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Junge Spitzen initiieren Debatte am DGN zum Thema „Sexismus“

Junge Spitzen initiieren Debatte am DGN zu Sexismus

Junge Spitzen initiieren Debatte am DGN zu Sexismus

Apenrade/Aabenraa
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In drei Durchgängen haben alle Schülerinnen und Schüler des DGN zunächst einen Vortrag von Iben Hendel Philipsen, Sprecherin beim „Everyday Sexism Project Danmark” (ESPD), zum Thema angehört. Foto: Nils Baum

Die Jungen Spitzen haben am Mittwoch eine Diskussion für die gesamte Schülerschaft am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig zum Thema „Sexismus“ organisiert. In drei Workshops sollten die Jugendlichen zu aktuellen Fragen Stellung beziehen.

Wie können wir das Bewusstsein über die Bedeutung des Themas „Sexismus“ unter Jugendlichen schärfen, haben sich die Jungen Spitzen gefragt. Ihre Idee: Eine Debatte am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN), an der die gesamte Schülerschaft teilnimmt.

„Die gesamte Debatte seit August hat uns die Idee dazu gegeben“, sagt Hans Fedder Hindrichsen Kley, selber Schüler am DGN und Mitglied bei den Jungen Spitzen, die die heutige Debatte initiiert haben. Dabei ist ihm wichtig zu betonen, dass es sich nicht um eine politische Veranstaltung handelt, sondern dass damit ein gesellschaftliches Problem näher beleuchtet werden soll. „Wir wollen versuchen, die Leute zu sensibilisieren“, so der Schüler.

Und dieser Zielsetzung sind die Schülerinnen und Schüler am DGN am Mittwoch ein wichtiges Stück nähergekommen. „Wir haben im Internet nach Möglichkeiten gesucht und sind auf die Interessenorganisation ‚Everyday Sexism Project Danmark‘ (ESPD) gestoßen. Dort haben wir dann angefragt, und Iben, die heute hier ist, hat uns zugesagt, und Jens hat das Okay gegeben“, erläutert Hans Fedder Hindrichsen Kley den Verlauf.

Vortrag vom „Everyday Sexism Project Danmark“

Iben Hendel Philipsen ist Sprecherin beim 2012 ins Leben gerufenen „Everyday Sexism Project Danmark“ (ESPD) und hält ihren Vortrag zu Sexismus an diesem Vormittag insgesamt dreimal. Somit kommt jede der drei Jahrgangsstufen an die Reihe.

Iben Hendel Philipsen ist Sprecherin beim 2012 ins Leben gerufenen „Everyday Sexism Project Danmark“ (ESPD) und möchte mit ihrem Vortrag zu Sexismus dazu beitragen, das Bewusstsein bei den Jugendlichen für das Thema zu schärfen. Foto: Nils Baum

Sie beginnt mit der Frage „Was ist Sexismus“ und bringt eine Reihe von Definitionen und Beispielen. „Sexismus basiert auf Vorurteilen oder Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.“ Dabei geht sie auch auf die Frage ein, was geschlechtsspezifische Stereotype ausmacht, die wir oft unbewusst im Alltag schaffen und macht darauf aufmerksam, wie Sprache unsere Wirklichkeit formt. „Die Art und Weise, wie wir Sprache einsetzen, hat Einfluss darauf, wie wir uns selber erleben und die Welt um uns herum.“ Während sie es sagt, wirft der Projektor die Wörter „tøsedreng“ und „drengepige“ an die Wand in der Aula.

„Es ist nicht schwer, über Zustimmung zum Sex zu reden, und das ist auch nicht unsexy“, lautet die Botschaft von Iben Hendel Philipsen, Sprecherin beim „Everyday Sexism Project Danmark“. Foto: Nils Baum

Für die Sprecherin des ESPD ist es deshalb wichtig, den Jugendlichen die Botschaft zu vermitteln, dass es schwer sein kann, über Sex zu reden. „Es ist aber nicht schwer, über Zustimmung zum Sex zu reden, und das ist auch nicht unsexy“, so ihre Botschaft mit Hinweis auf den laufenden Gesetzgebungsprozess zum Zustimmungsgesetz. Das Ziel müsse sein, immer ein freiwilliges „Ja“ zu erreichen, und ein „Nein“ bedeute eben „Nein“ und nichts anderes.

