Der Nordschleswiger

Digital statt Print: „Sind heute ein Medium auf Augenhöhe“

Digital statt Print: „Sind heute ein Medium auf Augenhöhe“

Digital statt Print: „Sind heute ein Medium auf Augenhöhe“

Gerrit Hencke
Gerrit Hencke Journalist
Apenrade/Aabenraa
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Carsten Werth, Gwyn Nissen und Cornelius von Tiedemann.
Technikchef Carsten Werth, Chefredakteur Gwyn Nissen und der stellvertretende Chefredakteur Cornelius von Tiedemann (v. l.) blicken auf zwei ereignisreiche Jahre zurück. Foto: Gerrit Hencke

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„Der Nordschleswiger“ erscheint seit zwei Jahren fast ausschließlich digital. Wie der Redaktion der Umstieg gelang, welche Herausforderungen es gab und welche Chancen sich auch für die Wahrnehmung der Minderheit daraus ergeben, erläutern Chefredakteur Gwyn Nissen, sein Stellvertreter Cornelius von Tiedemann und Entwicklungschef Carsten Werth.

Desoxyribonukleinsäure ­ kurz DNA, trägt die Erbinformation bei allen Lebewesen. Dass auch „Der Nordschleswiger“ eine DNA hat, kann Chefredakteur Gwyn Nissen relativ einfach erklären. „Wir sind für die deutsche Minderheit da – nach innen und nach außen.“ Die DNA sei ein Gefühl, und die gesamte Redaktion ist heute für die Minderheit zuständig. „Wir wachsen von Geschichten und durch die Nähe zu den Institutionen“, sagt Nissen.

Dabei stelle man sich in der Redaktion immer wieder die Fragen: Wer sind wir? Was wollen wir? Was machen wir? Und was machen wir nicht?

Seit am 2. Februar 2021, zum 75-jährigen Bestehen des „Nordschleswigers“, die letzte Printausgabe mit demselben Titel wie am 2. Februar 1946 – „Wir müssen ganz neue Wege gehen“ − in den Briefkästen landete, hat sich sowohl in der Wahrnehmung des „Nordschleswigers“ von außen als auch in der Redaktion selbst einiges verändert.

Obwohl der Zeitpunkt, an dem zum Jubiläum des „Nordschleswigers“ letztmalig die Druckmaschinen liefen, von einigen als „makaber“ bezeichnet wurde, sahen andere ihn als „passenden Schlussstrich“. So auch Gwyn Nissen und sein Stellvertreter Cornelius von Tiedemann.

„Es führte kein Weg daran vorbei, denn bei am Ende unter 900 Abonnentinnen und Abonnenten der Printausgabe wurde der Kern einfach zu klein“, sagt Nissen. Schaue man sich die aktuellen Energie- und Papierpreise an, wäre der Schluss für den gedruckten „Nordschleswiger“ spätestens jetzt gekommen. Das wäre eine „Schlinge um den Hals“ gewesen.

Der Schritt in die vollständige Digitalisierung hatte hingegen einen anderen Effekt, als Kritiker zunächst befürchtet hatten. Denn statt nun vollends von der Bildfläche zu verschwinden, stieg die Reichweite des „Nordschleswigers“ auf heute mehr als 8.000 Leserinnen und Leser allein aus Nordschleswig und Dänemark pro Woche. Hinzu kämen noch mehr Lesende aus Deutschland, die den „Nordschleswiger“ als Informationsmedium nutzen würden.

Links die Druckplatte vom ersten „Nordschleswiger“ am 2. Februar 1946, rechts die letzte Printausgabe vom 2. Februar 2021 Foto: Gerrit Hencke

Wir erreichen mit unseren Inhalten inzwischen nicht nur die Minderheit in Dänemark, sondern auch Teile der Mehrheitsbevölkerung und konnten unsere Reichweite auch in Deutschland deutlich steigern.

Cornelius von Tiedemann

Der Grund für die gesteigerte Online-Präsenz sei einfach zu erklären: „Es gibt im Netz keine digitale Hürde, um unsere Inhalte zu konsumieren. Sie sind kostenlos, in deutscher Sprache und stark recherchiert.“ Früher sei der gedruckte „Nordschleswiger“ als reine Abozeitung in der Öffentlichkeit kaum sichtbar gewesen. Das sei mit dem Fokus auf das Digitale schlagartig anders geworden.

„Wir haben viel mehr Anfragen aus Deutschland und Dänemark“, sagt von Tiedemann. Und Carsten Werth, Abteilungsleiter für Finanzen und Entwicklung, ergänzt: „Und mehr Bewerbungen für Praktika und Jobs.“ „Der Nordschleswiger“ sei als Marke deutlich bekannter und attraktiver geworden, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war.

