Deutsche Minderheit

Unterschätzte Ekensunder „Malweiber“ und Scherrebeker Weberinnen: HAG-Tagung mit Kunst im Fokus

Rednerin steht vor sitzendem Publikum in einem Tagungsraum mit Getränketisch.
Die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen kündigte bei der diesjährigen Jahrestagung spannende Vorträge zum Thema „Kunst in Nordschleswig“ an und versprach nicht zu viel.

Beim Treffen der Heimatkundlichen AG Nordschleswig gab es für rund 50 Teilnehmende Einblicke in die Kunstszene im heutigen deutsch-dänischen Grenzland. Madeleine Städtler berichtete über Rieseninteresse an der gerade beendeten „Starke-Frauen“-Ausstellung auf Flensburger Museumsberg.

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Zusammenfassung

  • HAG-Tagung beleuchtet Kunst und Künstlerinnen im deutsch-dänischen Grenzland.
  • Vortrag zu unterschätzten Ekensunder Malerinnen wie Emmy Gotzmann und Marie Nissen.
  • Weitere Referate zur Scherrebeker Webschule und ihren weithin vergessenen Kunstweberinnen.

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Auf sehr großes Interesse ist am Sonnabend die Jahrestagung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) zum Thema „Kunst und Künstler in Nordschleswig“ gestoßen, die in der Akademie Sankelmark stattfand. Rund 50 Teilnehmende begrüßte die HAG-Vorsitzende, Gisela Jepsen. Und sie stellte als erste von vier Referentinnen und Referenten während der Tagung die stellvertretende Leiterin des Museumsbergs Flensburg (Flensborg), Madeleine Städtler, vor. 

Die Kunsthistorikerin widmete ihre Ausführungen der seit Ende des 19. Jahrhunderts existierenden Künstlerkolonie Ekensund (Egernsund). Und dabei stellte sie die lange unterschätzten und unterschlagenen Malerinnen der Freilichtmalerei an der Flensburger Förde in den Mittelpunkt. Madeleine Städtler berichtete über ein sehr großes Interesse an der am Sonntag beendeten Sonderausstellung „Unterschätzt! Starke Frauen“ des Flensburger Museums, für die sie Werke bisher „vergessener“ Künstlerinnen teilweise mühsam zusammensuchen musste. 

Referentin spricht am Rednerpult vor einer Leinwand mit dem Plakat „Unterschätzt! Starke Frauen“ im Vortragssaal.
Madeleine Städtler beeindruckte mit ihrem Vortrag über die Künstlerinnen der Malerkolonie Ekensund, deren Schaffen lange „übersehen“ worden ist.

„Man kann die Vergangenheit nicht ändern“, so Städtler und erläuterte vor allem anhand der Künstlerinnen Emmy Gotzmann, Toni Eckener, Marie Nissen (geborene Schlaikier) und Agnes Slott-Møller, dass die männliche Konkurrenz in Ekensund hoch talentierte Malerinnen mit dem Titel „Berliner Malweiber“ verunglimpfte. Besonders beeindruckend waren die Schilderungen zum Leben Emmy Gotzmanns (1881-1950), von deren sehr umfangreichen Werk heute nur wenige Bilder im Privatbesitz erhalten sind. 

Die Künstlerin, deren Foto auf dem aktuellen Ausstellungsplakat zu sehen ist, war nach 1900 nach Flensburg und Ekensund gekommen. Sie und ihre Werke wurden bei Ausstellungen in der Fördestadt gefeiert. Später war sie führend im Berliner Künstlerinnenverein. Während der NS-Herrschaft wurde sie aus dem Kunstbetrieb verdrängt, verarmte und starb früh. Die meisten ihrer Werke wurden während des Krieges vernichtet. 

Proteste der Kolleginnen

Die aus Apenrade (Aabenraa) stammende Malerin Marie Nissen (1871-1941) mit Tätigkeit in Ekensund stellte Madelaine Städtler als großes künstlerisches Talent vor, das es von der Familie unterstützt geschafft hatte, in München zu den Zeiten eine künstlerische Ausbildung zu absolvieren, als Frauen von den staatlichen Kunstakademien ausgeschlossen waren.

Marie Nissen verschwand von der künstlerischen „Bildfläche“ nach der Heirat mit Kunstmaler Anton Nissen, der ihr nur eine Rolle als Hausfrau und Mutter gewährte – trotz böser Briefe von Malerkolleginnen der Gattin.

Madeleine Städtler stellte auch Toni, die Schwester des Flensburger Malers Alex Eckener, vor. Deren Bedeutung und Schaffen – auch in Ekensund – dürfe nicht länger unterschlagen werden. Besser sei es Agnes Slott-Møller, der dänischen Malerin im Ekensunder Kunstbetrieb ergangen. 

Drei Frauen unterhalten sich in einem Tagungsraum vor einer hellen Wand.
Museumsinspektorin Anne Marie Ludvigsen widmete sich während der Tagung in Sankelmark der Scherrebeker Webschule.

