Leitartikel

„Die Geschichte der Minderheit will gelernt sein“

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In Gravenstein hatten drei Lehrer eine gute Idee. Daraus ist nun ein Geschichts-Projekt für die gesamte Minderheit geworden. Warum das aus mehreren Gründen eine tolle Initiative ist, kommentiert Chefredakteur Gwyn Nissen.

Schülerinnen und Schüler an den deutschen Schulen in Nordschleswig werden in Zukunft mehr über die eigene Minderheiten-Geschichte wissen, als die Jahrgänge vor ihnen. Der Grund: Drei Lehrer von der Förde-Schule in Gravenstein hatten eine gute Idee, die nun verwirklicht werden kann.

Der Hauptvorstand des Bundes Deutscher Nordschleswiger, die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark, hat auf seiner jüngsten Sitzung eine halbe Million Kronen für das Projekt „Minderheit im Unterricht“ bewilligt.

Die Initiative ist aus mehreren Gründen lobenswert. Zum einen ist die Vermittlung der eigenen Geschichte innerhalb der Minderheit eine positive Entwicklung, nachdem die Minderheit jahrzehntelang Angst davor gehabt hat, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen.

Zum anderen zeigt das Projekt, dass gute Ideen und Initiativen auch „von unten“ wachsen können und nicht immer von oben kommen müssen. Die Idee zu dem Projekt „Minderheit im Unterricht“ ist an der Förde-Schule in Gravenstein entstanden: Schulleiter Niels Westergaard, Konrektor Lars-Peder Thomsen und Lehrer Florian Wittmann hatten sich Gedanken zur Geschichte der Minderheit gemacht.

Sicherlich hat das Trio dasselbe Erlebnis wie „Nordschleswiger“-Journalist Lorcan Mensing gehabt. Er schrieb im Oktober des vergangenen Jahres an dieser Stelle über die Mängel im Geschichts-Unterricht an den deutschen Schulen in Nordschleswig: die Rolle der Minderheit während des Zweiten Weltkriegs und die Rechtsabrechnung nach dem Krieg? Fehlanzeige in den meisten deutschen Schulen – zu lange wurden die dunklen Jahre der Minderheit verschwiegen.

Die Angst vor dem Auseinandersetzen mit der eigenen Geschichte ist in der Minderheit zwar gebannt, doch bisher gab es von Minderheiten-Seite – weder vom Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) noch vom Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) – ein strukturiertes und ausgearbeitetes Unterrichtsangebot zum Thema Minderheit und ihre Geschichte.

Dass ausgerechnet jetzt die Zeit reif geworden ist, ist kein Zufall: Seit einigen Jahren hat der DSSV ein Botschafter-Projekt, bei dem sich Schülerinnen und Schüler der deutschen Schulen mit der Minderheit und der eigenen Identität beschäftigen und dabei lernen, diese zu vermitteln.

Auch das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig hat in Zusammenarbeit mit dem dänischen Grenzverein, Grænseforeningen, Botschafter, die vor Ort über das Gymnasium und ihr Leben in der Minderheit berichten, oder damit durchs Land reisen. In dem Zusammenhang ist auch die Idee entstanden, die Geschichte der Minderheit auf Grenzgenial.dk – dem Unterrichtsportal des „Nordschleswigers“ – zur Verfügung zu stellen.

Schließlich hat auch die Modernisierung und die Umstellung des Deutschen Museums für Nordschleswig und die Professionalisierung der Museums- und Archiv-Arbeit zu dieser Entwicklung beigetragen. Dazu gehören die Pläne, den Knivsberg, die Sammlungsstätte der deutschen Minderheit, zu einem geschichtlichen Lernort zu entwickeln.

Museumsleiter Hauke Grella und das Museumsteam sind bei all diesen Projekten Dreh- und Angelpunkt für den geschichtlichen Teil der Projekte und sind bei der Umsetzung dieser Pläne beteiligt.

Schulleiter Nils Westergaard von der Förde-Schule erklärt im Interview, dass er sich einen Minderheiten-Kanon vorstellt: Eine Liste von Themen und Eckpunkte in der Geschichte der deutschen Minderheit, die während der Schulzeit gelehrt werden sollen.

Dabei geht es ihm nicht darum, dass die Schülerinnen und Schüler „deutscher“ werden, sondern um das Verinnerlichen und Verstehen der eigenen Minderheiten-Geschichte.

Die deutsche Minderheit schaut dabei neidisch gen Süden zur dänischen Minderheit. Hier ist der Schulverein, Sydslesvigs Skoleforening, ganz anders und viel besser aufgestellt, wenn es darum geht, eigenes Unterrichtsmaterial zu erstellen. Hinzu kommt, dass auch Grænseforeningen der dänischen Minderheit zuarbeitet und Unterrichtsmaterial erstellt.

Weder der DSSV, der BDN, das Museum noch der „Nordschleswiger“ haben heute die Kräfte, eigenes Schulmaterial herzustellen. Aber gemeinsam und mit finanzieller Unterstützung des Hauptvorstandes ginge noch was.

Der Anfang ist gemacht – nun heißt es dranbleiben und gerne weitere Ideen mit Minderheiten-Perspektive entwickeln, damit kommende Generationen noch schlauer die Schule verlassen.