Deutsche Minderheit

Zwischen Lenker und Lebensgeschichte: Ehrenamtlich unterwegs mit Älteren

Veröffentlicht Geändert
Fahrradpilotin Karin Hansen Osmanoglu auf Tour mit Karla Pedersen und Petra Jensen.

Wie können Freiwillige älteren Menschen den „Wind in den Haaren“ zurückgeben? Engagierte wie Karin, Knud und John ermöglichen seit drei Jahren „Radeln ohne Alter“ in Nordschleswig. Durch ihr Ehrenamt schaffen sie unvergessliche Erlebnisse.

Der Himmel über Tingleff ist strahlend blau, eine leichte Brise weht über die Felder. Mitten in dieser Idylle, begleitet vom Zwitschern der Vögel, rollt eine Fahrradrikscha gemächlich durch die Landschaft. Vorn sitzen zwei ältere Damen: Karla Pedersen und Petra Jensen, vertieft ins Klönschnacken. Beide sind gespannt, was sie auf der heutigen Tour erwartet.

Am Lenker sitzt Karin Hansen Osmanoglu. Sie tritt kraftvoll in die Pedale und hat dabei stets ein offenes Ohr für die beiden Frauen an Bord. Es ist ein Ausflug wie früher – mit dem einzigen Unterschied, dass sie diesmal nicht selbst fahren müssen.

Mobilität kennt kein Alter

Menschen wie Karin, Knud und John sind ehrenamtlich bei „Radeln ohne Alter“ (dänisch: „Cykling uden alder“) als Fahrradpilotinnen und -piloten im Einsatz, wie bereits berichtet wurde. Mit elektrisch unterstützten Fahrradrikschas ermöglichen sie älteren oder mobil eingeschränkten Menschen Ausflüge ins Freie – sicher, komfortabel und mit persönlicher Begleitung.

Die ehrenamtlichen Pilotinnen und Piloten holen ihre Fahrgäste direkt von zu Hause oder aus dem Altersheim ab und begleiten sie hinaus an die frische Luft. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Bewegung, sondern vor allem die Begegnung – und das Ziel, gesellschaftliche Teilhabe auch im Alter zu ermöglichen. Ihr Credo: Mobilität endet nicht mit dem Alter.

Die Passagierinnen Karla Pedersen und Petra Jensen sind sich einig: „Es ist eine gelungene Abwechslung zum Alltag.“ Über Familienberaterin Hansen Osmanoglu haben sie von dem Projekt erfahren – und sind nicht zum ersten Mal dabei. „Ich finde es viel schöner, als nur allein zu fahren“, ergänzt Pedersen.

In der Ferne nähern sich zwei weitere Rikschas. Am Steuer: John Thomsen und Knud Lauridsen, mit jeweils einer Frau auf dem Vordersitz. Die Freude über den Ausflug ist nicht zu übersehen – ein Lächeln liegt auf allen Gesichtern.

Ein Projekt, das verbindet

Volle Fahrt voraus: Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden Karin Hansen Osmanoglu, John Thomsen und Knud Lauridsen (v.l.) sind mit ihren Fahrgästen gut gelaunt unterwegs.

„Das Projekt gibt es seit drei Jahren. Ich bin von Anfang an dabei“, erzählt Hansen Osmanoglu. Die 64-Jährige arbeitet als Familienberaterin beim Sozialdienst für Apenrade (Aabenraa), Rothenkrug (Rødekro) und Tingleff. Über ihre Verbindung zur Projektkoordinatorin Johanne Braun in der Kommune Apenrade entstand die Idee: „Ich hatte den Gedanken, ob ich nicht auch Touren für Mitglieder aus dem Sozialdienst anbieten kann.“ Ihre Abteilungsleiterin war sofort angetan von der Idee und unterstützte das Vorhaben.

Die Organisation der Fahrten erfolgt über ein zentrales Buchungssystem – eine Schnittstelle zwischen Pflegeeinrichtungen und den ehrenamtlichen Fahrradpilotinnen und -piloten. Die Fahrten richten sich vor allem an Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie an Mitglieder der Sozialdienste. Auch Privatpersonen können sich melden, wenn sie gemeinsam mit Angehörigen eine Tour planen möchten. Wer eine Fahrt unternehmen möchte, stellt einfach eine Anfrage, die problemlos koordiniert werden kann. Selbst bei kurzfristigen Ausfällen wird schnell für Ersatz gesorgt.