Für Philipsen und ihre Organisation ist das langfristige Ziel, eine Kulturänderung herbeizuführen, in der Alltagssexismus als inakzeptabel betrachtet wird.

Jede Klasse wird in drei Gruppen eingeteilt. Da sowohl der Vortrag als auch die Diskussionen jahrgangsweise durchgeführt werden und jeder Jahrgang drei Schulklassen zählt, verteilten sich die Schülerinnen und Schüler auf jeweils neun Gruppen. Foto: Nils Baum

Diskussion in Gruppen

Nach dem Vortrag sollen die Schülerinnen und Schüler dann in kleinen Gruppen über drei verschiedene Themenkomplexe diskutieren. Dazu wird jede Klasse auf drei Gruppen verteilt, die sich dann in jeweils drei kurzen Workshops über von den Jungen Spitzen ausgearbeiteten Fragestellungen austauschen sollen.

In jeweils drei kurzen Workshops tauschen sich die Gymnasiasten über die von den Jungen Spitzen ausgearbeiteten Fragestellungen aus. Hier diskutiert eine Gruppe Fragestellungen aus dem ersten Workshop. Foto: Nils Baum

Im ersten Workshop geht es um die Einschätzung dreier unterschiedlicher Situationen, bei denen die Gymnasiasten auf einer Skala von „Geht gar nicht!“ bis „Ist doch voll okay!“ bewerten sollen, wie sie die Situation einschätzen. Auf dem Papier steht als erstes Beispiel „Karlo sitzt im Klassenraum und wird langsam genervt von den Sachen, die Paula von sich gibt. Als Paula etwas antwortet, ruft Karlo: ‚Hast du etwa deine Tage, oder warum bist du heute so nervig?‘ Die Klasse lacht.“

Nachdem die Jugendlichen die Fallbeschreibungen gelesen haben, vergeht ein kurzer Augenblick, dann werden die ersten Gedanken in die Runde geworfen: „Mädchen haben ein besseres Verständnis, Jungs werden nicht so aufgeklärt.“ „Manche Mädchen sind halt sensibler.“ … „Das nervt doch voll! Man darf doch seine Meinung sagen.“ … „Aber die Art und Weise wie es gesagt wird!“ … „Wer traut sich, das zu sagen?“ sind einige der Wortmeldungen in der Runde.

Nach einer Einschätzung dreier unterschiedlicher Situationen geht es im zweiten Workshop um mögliche Lösungsvorschläge. Foto: Nils Baum

Im zweiten Workshop sollen Lösungsvorschläge diskutiert werden. Drei Punkte stehen zur Debatte, von mehr Unterrichtsverläufen zum Thema über einen Dresscode an der Schule bis hin zu einem anonymen Briefkasten.

„Gut, dass es angesprochen wird.“ … „Wenn wir nur einmal darüber sprechen, haben es viele nach einer Woche wieder vergessen. Es sollte nicht eine einmalige Sache sein, sondern immer mal wieder.“ … „Kommt auch von der Erziehung mit.“ … „Regelmäßig und mit aktuellen Themen.“ … „Die Diskussion in den Klassen ist gut, weil man dann mitdiskutieren kann.“ … „Jeder hat das Recht, sich so zu kleiden, wie man will.“ … „Ihr Körper, ihre Wahl. Soll man sich nicht einmischen.“ … „Ich bin Anhänger von Schuluniformen. Zu viele Markenklamotten spielen eine Rolle.“ … „Marke ist eher ein Mobbingproblem.“

Besonders in der Frage nach einem anonymen Briefkasten zeichnet sich ein eindeutiges Bild ab. Die meisten sehen ein Problem gerade darin, dass er anonym sein solle, denn wie solle man das dann nutzen und anschließend handeln können? Einige sehen auch die Gefahr, dass damit Streiche gespielt werden könnten, bei denen man irgendwelche Zettelchen mit Geschichten dort reinlegt.