Der Weg dahin war lang. Schon als Gwyn Nissen 2013 zum „Nordschleswiger“ kam, war klar: Die gedruckte Zeitung hat in wenigen Jahren ausgedient. 2015 stießen Cornelius von Tiedemann und Carsten Werth zum Team dazu und entwickelten gemeinsam den Plan für die Zukunft des „Nordschleswigers“. „Eine riesige Aufgabe“, sagt Nissen.

Mit einer kleinen Onlineredaktion begann das Abenteuer Digitalisierung. Zunächst mit speziell für das Web aufbereiteten Texten mit mehr Bildern, Grafiken oder Videos.

Wir haben quasi einen Brühwürfel in den Suppentopf geworfen.

Cornelius von Tiedemann über den Online-Start

Drei Jahre später, im Juni 2018, wurde dann das Ende für den gedruckten „Nordschleswiger“ angekündigt. Involviert in den Prozess war neben der Delegiertenversammlung auch der Hauptvorstand, der am Ende auch das letzte Wort hatte. „Würde ich mir heute etwas anders wünschen, dann, dass der BDN die Minderheit in den Entscheidungsprozess mehr einbezieht“, sagt Nissen. „Das hätte uns viel Ärger erspart.“

Schon zum Jahreswechsel 2019/2020 publizierte die Redaktion ihre Inhalte nach dem „Online first“-Prinzip. Texte wurden also zunächst digital veröffentlicht, erst später die Zeitungsseiten gebaut. Nach und nach wurden auch die Lokalredaktionen in Apenrade (Aabenraa), Tondern (Tønder), Tingleff (Tinglev), Hadersleben (Haderslev) und Sonderburg (Sønderborg) auf die neue Arbeitsweise umgestellt. „Uns war wichtig, dass wir in dem Prozess alle mitnehmen“, sagt Gwyn Nissen. Dennoch sei die Umstellung einer auf Print gepolten Redaktion natürlich eine Herausforderung gewesen.

Sie erforderte von allen Mitarbeitenden die Bereitschaft zur Veränderung und permanente Weiterentwicklung. „Dabei muss man immer wieder auch den Reset-Knopf drücken und Dinge neu starten“, sagt der Chefredakteur. Denn die Digitalisierung der Medienbranche hört nie auf und entwickelt sich stetig fort.

Die Corona-Pandemie habe für die Umstellung auf digitale Arbeitsabläufe wie ein Brandbeschleuniger gewirkt, sagt von Tiedemann. „Wir konnten innerhalb von fünf Minuten alles umstellen und sofort weiterarbeiten – mit digitalen Meetings und Chatprogrammen.“

Trotz Pandemie und Digitalisierung war für das Chefredaktions-Duo klar: Wir wollen näher an die Leserschaft. Und hier kommt die DNA des „Nordschleswigers“ wieder ins Spiel. „Früher hat man Zeitung aus dem Gefühl heraus gemacht“, sagt Gwyn Nissen.

Chefredakteur Gwyn Nissen Foto: Karin Riggelsen

Heute stellen wir uns die Frage: Wie setzen wir unsere Kräfte wo ein? Müssen wir zu jeder Pressekonferenz der Stadt, oder fokussieren wir uns eher auf mehr eigene Geschichten?

Gwyn Nissen

Dabei helfen Analysetools sowie der Fokus auf Qualität. „Wir müssen nicht die Ersten mit Breaking News sein. Wir wollen die Bedürfnisse unseres Publikums bedienen und ihnen die Welt, in der sie leben, erklären.“ Dabei stehen die Minderheit und das Grenzland im Zentrum.

Cornelius von Tiedemann ergänzt: „Wir sehen Loyalität als wichtigeren Baustein an als Klicks und können mit dateninformiertem Journalismus gut sehen, was funktioniert und was nicht.“ Wachstum und Profit spielten da eine eher untergeordnete Rolle, vielmehr sei der „Nordschleswiger“ ein „Serviceprodukt“ für die deutsche Minderheit, bei dem Inhalte und Qualität entscheidend seien.

In nur etwas mehr als zwei Jahren ist die Redaktion des „Nordschleswigers“ so eine andere geworden.

Wir sind weiterhin „Der Nordschleswiger” der Minderheit, aber wir haben uns als Medium auch weiterentwickeln müssen, um mit regionalen und nationalen Medien auf Augenhöhe konkurrieren zu können.

Gwyn Nissen

Es sei eine riesige Aufgabe gewesen, dieses Niveau zu erreichen.

Eine der größten Herausforderungen für den „Nordschleswiger“ bleibt der Generationenwechsel. „Die Minderheit ist längst keine homogene Gruppe mehr“, sagt Nissen. „Der Kern wird immer kleiner und die Minderheit fragmentierter.“

Man müsse sich daher auch die Frage stellen: Wer ist Minderheit? Die Beantwortung dessen sei kein „Nordschleswiger“-Projekt allein, sondern Gesamtaufgabe der Minderheit, sagt Nissen.

