Lesung in Apenrade

Miljenko Jergović: "Nationale Identität ist ein Gefühl von Scham“

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Miljenko Jergovic Foto: Miodrag Trajkovic

Miljenko Jergovićs Werk „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ ist ein großer Roman über Glück, Elend, Leid und Hass auf dem Balkan. Der Autor spricht im Interview über nationale Fragen auf dem Balkan und seine Gefühle zu nationalen Einteilungen. Am Freitag kommt er nach Apenrade.

Der Schriftsteller Miljenko Jergovic (* 28. Mai 1966 in Sarajevo) kommt für eine Lesung in die Deutsche Zentralbücherei nach Apenrade. Der Nordschleswiger hat den Autor vorab interviewt.

Als kroatisch-bosnischer Autor sind Sie mitten hineingeboren in die lange europäische Geschichte von Mehrheiten und Minderheiten. Erleben Sie ihre Wurzeln in zwei Kulturen und Nationen als Bereicherung oder als herausfordernde Bürde?

Ich erlebe es als Zufälligkeit. Kein Mensch kann über sich, seine Herkunft, und natürlich die seiner Vorfahren, in interkulturellen und politischen Kategorien nachdenken. Wir werden nun einmal so geboren, wie wir sind, mit Eltern, Großmüttern und Großvätern, Urgroßmüttern und Urgroßvätern, die eben das waren, was sie waren. Man kann daran keine nationale Schablone anlegen.

Welche Antwort würden Sie geben: „Ich bin… … Jugoslawe … Europäer … Bosnier … Kroate ... nichts von allem...

Wahrscheinlich nichts von alledem. Ich bin die Sprache, die ich spreche. Alles andere, was Sie aufgezählt haben, irritiert mich im Augenblick. Vielleicht wäre das anders, wenn Sie mir dieselbe Frage morgen oder übermorgen stellen. Vielleicht aber auch nicht.

Seit 2003 gibt es den Staat Jugoslawien nicht mehr, seit 2006 existieren die Nachfolgestaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien. Wie haben Sie Abschied genommen von einer Nationalität, die es offiziell nicht mehr gibt?

Ich habe mich auf die unangenehmste Weise davon verabschiedet, die möglich ist: mit einem Krieg, mit dem Unglück des Krieges. Das Verschwinden Jugoslawiens betraf mich zwischen dem 24. und dem 30. Lebensjahr. Man könnte sagen, dass
dieses Land mir die besten Jahre meines Lebens gestohlen hat. Allerdings muss die Tatsache, dass Jugoslawien verschwunden ist, gleichzeitig nicht bedeuten, dass die Zeit untergegangen ist, die wir in Jugoslawien gelebt haben. Ich bemühe mich, zu eben jener Zeit immer noch ein sehr lebendiges und aktives Verhältnis aufrechtzuerhalten.

Sie haben es miterlebt: Fühlte man sich stärker als Kroate oder Bosnier, nachdem es eine offiziell anerkannte Staatsform gab?

Ich fühle mich schlecht, wenn ich überhaupt über diese Dinge nachdenke. Ich fühle mich eher wie der letzte Dreck als wie ein Kroate oder Bosnier. Oder wie ein Europäer.

Wie hat sich der Krieg auf Ihre nationale Identität ausgewirkt?

Nationale Identität ist ein Gefühl von Scham. Dabei schämt sich der Mensch für all das, was ein anderer im Namen seiner Nation angerichtet hat. Alles andere, was mit nationaler Identität zu tun hat, ist Fantasterei.

Wie ist das Zusammenleben der ehemaligen Jugoslawen, als Landesnachbarn aber auch innerhalb der einzelnen neuen Nationen? Vor welchen Herausforderungen stehen die Gesellschaften?

Es ist eine Nachbarschaft der nationalistischen Eliten, die sich gegenseitig aus strategischen und nicht aus emotionalen Gründen hassen. Die Völker sind nur die Mittel, mit denen diese Eliten manipulieren. Die Völker sind Marionetten in den Händen von nationalistischen Eliten. Deshalb ist es auch besser, einfach nicht dazuzugehören.

Die Volksgruppen und Minderheiten in Europa setzen sich für Eigenständigkeit, für ihre Rechte auf Sprache und Kultur ein. Dabei geht es auch um nationale Minderheiten. Die europäischen nationalen Minderheiten werden in ihrer Funktion oft als „bereichernd“ oder als „Kitt Europas“ bezeichnet. Insgesamt aber wird an dem Nationalismus und nationalem Denken Kritik geübt. Wer zu national denkt und handelt, gilt als EU-feindlich. Was meinen Sie: Wo endet „gesundes Nationalempfinden“, und wo beginnt Nationalismus, der abschottet?

Ich glaube, oder ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die Europäische Union eine Gemeinschaft von Banken und Telekommunikationsunternehmen ist, keine Gemeinschaft der Kulturen. Ginge es um die gegenseitige Bereicherung, dann wäre das Kulturbudget größer als das des Sicherheits- und Verteidigungsbereichs. Und was die Nationen angeht, die innerhalb Europas immer noch für ihre Unabhängigkeit kämpfen – wie etwa die Katalanen, die Schotten und die Basken – so muss ich sagen, dass ich für deren Kampf kein besonderes Gefühl habe. Genauso wenig empfinde ich etwas für die Tatsache, dass manche Nationen mit einem solchen Kampf erfolgreich waren, dass sie ihre Staaten ermöglicht haben und unabhängig wurden. Ich glaube, was Fragen der nationalen Unabhängigkeit anbetrifft, bin ich ziemlich gleichgültig.

In „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ legen Sie den Gedanken nahe, dass sowohl Familie als auch Gesellschaft eine Illusion sind im Glauben an Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt. Alles nur Illusion, weil wir lieber nicht alleine sein wollen: Sehen Sie das tatsächlich so?

Was mich betrifft, so ist Familie sicher keine Gemeinschaft der Eintracht und der Harmonie. Die Famile ist eine Gemeinschaft des Unglücks, der Traumata. Eine Gesellschaft müsste idealerweise mehr sein als das. Eine Gesellschaft müsste genau auf das aufgebaut sein, was in der Familie fehlt, und das ist das freiwillige Anerkennen der Gemeinschaft. Innerhalb der Familie ist jede Gemeinschaftlichkeit aufgezwungen. Wir suchen uns unsere Eltern nicht aus, ebenso wenig unsere Onkel, Brüder oder Schwestern. Es stimmt zwar, dass wir überzeugt sind, auch unsere Ehe- und Lebenspartner zu wählen, aber selbst da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht wählen wir sie einmal aus und sind dann dauerhaft an sie gebunden. Heißt es nicht, eine Ehe könne geschieden werden? Eine wirksame Scheidung kann es meiner Meinung nach nur geben, wenn man keine Kinder hat und die Scheidung mit einschließt, dass man eine Pille des Vergessens schluckt. Alles, was nicht vergessen wird, bleibt ein Leben lang.

(aus dem Kroatischen von Anne-Kathrin Godec)

Mehr lesen

Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
„Venstre-Wellen“