80 Jahre Frieden

Stolpersteine: Am Tag der Befreiung erschossen

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An der Nissumgade in Nachbarschaft zum heutigen Scherrebeker Museum werden zwei Stolpersteine gesetzt. Dort lag der Treffpunkt der örtlichen Widerstandskämpfer. In diesem Bereich fielen die tödlichen Schüsse am 5. Mai 1945, als der Waffenstillstand nach der Kapitulation der deutschen Besatzer bereits in Kraft getreten war.

Der lokalhistorische Verein „Historisk Forening for Skærbæk og Omegn“ ehrt am Montag mit Stolpersteinen die am 5. Mai 1945 nach Verkündung des Waffenstillstands von Wehrmachtssoldaten die erschossenen Widerstandskämpfer Johann Nielsen und Herman Svendsen sowie den nach dem 7. September 1943 von den Besatzern ins Zuchthaus verschleppten Alfred Møller. Während der Gedenkveranstaltung sind auch Kinder und Enkelkinder der drei Scherrebeker anwesend.

Zwei Stolpersteine werden am Montag, 5. Mai, in Scherrebek ab 10 Uhr zunächst an der Nissumgade und anschließend an der Jernbanegade gesetzt. Ab 11.30 Uhr wird am Gedenkbrunnen der NS-Opfer gedacht, im Kulturhaus Emanuel sprechen unter anderem Angehörige der drei Männer. Der 1913 geborene Johann Nielsen stammte aus Hoyer (Højer) aus einer Fischerfamilie, die an der Herbergsgade lebte. Er wurde in seinem Heimatort begraben, der Grabstein ist auf dem Friedhof erhalten. Er schloss sich während der Besatzungszeit dem Widerstand an. Gleiches tat Hermann Svendsen. Er wurde 1906 geboren und arbeitete auf der Baustelle des Römer Damms. Alfred Philip Møller, Jahrgang 1904, starb 1965, nachdem es ihm nach der Haftentlassung jahrelang sehr schlecht gegangen war.

Erschossen am Tag der Befreiung

Nielsen und Svendsen sind in Scherrebek am 5. Mai 1945, dem Tag der Befreiung Dänemarks, von deutschen Wehrmachtssoldaten erschossen worden, obwohl diese entsprechend der am Vorabend bekanntgegebenen Kapitulation der deutschen Besatzungstruppen in Dänemark ihre Waffen hätten niederlegen müssen.

Nielsen und Svendsen hatten als Mitglieder der dänischen Widerstandsgruppe in Scherrebek Anweisung erhalten, die polizeiliche und militärische Kontrolle im Ort zu übernehmen. Die Offiziere der rund 1.000 in Scherrebek stationierten Wehrmachtssoldaten hatten ihre Untergebenen offenbar nicht über die Kapitulation unterrichtet, weshalb deutsche Wachposten Nielsen und Svendsen töteten.

Angesichts des in Dänemark landesweit am 5. Mai 1945 herrschenden Jubels über das Ende der Besetzung des Landes seit dem 9. April 1940 lösten die tödlichen Schüsse in Scherrebek große Bestürzung und tiefe Trauer aus.

Der Grabstein des gebürtigen Hoyeraners Johann Nielsen auf dem örtlichen Friedhof.

Alfred Møller betrieb in Scherrebek ein Buch- und Papierwarengeschäft. Er ist am 7. September 1943 in Scherrebek von deutschen Besatzungssoldaten festgenommen worden, weil er nach der Anweisung, in seinem Ladenfenster ein Plakat aufzuhängen, das über die Verhängung des Ausnahmezustandes in Dänemark informieren sollte, jenes nach Ansicht der Besatzer nicht sichtbar genug platziert hatte.

Schwein und Giraffe irritierten deutsche Besatzer

Außerdem habe er sich der Sabotage schuldig gemacht, weil er zusammen mit dem Plakat im Schaufenster Abbildungen eines Schweins und einer Giraffe aufgestellt hatte. Erklärungen, die Bilder seien als Blickfang ausgestellt, interessierten die Uniformierten nicht. Mit gezücktem Revolver führten die Soldaten Møller ins Büro der Wehrmachtzentrale in Scherrebek.

Er wurde nach Tondern (Tønder) gebracht, wo Møller zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Møller akzeptierte das Urteil nicht, was zu einer weiteren Verhandlung und einer Verschärfung des Urteils, nunmehr 9 Monate Haft, führte. Vorgeladene „Zeugen“ erklärten, Møller habe gesagt, das Schwein auf der Abbildung ähnele Hermann Göring. Das führte zur Verurteilung nach 134 und 134 a wegen Gefährdung des Ansehens der Wehrmacht und des Deutschen Reiches.

Møller wurde zunächst ins Zuchthaus Rendsburg, dann in Strafanstalten in Neumünster, Lübeck und Bochum überführt. Er musste schwerste Zwangsarbeiten unter schrecklichsten Bedingungen ausführen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Gegen Ende der Haftzeit wog Møller nur noch 35,5 Kilogramm. Er wurde am 4. Juli 1944 aus einem Zuchthaus in Hamburg in seinen Heimatort zurückgebracht. Er überlebte, blieb aber bis zu seinem Tod ein gebrochener Mann.

Die drei Stolpersteine sollen an die drei Opfer des Nazi-Regimes in Scherrebek erinnern. Der 1947 geborene deutsche Künstler Gunter Demnig hat die „Stolpersteine“ erfunden, seit 1996 halten sie in inzwischen 34 Ländern die Erinnerung an Opfer der Nazi-Tyrannei wach.

Die Vorgänge in Scherrebek, die zum Tode Nielsens und Svendsens und zur Inhaftierung Møllers führten, sind gegenüber der „Stiftung Spuren Gunter Demnig“, benannt nach dem Erfinder der Stolpersteine, dokumentiert worden. Dazu dienten Aufzeichnungen und Veröffentlichungen, die im Lokalhistorischen Archiv in Scherrebek vorliegen, sowie Presseberichte aus der Zeit der Geschehnisse.

Der Vorstand des Historischen Vereins Scherrebek und Umgebung will mit den Stolpersteinen an den Orten der NS-Verbrechen an die Untaten erinnern.

Anmerkung der Redaktion: Der frühere Journalist des „Nordschleswigers“, Volker Heesch aus Hoyer sorgte im vergangenen Jahr schon dafür, dass in seinem Wohnort der erste Stolperstein in Nordschleswig vor seinem Haus an der Herbergsgade gesetzt wurde. Mit der persönlichen Initiative wollte er an den Grenzgendarm Alois Hermann Peter Boye Spetzler Petersen erinnern. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs in Heesches Haus gelebt, wurde wie andere Berufskollegen inhaftiert und kam 1945 im Konzentrationslager in Braunschweig ums Leben.

Auch den Scherrebekern war Heesch bei der Beschaffung der Stolpersteine hilfreich zur Hand gegangen.

Brigitta Lassen