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Sønderjyske: Die beeindruckende Reise vom Abstiegsfavoriten zum Medaillenkandidaten

Viel Grund zur Freude gab es in der laufenden Saison für die Sønderjyske-Fußballer.

Sønderjyske muss keine Medaille gewinnen, kann aber. Ein Kommentar von Sportredakteur Jens Kragh Iversen.

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Dieses ist ein Kommentar aus der Redaktion des „Nordschleswigers“. Bei Kommentaren handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Sønderjyske wird zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte eine Superliga-Saison in der Tabelle vor dem dänischen Rekordmeister FC København beenden. So wie der krisengeschüttelte Titelverteidiger derzeit Fußball spielt, ist das vielleicht gar nicht mal so beeindruckend, aber der dritte Tabellenplatz nach der regulären Saison und Einzug in die Meisterschafts-Endrunde ist in hohem Maße beeindruckend.

Sønderjyske ist wieder die Hummel, die eigentlich gar nicht fliegen kann, aber dennoch zu einem Höhenflug ansetzt. Ein Höhenflug, der gar nicht möglich sein dürfte, wenn man auf die Voraussetzungen blickt.

Das zweitniedrigste Budget

Erinnerungen an die sensationelle Vizemeisterschaft 2016 werden wach. Auch damals wuchs ein Kollektiv über sich hinaus, doch die Abstände zwischen Arm und Reich sind in der Superliga größer geworden. Der FC København gibt zwischen 260 und 290 Millionen Kronen für seinen Spielerkader aus – Sønderjyske liegt bei 32 bis 37 Millionen Kronen und verfügt damit über das zweitniedrigste Budget der Superliga.

Die Superliga-Budgets

FC København: 260-290 Mio. Kr.

FC Midtjylland: 190-210 Mio. Kr.

Brøndby IF: 140-150 Mio. Kr.

AGF: 90-95 Mio. Kr.

FC Nordsjælland: 60-70 Mio. Kr.

OB: 50-60 Mio. Kr.

Randers FC: 45-50 Mio. Kr.

Viborg FF: 40-47 Mio. Kr.

Silkeborg IF: 38-44 Mio. Kr.

Vejle: 32-37 Mio. Kr.

Sønderjyske: 32-37 Mio. Kr.

FC Fredericia: 15-20 Mio. Kr.

Quelle: tipsbladet.dk

Das macht den sportlichen Erfolg nur noch beeindruckender.

Der Erfolg hat viele Väter, kein Weg führt aber an Thomas Nørgaard vorbei. Der Cheftrainer übernahm im Januar 2023 eine Sønderjyske-Mannschaft, die bei Saisonhalbzeit Tabellensechster der 1. Division war. Also die Nummer 18 in Dänemark – derzeit ist Sønderjyske die Nummer 3!

Thomas Nørgaard hat mit einem festen Konzept und sehr viel Kontinuität eine Mannschaft geformt, die in die Spitzengruppe der Superliga gestürmt ist. Und das ist keineswegs Zufall. Es verstummen immer mehr die Stimmen, dass der Gegner immer einen schlechten Tag hat, wenn Sønderjyske punktet.

Ein spielerisch starkes Kollektiv

Das Kollektiv war bei Sønderjyske schon immer stark. Dieses Sønderjyske-Kollektiv gehört am Ball zu den stärksten der Vereinsgeschichte. Es ist nicht mehr der kampfbetonte Defensiv- und Konterfußball der Vergangenheit, sondern eine Mannschaft, die auch Spiele an sich reißen und diktieren kann. So wie es zuletzt in Brøndby und gegen OB der Fall war, als Sønderjyske die reifere Spielanlage zeigte und die höhere individuelle Qualität des Gegners übertrumpfte.

Eine Mannschaft, die auch die Verkäufe von Kristall Mani Ingason und Mads Agger sowie Ausfälle von Leistungsträgern wie Tobias Sommer oder Andreas Oggesen kompensieren kann, ohne spürbaren Qualitätsverlust.

Sønderjyske wird von seriösen Stimmen in der dänischen Fußball-Landschaft immer mehr als echter Medaillenkandidat gehandelt, einige bezeichnen Sønderjyske hinter den Titelkandidaten AGF und FC Midtjylland sogar als Favorit auf Bronze. Bei Sønderjyske sieht man sich als Außenseiter und vermeidet am liebsten, das Wort „Medaille“ in den Mund zu nehmen.

Vermutlich aus Furcht davor, die Erwartungen zu hoch zu schrauben und am Ende zu enttäuschen. Von einer enttäuschenden Saison kann jedoch keine Rede sein – auch dann nicht, wenn Sønderjyske in der Meisterrunde durchgereicht wird und auf Platz vier, fünf oder sechs landen sollte.

Ein Erfolg – egal was passiert

Diese Saison ist ein großer Erfolg, egal, was noch passiert. Man darf nicht vergessen, dass der Verein vor exakt einem Jahr als Superliga-Aufsteiger auf einem Abstiegsplatz liegend in die Abstiegsrunde ging.

Sønderjyske muss keine Medaille gewinnen, kann es aber. Es gibt keinen Grund, sich hinter Brøndby, Viborg und dem FC Nordsjælland zu verstecken. Und die Hellblauen haben in der laufenden Saison nur Viborg nicht schlagen können – AGF, Brøndby, der FC Midtjylland, der FC Nordsjælland und auch der FC København wurden besiegt, Letzterer zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im „Parken“.

Die sportliche Entwicklung vom Abstiegs- zum Medaillenkandidaten verdient höchste Anerkennung, aber auch die Entwicklung des Klubs. Ein Klub, der nach zwei dunklen Jahren in amerikanischer Hand in Trümmern lag, aber von neuen Eigentümern behutsam wieder aufgebaut worden ist und seine Identität wiedergefunden hat. 

Sønderjyske muss finanziell zulegen

Der Klub wächst in wirtschaftlicher Hinsicht, aber noch zu langsam, um auf Dauer mit größeren Klubs mithalten zu können, wo weitaus höhere Summen investiert werden. Es wäre wünschenswert, wenn eine höhere Anzahl der großen Unternehmen des Landesteils erkennen würde, welchen Wert ein starkes Sønderjyske in der Sportart Nummer eins Dänemarks für den Landesteil hat.

Sønderjyske braucht ein stärkeres finanzielles Fundament, denn aus dem Höhenflug kann in der kommenden Saison ganz schnell wieder grauer Alltag im Tabellenkeller werden – dort, wo Sønderjyske gemessen am Budget eigentlich hingehört.

Ein Neuaufbau des Spielerkaders kündigt sich an. Nicht wenige Spieler werden im Sommer den sportlichen Erfolg nutzen und den nächsten Schritt in ihrer Karriere machen, und auch Thomas Nørgaard wird nur schwer zu halten sein.

Vielleicht könnte das dritte Europapokal-Abenteuer der Vereinsgeschichte die Dinge verändern. Sønderjyske ist zumindest ein ernstzunehmender Medaillenkandidat. Träume sind erlaubt – und auch berechtigt!