So müsse sich auch die Ausrichtung ändern, was die einzelnen Institutionen – allen voran der Jugendverband, aber auch „Der Nordschleswiger“ − bereits erkannt haben.

„Wir wollen mit vier Themen-Bausteinen gezielt unser Publikum ansprechen. Ein zentraler Baustein beinhaltet auch die Familie. Das ist generationsübergreifend eine der wichtigsten Zielgruppen“, sagt Cornelius von Tiedemann. „Wir fangen am Gymnasium an, um etwa über Instagram Abiturienten zu erreichen“, sagt Carsten Werth. Selbst wenn die Jungen die Region erst mal für Ausbildung und Beruf verlassen würden, wolle man früh „eine Verbindung“ zum „Nordschleswiger“ schaffen. „Dabei muss man natürlich auch beliebte soziale Netzwerke wie TikTok im Auge behalten.“

„Der Nordschleswiger“ könne zudem auch Menschen Orientierung bieten, die neu in den Landesteil ziehen, ist sich Gwyn Nissen sicher.

Chefredakteur Gwyn Nissen (v.l.) mit Technikchef Carsten Werth und dem stellvertretenden Chefredakteur Cornelius von Tiedemann.
Chefredakteur Gwyn Nissen mit Technikchef Carsten Werth und dem stellvertretenden Chefredakteur Cornelius von Tiedemann (v. l.) Foto: Gerrit Hencke

Das ist gleichzeitig Potenzial und Herausforderung, das übergeordnet alles unter einen Hut zu bekommen. Sicher ist nur: Die Minderheit hat sich verändert.

Gwyn Nissen

„Jede Minderheitenzeitung mit der Chance sollte die Umstellung in Angriff nehmen“, sagt der Chefredakteur. Die deutsche Minderheit sei in dieser Hinsicht privilegiert. Das sehe man bei Treffen mit internationalen Minderheitenmedien regelmäßig. Der Erfahrungsaustausch und auch die Hilfestellungen, die man geben könne, würden dies zeigen.

Doch auch die Entwicklung beim „Nordschleswiger“ ist noch lange nicht zu Ende. „Die Digitalisierung ist für alle Medien eine Herausforderung“, sagt Cornelius von Tiedemann. Die Leserinnen und Leser bewegten sich weg von der Bindung an bestimmte Häuser. „Und natürlich müssen wir auch unsere Inhalte in neuen Formen darstellen und uns als Journalisten immer wieder neu erfinden.“

Tatsächlich hat sich hier der Begriff „Homeless Media“ etabliert. Er beschreibt einen Zustand, bei dem sich Menschen nicht mehr nur über ein Medium über das lokale, regionale oder internationale Geschehen informieren, sondern über mehrere verschiedene. Hinzu kommen etwa soziale Netzwerke, in denen Informationen verbreitet und unterschiedlich präsentiert werden.

Der Aufbau einer treuen Community sei daher entscheidend, um Menschen regelmäßig zu erreichen, sagt Tiedemann.

Wir sind keine Auskunftei, kein Tourismusbüro, dafür öffentlich und wahrnehmbar. Das zeigt uns auch das überwiegend positive Feedback der Leser zur Webseite und unseren Inhalten. Diese enge Verbundenheit, dieser Community-Gedanke zeigt, dass wir eine Hilfe für die Menschen, die Familien in der Minderheit, sind.

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann ist stellvertretender Chefredakteur. Foto: Karin Riggelsen

Was man mit dem Wissen von heute anders gemacht hätte? Da gäbe es sicher ein paar Dinge. Chefredakteur Gwyn Nissen hat dazu eine klare Meinung: „Wir haben aus den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, unheimlich viel gemacht und haben für unser Publikum alles gegeben. Wir bekommen viel positives Feedback von allen und auch unerwarteten Seiten. Aber natürlich sind wir auch nicht fehlerfrei.“ Trotzdem bemühe man sich, allen Leserinnen und Lesern ein Angebot zu machen – nicht zuletzt durch die 14-tägliche Printausgabe.

Cornelius von Tiedemann fasst es kurz zusammen: „Wir bereuen nichts, sind aber heute schlauer als früher.“

Unter dem Titel „Nordschleswiger online – ein Rückblick auf 2 Jahre digitale Nachrichten“ spricht Chefredakteur Gwyn Nissen am Sonnabend, 14. Januar, ab 9.30 Uhr auf der Neujahrstagung des BDN in der Akademie Sankelmark ausführlich über die Herausforderungen, die Gegenwart und die Zukunft des digitalen „Nordschleswigers“.

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