Nachkriegszeit

Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß – enttarnt auf einem Bauernhof bei Flensburg

Zehn Minuten Zeit, ihn zu verprügeln: Rudolf Höß nach seiner Verhaftung durch die Briten.

Am 11. März 1946 wird Auschwitz-Kommandant Höß in Gottrupel enttarnt. 80 Jahre später erinnert in dem Dorf unmittelbar an der dänischen Grenze nichts mehr daran. Der Bauernhof, auf dem Rudolf Höß arbeitete, ist umgebaut – ebenso die Scheune, in der der Massenmörder lebte.

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Zusammenfassung

  • Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß versteckte sich 1945-1946 fast ein Jahr lang unter falscher Identität in der Region Flensburg.
  • Höß arbeitete als scheinbarer Landarbeiter auf einem Bauernhof in Gottrupel, wo er unbehelligt lebte.
  • Im März 1946 wurde er von der britischen Feldsicherheitspolizei auf dem Hof verhaftet und später in Auschwitz hingerichtet.

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Der 5. Mai 1945 ist in Flensburg ein Tag, der in die Geschichte des untergehenden Nazi-Reiches eingeht. Auf der „Rattenlinie Nord“ haben sich zahllose NS-Verbrecher in die Grenzstadt durchgekämpft oder durchgemogelt. Immer befehlsgemäß dem „Reichsführer SS“ (RFSS) nach. 

Für 10 Uhr hat Heinrich Himmler seine Getreuen ins Polizeipräsidium Norderhofenden geladen. Das frühere Luxushotel ist Gestapo-Zentrale der Region. Es sollte das allerletzte Treffen der SS-Kommandanten werden, die finale Zusammenkunft der Täter. 

„Vermutlich waren nie vorher und nie danach in einem deutschen Polizeipräsidium mehr Massenmörder versammelt als an diesem Samstagmorgen in Flensburg“, schreibt Historiker Gerhard Paul.

„Rette sich, wer kann“

Doch was Himmler seinen Leuten rät, trifft auf Verwunderung: „Von Kämpfen war nicht mehr die Rede. Rette sich, wer kann, war die Parole des Tages.“ Der Mann, der dies in seinen „autobiographischen Aufzeichnungen“ notiert, ist der vermutlich schlimmste dieser Massenmörder, Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß. 

„Die letzte Meldung und Verabschiedung beim RFSS bleibt mir unvergesslich. Er strahlend und bester Laune – und dabei war die Welt untergegangen, unsere Welt“, schreibt er.

Der ehemalige Leiter des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wundert sich über den letzten Befehl seines Chefs: „Taucht unter in der Wehrmacht.“ 

Dafür ist der Ort genau richtig: Im Präsidium Norderhofenden gibt es neue Papiere. Und in Mürwik, in der Marineschule am anderen Fördeufer, warten die passenden Uniformen: „Das war der Abschied von dem Mann, zu dem ich so hoch hinaufsah“, schreibt Höß.

Höß taucht bei der Marine auf Sylt unter

Er taucht mit neuen Papieren in der Marine unter: „Ich selbst, als Bootsmaat Franz Lang, reiste mit Marschbefehl zur Marine-Nachrichten-Schule nach der Insel Sylt“, steht in seinen Aufzeichnungen. 

Da er sich im Marineleben „einigermaßen auskannte“, sei er nicht aufgefallen.

Nur kurz in Kriegsgefangenschaft

Die Kriegsgefangenschaft des mit falschem Namen getarnten Massenmörders ist kurz. „Als Berufslandwirt wurde ich vorzeitig entlassen, passierte anstandslos alle englischen Kontrollen und wurde durch das Arbeitsamt auf einen Bauernhof bei Flensburg als Arbeitskraft vermittelt“, schreibt er später. 

So kommt Höß noch im Mai 1945 nach Gottrupel.

Historiker Gerhard Paul hat sich auch mit der Geschichte von Gottrupel bei Flensburg 1945/46 beschäftigt, wo KZ-Kommandant Rudolf Höß nach Kriegsende untergetaucht war.