Fahrten, die Freude schenken

Mittlerweile engagieren sich rund zehn Freiwillige in dem Projekt – sechs von ihnen sind regelmäßig unterwegs, wie John Thomsen berichtet. Auch Spezialfahrzeuge, etwa für Rollstuhlfahrende, stehen dem Team zur Verfügung. Die Fahrten finden überwiegend im Sommer statt.

„Jede Tour ist individuell. Unsere Fahrgäste können mitbestimmen, wohin es geht und was sie unterwegs sehen möchten. Wir versuchen, alle Wünsche zu erfüllen“, betont der 71-Jährige.

Eine Reise der Begegnungen

Pause im Grünen: Knud Lauridsen, Karin Hansen Osmanoglu und John Thomsen genießen gemeinsam mit Karla Pedersen und Petra Jensen die Auszeit in der Natur.

„Für viele ältere Menschen ist es ein Schritt, sich einzugestehen, dass sie selbst nicht mehr fahren können“, sagt Thomsen. Die gemeinsamen Fahrten schaffen Abwechslung und bringen den Passagieren Freude zurück. „Der Alltag kann für viele sehr eintönig sein. Auf unseren Fahrten kommen sie raus, können sich unterhalten und erleben etwas Neues“, ergänzt Hansen Osmanoglu.

Die Tour führt vorbei an grünen Feldern, einem Strochennest und kleinen Höfen. In der Nähe eines Bauernhofes lädt eine Bank zum Verweilen ein – Zeit für eine Pause. Karin Hansen Osmanoglu und ihre Kollegen halten die Rikschas an. Es gibt Kaffee und Kekse. Die Stimmung ist ausgelassen.

Fahrradpilotin Karin Hansen Osmanoglu holt ihre Passagierinnen Karla Pedersen und Petra Jensen zu einer neuen Tour ab.

„Radeln ohne Alter“ ist eine Einladung, den Alltag hinter sich zu lassen, die frische Luft zu genießen und gemeinsam neue Erinnerungen zu schaffen.

Der Ort weckt in Hansen Osmanoglu eine besondere Erinnerung: „Ich habe einmal eine Dame gefahren, die an Demenz erkrankt war. Jedes Mal, wenn sie den Storch sah, begann sie zu strahlen – als wäre es das allererste Mal. Es rief Erinnerungen an ihre Kindheit hervor. Das hat mich tief berührt.“

Ein Ehrenamt, das bewegt

John Thomsen (l.) und Karin Hansen Osmanoglu sind voller Vorfreude auf die Fahrt.

Ich bin froh, wenn ich nach Hause komme und weiß, dass ich etwas Gutes getan habe.

John Thomsen

Bei „Radeln ohne Alter“ ist jeder herzlich willkommen – ganz ohne Vorkenntnisse. „Was zählt, ist ein Gespür für Menschen und besonders das Einfühlungsvermögen“, erklärt Thomsen.

Nach einer kurzen Schulung im Umgang mit der Rikscha können die Freiwilligen selbst entscheiden, wann und wie oft sie sich engagieren möchten. „Wenn jemand dazu noch sportlich aktiv ist, ist das toll“, ergänzt Hansen Osmanoglu. Auch private Ausflüge mit Angehörigen sind möglich – das Projekt bleibt bewusst flexibel und offen für alle, die sich beteiligen möchten.

„Ich bin froh, wenn ich nach Hause komme und weiß, dass ich etwas Gutes getan habe“, sagt Thomsen. „Unsere Fahrgäste kommen fast immer mit einem Lächeln zurück“, ergänzt Hansen Osmanoglu.

Heute endet die Fahrt – doch die Erinnerungen bleiben. Karla, Petra und die anderen haben sicher nicht zum letzten Mal den Wind in ihren Haaren gespürt – begleitet von Karin, Knud oder John auf einem Rikscha-Ausflug.

Über das Projekt