Deutsche Minderheit

Lesung: Das war die kontroverse Frau Emmy Ball-Hennings

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Carsten Schlüter-Knauer mit einem Buch über die Autorin Emmy Ball-Hennings.

Carsten Schlüter-Knauer entführte seine Zuhörenden am Mittwoch für einige Stunden zurück in verschiedene Epochen – in eine Zeit mit neupathetischem Kabarett, dem Wunsch nach freizügigem Leben, aber auch Drogen und Verlusten.

Für Carsten Schlüter-Knauer aus Apenrade (Aabenraa) ist Literatur bei weitem nicht nur eine gute oder auch nicht so gute Geschichte. Für den Professor und Germanisten der Fachhochschule Kiel sind es Zeugnisse. Interessante Zeugnisse für ein Stück Geschichte, als die Menschen für bestimmte Ansichten kämpften und diese auch auslebten. Auf Gut und Böse.

Am Donnerstag, 16. Januar, war es bei seiner mittlerweile dritten Neujahrslesung in der Deutschen Bücherei Sonderburg wieder so weit. Carsten Schlüter-Knauer stellte an dem Abend unter anderem eine Frau vor, die sich nie versteckte und offen ihr Leben in ihren Gedichten, beim Kabarett und in Büchern beschrieb.

Die gebürtige Flensburgerin Emmy

Diese Frau hieß Emmy Ball-Hennings. Sie wurde am 17. Januar 1885 in Flensburg (Flensborg) als Tochter des Taklers Ernst Friedrich Matthias Cordsen in einfachen Verhältnissen geboren. Ihre Eltern schlugen der jungen Frau vor, Dienstmädchen zu werden.

Das passte der schönen Flensburgerin überhaupt nicht. Sie liebte das Theater und sie wollte Schauspielerin werden. Mit 18 heiratete sie den Schauspieler Hennings. Das Paar schloss sich einer Wanderbühne an. Sie bekamen einen Sohn, der später aber verstarb. Es folgte eine Scheidung.

Emmy Ball-Hennings mit einer Puppe aus der Zeit des Dadaismus. Dada sollte Ausdruck einer Antikunst und Protesthaltung sein.

1920 heiratete sie den Dramaturgen Hugo Ball. In der Ehe wuchs die Tochter Annemarie heran. Das Paar gehörte 1916 zu den Mitbegründern des Dadaismus und des „Cabaret Voltaire“ in Zürich.

Immer wieder griff Carsten Schlüter-Knauer zu Büchern und las verschiedene Passagen ihrer Veröffentlichungen vor.

Wieso bin ich hier (und nicht woanders)? Weshalb hält mich die universelle Allmacht zusammen? Und warum muss ich sterben?

Emmy Ball-Hennings

Drogen und Prostitution

Emmy Ball-Hennings wünschte sich ihr Leben lang Freiheit. Sie hat im Leben nichts ausgelassen und wenn möglich nur das getan, was sie für richtig hielt. Das galt bei Männern, auf der Bühne und in ihren Büchern.

Aber auch damals hatten es Künstler und Künstlerinnen finanziell nicht einfach. Neben ihren Auftritten in verschiedenen Künstlerkabaretts in Berlin und München verdiente die Künstlerin aus Flensburg nebenbei Geld mit Prostitution. Hinzu kam eine Abhängigkeit von Äther und Morphin.

Daraus hat die Schriftstellerin kein Geheimnis gemacht. 1912 veröffentlichte sie „Ätherstrophen“. Sie beschrieb den betäubenden Effekt und das Rauschgefühl. „Wieso bin ich hier (und nicht woanders)? Weshalb hält mich die universelle Allmacht zusammen? Und warum muss ich sterben? Diese Fragen stellt Emmy Ball-Hennings sich selbst und den Lesenden. Ein weiteres Beispiel waren die, laut der Schriftstellerin, betrunken taumelnden Litfaßsäulen. „Es zeigt, wie das Leben damals für sie taumelte“, so Carsten Schlüter-Knauer.

Carsten Schlüter-Knauer schildert auf sehr lebendige Weise, was die Schriftsteller einst auf ihrer Schreibmaschine beschrieben.

Gefängnis und Umzug nach Zürich

Emmy Hennings war 1913 Mitarbeiterin der Avantgarde-Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“. 1914 verbrachte sie mehrere Monate in einem Münchener Gefängnis. Nach einem Abstecher nach Berlin emigrierte das Paar dann nach Zürich. 1927 starb Hugo Ball. Die Witwe kümmerte sich um den Nachlass und verfasste autobiografische Werke, Erzählungen, Märchen und Legenden. Sie wurde 1948 an der Seite ihres Mannes in Gentilino beigesetzt.

Nach der Pause ging es Jahrhunderte weit zurück zu der Philosophin Karoline von Günderrode (1780–1805), die nach einer Affäre mit einem verheirateten Mann mit 26 Jahren Selbstmord beging. „Sie dolchte sich“, so Carsten Schlüter-Knauer.

Sappho war zwischen 630 und 612 vor Chr. Geburt eine antike griechische Dichterin. Sie lebte auf der Insel Lesbos, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts. Auch in ihren Dichtungen spielt die erotische Liebe eine wichtige Rolle.

Die Neujahrslesung 2025 war mit über 20 Zuhörerinnen und Zuhörern gut besucht.

Weiter ging es mit Auszügen von Joachim Ringelnatz, Wolfgang Borchert und zuletzt dem Schleswig-Holsteiner Siegfried Lenz.

Die Bibliothekarin Eva Nielsen überreichte Carsten Schlüter-Knauer nach der neuesten Neujahrslesung eine Flasche Rotwein. „Wir kamen über 2.500 Jahre Zeitgeschichte. Wir nehmen sehr viel mit“, sagte sie dankbar.