Berühmte Kunst aus Scherrebek Schatten nationalistischer Politik

Museumsinspektorin Anne Marie Ludvigsen entführte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der HAG-Tagung ins westliche Nordschleswig der Jahre kurz vor 1900 und die folgenden zwei Jahrzehnte, als in der Scherrebeker Webschule Wandbehänge des Jugendstils gefertigt wurden, die europaweit Berühmtheit erlangten. 

Die im Museumsverbund Museum Sønderjylland an den Standorten Hoyer (Højer) und Tondern (Tønder) tätige Historikerin erläuterte die Gründung der Webschule durch den deutsch-nationalistischen Pastors Johannes Jacobsen im dänisch geprägten Scherrebek (Skærbæk) als Teil seiner Strategie der Stärkung des deutschen Elementes. 

Die politischen Hintergründe und der wirtschaftliche Zusammenbruch der umfangreichen Unternehmungen des Pastors haben mit zum raschen Schwinden des Ruhms und der Bekanntheit der auf Ausstellungen ausgezeichneten und in ganz Deutschland in Kunsthandlungen angebotenen Werke aus dem bis 1920 Deutschland zugehörigen Nordschleswig beigetragen. 

Anne Marie Ludvigsen stellte die Leiterin der Webschule Marie Luebke vor, die nach dem Konkurs die Weberei in Eigenregie bis 1919 weiterbetrieben hat. „Bis zu 200 aktive Weberinnen haben die Wandbehänge gefertigt“, so Ludvigsen und zählte eine lange Reihe berühmter Künstler wie Heinrich Vogeler, Hans Christiansen, Heinrich Sauermann, Alfred Mohrbutter oder Otto Eckmann als Schöpfer der Bildvorlagen vor.

Jugendstil-Wandteppich mit Dornröschen-Motiv an einer Ausstellungswand.
Der von Heinrich Vogeler entworfene Bildteppich „Dornröschen“ gehört zu den berühmtesten Jugenstil-Arbeiten der Kunstweberei im Westen Nordschleswigs.

Hamburg ist die eigentliche Wiege der Scherrebeker Webschule

„Eigentlich ist die Webschule nicht in Scherrebek sondern in Hamburg gegründet worden“, so die Historikerin und wies auf eine Ausstellung norwegischer Webarbeiten im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe kurz vor dem Beginn des Projektes Scherrebek hin. In Norwegen war im Zuge der Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit die traditionelle, ländliche Webkunst wiederentdeckt worden. Über den Schulkollegen Jacobsens aus Hadersleben (Haderslev), Friedrich Deneken, er war am Museum in Hamburg tätig, wurde die Idee, auch in Deutschland die traditionelle Webkunst wiederzubeleben, vom deutschtümelnden Geistlichen aufgegriffen. Hilfreich war dabei die damalige Norwegen- und Nordland-Schwärmerei des damaligen Kaisers Wilhelm II. 

Historisches Porträt einer jungen Frau im karierten Kleid mit Medaillonkette.
Neben den vielen Weberinnen aus Nordschleswig, aber auch entfernteren Orten, war die Leiterin der Webschule, Marie Luebke, die wichtigste Frau des künstlerischen Schaffens in Scherrebek. Sie wirkte dort bis 1919.

Anne Marie Ludvigsen erwähnte dabei, dass sich diese Schwärmerei auch im Seebad-Projekt Pastor Jacobsens auf der Insel Röm (Rømø) niedergeschlagen hat. „Die ersten Lakolk-Häuser wurden aus Norwegen geliefert, dazu das passende Inventar“, so Ludvigsen. Sie zitierte den dem Alkohol fleißig zugewandten Jacobsen, der von einer „Wiederbelebung der nationalen Kunstweberei, jener altgermanischen Kunst edler Frauen, wie sie in den Heldenliedern der Vorzeit gepriesen wird“, fantasierte. Dabei produzierten die Kunsthandwerkerinnen der Webschule, die nach Ausbildung und Prüfung in der näheren Umgebung, aber auch in Berlin und sogar in Nachbarländern für Scherrebek arbeiteten, modernstes „Design“, bis heute beeindruckende Jugendstilwerke. 

Nach dem Untergang der Schule „vergaßen“ viele, was für Kunstschätze aus Scherrebek sie besaßen, das galt auch für die direkte Umgebung der Webschule. „Wir wissen wenig über die Weberinnen, meist jüngere Frauen. Es waren meist Schülerinnen, die schon etwas konnten“, so die Referentin, nur wenige Namen sind heute bekannt. 

Anne Marie Ludvigsen berichtete, dass die kleine Ausstellung Scherrebeker Webteppiche bis zum Beginn der Umbauarbeiten noch im Tonderner Museum zu sehen ist. Derzeit sei offen, in welchem Umfang die Kunstwerke später dort gezeigt werden können.