Wie überall in Schleswig-Holstein nahm auch das Dorf Gottrupel mit seinen wenigen Hundert Bewohnern am Westrand von Flensburg nach dem Krieg zahlreiche Flüchtlinge auf, die sich in der Landwirtschaft nützlich machen sollten. Viele lebten auf den Höfen in Scheunen oder Baracken.

Vermittelt durch das Flensburger Arbeitsamt

Franz Lang alias Rudolf Höß wird auf den Hof Peter Hansens vermittelt. In dessen Scheune soll er eine eigene Kammer gehabt haben: „Die Arbeit gefiel mir, ich war ganz selbstständig, da der Bauer noch in amerikanischer Gefangenschaft war“, schreibt Höß. 

Während der Hofinhaber in Texas gefangen ist, teilt der Organisator des Holocaust von Auschwitz-Birkenau im Sommer 1945 die anderen Flüchtlinge in Gottrupel zur Feldarbeit ein.

Rund ein Dreivierteljahr verbringt Höß im linken Scheunentrakt des Dreiseithofs am Meyner Mühlenstrom. 

Der Hof existiert bis heute, ist aber zu Wohnungen umgebaut, ein Dach mit Solarzellen bestückt. Auch aus der Scheune sind längst Wohnräume geworden. Auf das Versteck eines Massenmörders deutet hier nichts hin. Die dörfliche Idylle stört bei Ostwind heute nur der Lärm von der nahen Autobahn 7.

März 1946: Vorbei mit der Idylle

Am 11. März 1946 gegen 23 Uhr ist es für Höß mit der Idylle vorbei. Dass die britische Feldsicherheitspolizei ihn gesucht habe, sei ihm bekannt gewesen, schreibt er: „Da ich beim ersten Aufschrecken aus dem Schlaf noch annahm, es handle sich um einen der dort häufig vorkommenden Raubüberfälle, gelang die Verhaftung. Es wurde mir übel zugesetzt durch die Field-Security-Police.“

Hanns Alexander, jüdischer Emigrant aus Berlin, leitet damals das Fahndungsteam der britischen Armee, das in der Dunkelheit auf dem Hof vorfährt. Wie genau die Briten auf den Bauernhof gestoßen waren? 

Dazu hat Historiker Gerhard Paul folgende Erkenntnisse: „Richtig ist, dass man Höß’ Ehefrau in Dithmarschen überwachte und dabei ihren Kontakten zu ihrem Bruder, dem Flensburger Maler Gerhard Hensel, auf die Spur kam. Den hielt man dann fälschlicherweise für Höß und nahm ihn fest, bis sich der Irrtum herausstellte.“ 

Dann habe man Frau Höß in St. Michaelisdonn gezielt unter Druck gesetzt und ihr gedroht, ihren Sohn an die Russen auszuliefern.

Ein britischer Reporter berichtet von seinem Großonkel

Der britische Journalist Thomas Harding, ein Großneffe Alexanders, beschreibt in seiner Biografie „Hanns und Rudolf“ die Festnahme so: 

„Als Hanns durch den Schneesturm drängte, ging er auf das Scheunentor zu und klopfte heftig. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür, und da stand Rudolf im Schlafanzug. Hanns stieß dem Kommandanten sofort seine Pistole in den Mund und forderte seinen Sergeant auf, ihn auf Tabletten zu untersuchen. Nachdem er für sauber erklärt wurde, verlangte Hanns Einsicht in seine Ausweispapiere. Rudolf gab ihm die Dokumente für Franz Lang. Hanns aber wusste, dass es Rudolf war.“

Zehn Minuten Zeit, Höß zu verprügeln

Letztlich verrät der Ehering Höß. Innen sind die Initialen von ihm und seiner Frau eingraviert. Harding schreibt über seinen Großonkel: 

„Er sagte seinen Männern, sie hätten zehn Minuten Zeit, Höß zu verprügeln, aber nicht zu töten.“ 

Wenige Tage danach habe er den ehemaligen KZ-Kommandanten an die amerikanischen Staatsanwälte in Nürnberg abgeliefert. Später wird Höß polnischen Behörden übergeben und vor Gericht gestellt. Am 16. April 1947 wird er neben dem alten Krematorium von Auschwitz gehängt.