Der Vorschlag eines anonymen Briefkastens fand keine große Zustimmung. Foto: Nils Baum

Es wird auch erwähnt, dass es besser sein könnte, den Täter oder die Täterin öffentlich zur Rede zu stellen, da dies den größten Effekt haben würde. „Den Leuten, bei denen es im Alltag passiert, die müssen damit direkt konfrontiert werden. Es müssten konkrete Konsequenzen drohen. Und es müsste zum Schulverweis führen, wenn es dann nicht aufhört“, so die übereinstimmende Meinung in einer Gruppe.

Aber auch die Frage nach der geeignetsten Art und Weise, sich über das Thema „Sexismus“ auszutauschen, beschäftigt die Jugendlichen. „Ich möchte gerne nach der Schule nach Hause gehen. Wie wäre es mit Zoom- oder Teams-Meetings?“ … „Wie bekommen wir alle involviert? Es ist wichtig, dass wir alle erreichen und nicht immer nur dieselben Personen.“ … „Wir sollten das nicht jeden Monat diskutieren, aber dass man das laufend aufschreibt wäre gut.“ ... „Wenn es nicht verpflichtend ist, dann sind nicht alle Personen dabei.“ … „Man sollte nicht unbedingt Veranstaltungen planen, sondern der Lehrer sollte im Unterricht eingreifen, wenn es sexistische Sprüche gibt und sagen, dass hier was falsch läuft.“, so einige Stimmen der Gymnasiasten.

„Es ist gut, hierüber zu reden, das wird sonst zu wenig angesprochen. Viele Leute schämen sich. Die Veranstaltung heute ist wichtig, um aufgeklärt zu werden. Manchen ist es gar nicht klar, dass es überhaupt sexuelle Übergriffe gibt. Das Thema ist aktuell in 2020 und wir Jugendlichen müssen darüber sprechen. Es gibt tagtäglich Übergriffe“, sagen Kjeld Hoffmann und Janus Andresen aus der 1a. Foto: Nils Baum

Einig sind sich die Schülerinnen und Schüler darin, dass eine einmalige Veranstaltung zu dem Thema nicht ausreicht. Entscheidend ist für viele, das Selberdenken anzuregen. Und wenn man das in kleineren Dosen über einen längeren Zeitraum mitnähme, dann hätte es den größten Effekt, so die Einschätzung mehrerer Teilnehmer. Einigkeit besteht hingegen auch darin, dass es kontraproduktiv wäre, das Thema zu oft anzusprechen. Dies könne auf längere Sicht dazu führen, dass es einigen Leuten schließlich zum Hals heraushängt.

Gruppendiskussion: Was definiert man als Sexismus? Foto: Nils Baum

Im dritten Workshop geht es um die Bewertung zweier Szenarien, in denen die Schüler ihre Meinung zu der Frage kundtun sollen, ob es sich um sexuelle Belästigung handelt oder nicht. Dabei geht es um einen imaginären Schüler, der in eine imaginäre Schülerin verliebt ist, sich aber nicht traut, es ihr zu sagen und seine Zuneigung stattdessen dadurch auszudrücken versucht, dass er ungefragt ihre Hand nimmt.

Die Jugendlichen geben unter anderem zu denken: „Man merkt es, wenn man in jemanden verliebt ist. Ist aber stereotypisch, wenn er nichts sagt.“ … „Das Verhalten von beiden ist falsch. Das ist kein Sexismus, sondern Misskommunikation beiderseits.“ … „Aber wenn er es mehrfach versucht, dann ist es sexuelle Belästigung.“ … „Sie müsste etwas sagen und ihre Grenzen klar setzen, so wie er sagen sollte, was er möchte.“

„Ich finde die Veranstaltung gut. Gerade dass sie auf das Thema aufmerksam macht und eine Pflichtveranstaltung ist. Normalerweise wird das Thema nur kurz angesprochen, und dann verschwindet es wieder. Aber heute wurde es konkret angesprochen und darüber anhand von Beispielen diskutiert“, meinen Jule Hansen und Annika Sutor aus der 3g. Foto: Nils Baum

