Diese Woche in Kopenhagen

„Warum es bei Sturm nördlich der Grenze kräftiger weht“

Warum es bei Sturm nördlich der Grenze kräftiger weht

Warum es bei Sturm nördlich der Grenze kräftiger weht

Kopenhagen
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Es gibt sie immer wieder: diese kleinen Unterschiede zwischen Dänemark und Deutschland. So heißt Pia in Deutschland Zoltan. Und die Namensgebung ist bei Stürmen noch nicht der einzige Unterschied, wie Walter Turnowsky beobachtet hat.

In dieser Woche stand bei mir in Kopenhagen – wie für die Kolleginnen und Kollegen in Nordschleswig auch – der Sturm Pia auf der Tagesordnung.

Dabei bin ich auf ein interessantes Wetterphänomen gestoßen: Wenn in Dänemark Sturm ist, dann weht es doller, als wenn in Deutschland Sturm ist. In Wahrheit ist hier jedoch nicht von einer unerklärlichen, durch den Wildschweinzaun erzeugten meteorologischen Irregularität die Rede. Der Unterschied ist begrifflicher Art.

Wenn man in Deutschland von „Sturm“ spricht, reden die dänischen Wetterfrösche erst einmal nur von „stormende kuling“. Wer während des Weihnachtsessens gerne mit seinem fundierten Wetterwissen angeben möchte, dem kann ich verraten, dass wir von der Windstärke 9 auf der Beaufort-Skala sprechen, die Windgeschwindigkeiten zwischen 21 und 24 Metern pro Sekunde bezeichnet.

Pia wurde in Dänemark also erst offiziell zum „storm“ erklärt, als sie die Windstärke 10 erreichte. Da war Zoltan südlich der Grenze bereits ein „schwerer Sturm“. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass das unterschiedliche Geschlecht des Sturms die Ursache dafür ist.

Den Status eines „orkanartigen Sturms“ hat Zoltan so wenig erreicht wie Pia den eines „stærk storm“. Hier sind wir bei Windstärke 11 angekommen. Wenn du hier auch mit den Windgeschwindigkeiten angeben willst, musst du die schon selbst in einer Tabelle nachschlagen.

Und damit wären wir bei einem weiteren Unterschied angekommen (den du dann auch zwischen Karpfen und Risalamande auftischen könntest). Die Windgeschwindigkeiten werden in Dänemark konsequent in Metern pro Sekunde angegeben; in Deutschland sind es Kilometer pro Stunde.

Beim Orkan, der Windstärke 12, ist man sich interessanterweise plötzlich einig. Den erreichte Pia/Zoltan nur in den Böen. Wobei hier auch schon wieder ein interessanter Unterschied in der Berichterstattung zu beobachten ist. Auf deutschen Wetterkarten wird meist die Stärke der Böen angegeben, auf den dänischen in erster Linie die des mittleren Windes.

Vielleicht – und ich spekuliere hier nur – lassen sich diese Unterschiede damit erklären, dass Deutschland bis auf den Norden Binnenland ist, während Dänemark eigentlich nur aus Küstenregionen besteht. Und wer an der Küste wohnt, den haut eine „stormende kuling“ noch lange nicht um, egal, wie sie jetzt heißt.

Dass Pia Pia heißt, kommt übrigens daher, dass der vorherige Sturm Otto hieß. In Dänemark geht es nämlich schön alphabetisch durch und immer im Wechsel einmal Männlein und einmal Weiblein. Übrigens findet die Taufe erst statt, wenn er/sie offiziell zum Sturm erklärt worden ist – einem dänischen, versteht sich. Bin mal gespannt, welchen Männernamen mit Q sie für den nächsten finden.

In Deutschland braucht es gar keinen Sturm für die Namensgebung, da reicht schon einmal ein stinknormales Tiefdruckgebiet. Und auch Hochdruckgebiete kann man mit den Vornamen begrüßen. Da man auf die Art deutlich mehr Namen als in Dänemark benötigt, fängt man jedes Jahr mit A an.

Die meteorologische, geschlechtliche Gleichstellung läuft in der Bundesrepublik auch anders. In geraden Jahren erhalten alle Tiefdruckgebiete weibliche Namen, alle Hochdruckgebiete einen männlichen.

Sollte uns also vor Neujahr noch ein Tiefdruckgebiet ereilen (was beim Wetter der jüngsten Zeit nicht unwahrscheinlich erscheint), dann könnte es ab Wassersleben Xander heißen – nördlich davon müsste es namenlos umherirren (außer es pustet sich auf). Kommt das Tiefdruckgebiet erst, nachdem die Kopenhagener Rathausglocken das neue Jahr eingeläutet haben, wäre es eher eine Amalie – in Deutschland. 

 

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