandenburg und Sachsen, in der Lausitz, leben die Sorben – eine der vier autochthonen Minderheiten Deutschlands.

Der gerne von dänischen Politikern und Medienvertreterinnen angebrachte Ratschlag, man müsse es nur wie in Dänemark machen, die Rechten einbinden und sie würden sich schon von ganz allein entzaubern, ist falsch und politisch brandgefährlich. Die AfD ist in ihren Grundfesten antidemokratisch und somit im Kern anders als zum Beispiel die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti) in Dänemark, ohne hier eine politische Kommentierung der Inhalte vorzunehmen.

Die AfD ist in weiten Teilen „gesichert rechtsextremistisch“, wie der Verfassungsschutz in Deutschland wiederholt festgehalten hat. Was heißen will: Die AfD-Funktionäre wollen das politische System stürzen und die Demokratie in Deutschland abschaffen. Das hat eine andere Qualität als die Forderungen der Dänischen Volkspartei, die eine Auflösung des „Folkestyret“ meines Wissens niemals gefordert hat. In deutlichen Worten auf die AfD gemünzt bedeutet dies: Es kann und darf mit antidemokratischen Verfassungsfeinden keine Zusammenarbeit geben.

Doch nicht jeder AfD-Wähler ist ein Verfassungsfeind, der die Demokratie abschaffen will und die Ursachen für das Erstarken der AfD nicht nur im Osten Deutschlands sind vielfältig. Das wissen auch die Sorben in der Lausitz, und es darf vermutet werden, dass auch einige Sorben ihr Kreuz bei der AfD setzen. Aber in der Lausitz hat die AfD in den sorbischen Gebieten bislang keine Mehrheit gefunden.

Immer wieder werden Beispiele für Rassismus und minderheitenfeindliche Aktionen gegen Sorben publik.

Autochthone Minderheiten sind vom Erstarken der rechten Parteien und Bewegungen in höchstem Maße gefährdet. Sie werden gerne vor einen nationalistischen Karren gespannt oder dienen häufig als Projektionsfläche, um nationalistische Ressentiments zu schüren. Die Sorben wissen davon ein Lied zu singen.

Der Nationalismus gipfelte auch ihnen gegenüber im Nationalsozialismus. Sie wurden zwar nicht im deutschen Vernichtungsmahlstrom verschluckt wie Juden oder Sinti und Roma. Doch die Assimilierung der Sorben unter den Nationalsozialisten war ein Teil der umfassenden Germanisierungspolitik, die darauf abzielte, als „rassisch minderwertig“ betrachtete Bevölkerungsgruppen zu assimilieren oder zu unterdrücken.

Es gilt mit Blick auf die aktuelle Situation festzuhalten, dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und Sorben in der Lausitz im Großen und Ganzen gut funktioniert und von Respekt geprägt ist. Doch es gibt auch hier ein „Aber“, das nicht unausgesprochen bleiben darf: Immer wieder werden Beispiele für Rassismus und minderheitenfeindliche Aktionen gegen Sorben publik. Noch 2020 berichtete die sächsische Polizei, dass in den vergangenen drei Jahren 30 Straftaten angezeigt wurden, „denen entweder eine Körperverletzung, eine Beleidigung oder eine Sachbeschädigung im Kontext einer angenommenen oder tatsächlichen sorbischen Herkunft der jeweiligen Geschädigten zugrunde lag. Außer bei der Sachbeschädigung durch Graffiti wurden alle Verfahren gegen bekannte Tatverdächtige geführt“.

Die Domowina hat reagiert und ein Banner am Haus der Sorben platziert, zweisprachig natürlich, in dem gegen Hass und für Völkerverständigung und Toleranz geworben wird.

Die Domowina, der kulturelle und politische Dachverband der Lausitzer Sorben hat in Bautzen/Budysin in der Weihnachtszeit ein sichtbares Zeichen gegen rechten Populismus gesetzt:

Die notorische „Mahnwache Bautzen“ findet seit 2021 regelmäßig statt. Während der Weihnachtssperrung des Bautzener Marktes fand diese auf dem Postplatz statt, dort wo auch das Haus der Sorben, das organisatorische Zentrum der slawischen Volksgruppe, zu finden ist. Die sogenannte Mahnwache richtet sich gegen staatliche Maßnahmen im Allgemeinen und der Corona-, Energie-, Russland- und Asylpolitik im Besonderen.

Ein krudes Sammelsurium von Querdenkern bis Rechtsextremisten tummelt sich in den Demonstrationszügen. Gegenüber der Presse hat der Vorsitzende der Domowina, Dawid Statnik, erklärt, dass er der Gruppe nicht absprechen wolle, sich öffentlich zu äußern: Das zeigt ja gerade, dass man in einer Demokratie und nicht in einer Diktatur lebe. Aber Meinungsäußerung habe Grenzen, so Statnik. 

Die Domowina hat reagiert und ein Banner am Haus der Sorben platziert, zweisprachig natürlich, in dem gegen Hass und für Völkerverständigung und Toleranz geworben wird. Die Demonstrierenden wird es kaum überzeugt haben, aber Flagge zeigen ist in diesen Tagen so wichtig wie lange nicht mehr.

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