Junge Spitzen mit Veranstaltung sehr zufrieden

Martina Lutz aus der 2b, Mitglied bei den Jungen Spitzen, ist sehr zufrieden mit den Workshops. „Die diskutieren richtig gut, und alle haben eine Meinung zum Thema. Sie wollen dafür sorgen, dass Sexismus weniger wird, und man sich über das Thema noch bewusster wird und sich dann dazu verhält. Manche wollen das öfters diskutieren, andere mit größeren Abständen, und einige meinen, dass es freiwillig sein sollte“, fällt ihr erstes Fazit aus.

„Wir wollen jetzt mit Jens sprechen und sehen, wie wir das Thema künftig angehen wollen. Wir wissen jetzt, was die Schüler wollen“, sagt sie mit Verweis auf den Schulleiter Jens Mittag für die Planung künftiger Debatten zum Thema „Sexismus“.

Und auch Gymnasiastin und Mitglied bei den Jungen Spitzen Katharina Kley zieht am Ende der Veranstaltung ein erstes Fazit: „Wir haben sehr viele gute Diskussionen geführt. Ich habe auch mit Leuten geredet, mit denen ich sonst nicht rede. Und ich habe neue Vorschläge von Leuten gehört, von denen ich sonst nichts höre.“

Neben vielen guten Lösungsvorschlägen freut sie sich auch darüber, dass sich viele bereits mit dem Thema „Sexismus“ auseinandergesetzt haben. „Das Interesse für das Thema ist auf jeden Fall da. Die Leute wollen auch wirklich etwas verändern. Das freut uns megadoll“, stellt Katharina Kley mit einem zufriedenen Lächeln abschließend fest.

Die Gymnasiasten Martina Lutz, Katharina Kley und Hans Fedder Hindrichsen Kley sind alle drei Mitglieder bei den Jungen Spitzen und Mitinitiatoren der heutigen Veranstaltung. Sie ziehen ein positives Fazit. Foto: Nils Baum

Jens Mittag: Umfrage bereits im Sommer

Auch Schulleiter Jens Mittag sagt, dass er die Notwendigkeit einer Debatte zum Thema Sexismus bereits im Sommer erkannte. Noch vor Beginn der großen Ferien hatte er auf Schüler- und Elternseite zwei Gespräche geführt, die ihn nachdenklich gemacht hatten.

„Daraufhin wollte ich wissen, wie unsere Schüler Sexismus sehen, oder ob sie ihn erleben“, sagt Mittag. Er hat deswegen eine Umfrage durchgeführt, in der er gefragt hat, ob sich die Jugendlichen am DGN oder außerhalb der Schule verbaler sexueller Gewalt ausgesetzt sehen. Die gleiche Frage hat er in Bezug auf körperliche sexuelle Gewalt gestellt.

Die Antworten haben ihn überrascht. Fast 20 Prozent bestätigten, verbale sexuelle Gewalt erlebt zu haben. „Ich weiß allerdings nicht, welche Form der Gewalt das ist. Es gibt da eben große Unterschiede“, so der Schulleiter. Die daraufhin mit der Schülervertretung geführten Gespräche machten deutlich, dass es sich dabei im Wesentlichen zwar nicht um Äußerungen handelt, die einen Straftatbestand erfüllen würden. Aber auch die Antwort auf die Frage nach körperlicher sexueller Gewalt wie eine Berührung, die als unangenehm empfunden wurde, lag nicht bei 0 Prozent.

Nach den Sommerferien hat Jens Mittag dann gemeinsam mit der Schülervertretung über die Thematik diskutiert. „Wir hatten einen gemeinsamen Konsens: Wir sollten ein Auge darauf haben, und wir sollten auch Veranstaltungen dazu haben, aber wichtig ist auch, dass man sich hier noch wohlfühlt. Der Plan war dann, die Augen zu öffnen und zu sensibilisieren. Meine Erwartung ist, dass das Thema auf der Tagesordnung bleibt, man sich nicht wegduckt und gegebenenfalls Entschuldigung sagt“, so der Schulleiter.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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