Geschichte

Nordschleswig 1923: Heirat unter 18-jähriger Bräute erlaubt

Veröffentlicht Geändert
Der Vorsitzende des nordschleswigschen Geschichtsvereins „Historisk Samfund for Sønderjylland“, Mikkel Leth Jespersen, unterstrich während der Präsentation der „Sønderjyske Årbøger 2024“ im Apenrader Folkehjem, dass die seit 100 Jahren vom Geschichtsverein herausgegebenen Jahrbücher ein zentrales Element der Tätigkeit der Organisation seien.

Jahrgang 2024 des historischen Jahrbuchs „Sønderjyske Årbøger“ problematisiert das in dänischer Ausländerpolitik heiße Eisen „Kinderbräute“ – einst und jetzt. Weitere Themen sind neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Schlosses in Lügumkloster, das dänisch-russische „Tauschgeschäft“ bei der Übernahme ganz Holsteins 1773 und Erinnerungen eines „Kindes der Befreiung“ nach 1945. Geschichtsvereinsvorsitzender Mikkel Leth Jespersen kündigt Modernisierung an.

Im Apenrader Folkehjem hat am Dienstag der nordschleswigsche Geschichtsvereins „Historisk Samfund for Sønderjylland“ die Ausgabe 2024 seiner Jahrbuchreihe „Sønderjyske Årbøger“ präsentiert.

Seit 100 Jahren Jahrbuch in Vereinsregie

Im Namen der Redaktion der seit 100 Jahren vom dänischen regionalen Geschichtsverein herausgegebenen Jahrbücher, begrüßte der Leiter des Museums in Pattburg (Padborg), Mads Mikkel Tørsleff, Pressevertreter, Autorinnen und Autoren sowie Vereinsmitglieder, die sogleich die druckfrischen Bücher in Augenschein nahmen.

Die Historikerin Merete Bo Thomsen stellte im Folkehjem ihren Beitrag „Sønderjyske Barnebrude“ 1923 bis 1932 vor.

Ein Foto aus der Kindheit eines der Autoren des diesjährigen Jahrbuchs, Carl Christian Jessen, ist auf der Titelseite von „Sønderjyske Årbøger 2024“ zu sehen. Der mit Spielzeugpistole ausgerüstete kleine Junge trägt ein Barret wie der britische General Montgomery, der im Nachkriegsdänemark als Befreier des Landes ein Idol war.

Inger Støjbergs Kampagne gegen „Kinderehen“ Anstoß für Artikel

Darin stellt sie anknüpfend an das „heiße Eisen“ der dänischen Flüchtlingspolitik, die angeblich häufigen Zwangsverheiratungen minderjähriger Frauen in islamisch geprägten Einwanderergruppen, eigene Forschungsergebnisse vor, dass in Nordschleswig wenige Jahre nach der Vereinigung mit Dänemark 1920 die zuständigen Behörden zahlreiche Ehen von unter 18-jährigen Frauen per Sondergenehmigung ermöglichten.

„1923 war in Dänemark ein neues Ehegesetz in Kraft getreten, das bei Eheschließungen Frauen ein Mindestalter von 18 Jahren, Männern von 21 Jahren vorschrieb“, so Merete Bo Thomsen. Sie erwähnte, dass Äußerungen der früheren Flüchtlings- und Integrationsministerin Inger Støjberg, die wegen ungesetzlicher Maßnahmen bei der Zwangstrennung von jungen Paaren in Asylbewerberunterkünften zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist, Anlass für ihre Forschungen zu nordschleswigschen „Kinderbräuten“ gewesen sei.

Die Historikerin Merete Bo Thomsen hat viele Dokumente ausgewertet, die belegen, dass in Nordschleswig auch nach Einführung strengerer Ehegesetze 1923 in Dänemark viele Ehen von einheimischen Frauen, die jünger als 18 waren, per Ausnahmeregelung erlaubt wurden.

Seit 2017 keine Sondergenehmigungen mehr

Die Sondergenehmigungen für Heirat von minderjährigen Frauen über 16 Jahre per „Kongebrev“, die es seit 1923 gab, waren in Dänemark bereits 2017 unter der konservativen Kinder- und Sozialministerin Mai Mercado abgeschafft worden, im Jahresschnitt hatte es seit 2005 davon jährlich sechs gegeben. Seit 1969 durften Männer ab 20 Jahren heiraten, seit 1976 Männer und Frauen „gleichberechtigt“ ab 18 Jahren. Merete Bo Thomsen hat jede Menge Statistiken, Kirchenbücher und andere Dokumente ausgewertet. So stellte sie fest, dass in Nordschleswig 1,1 Prozent der Bräute und 2,2 Prozent der Bräutigame in den ersten Jahren nach Inkrafttreten des neuen Ehegesetzes per Sondergenehmigung unter die Haube kamen. Das waren laut Statistik deutlich mehr als im übrigen Dänemark.

Viele zu junge Bräute waren schwanger

Die Historikerin stellte fest, dass in vielen Fällen die laut Gesetz noch nicht heiratsfähigen Heiratskandidatinnen schwanger waren. Die „zu jungen“ Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger seien aber offensichtlich nicht sexuell aktiver gewesen als Gleichaltrige im übrigen Land. Es sei aber im zuvor seit 1864 von deutscher Herrschaft geprägten Landesteil wichtiger gewesen, Kinder ehelich zur Welt zu bringen. Vor allem in größeren dänischen Städten waren in den 1920er-Jahren relativ mehr uneheliche Kinder geboren worden.

Merete Bo Thomsen hat auch herausgefunden, dass die Sondergenehmigungen für Heiraten nordschleswigscher „Kinderbräute“ nach 1923 vor allem gegeben wurden, wenn Kinder unterwegs waren. Abgelehnt wurden Anträge vor allem, wenn der potenzielle Bräutigam nicht über ausreichende Mittel verfügte, um die zu gründende Familie zu versorgen.

Mads Mikkel Tørsleff (l.) hatte im Namen der Redaktion der Jahresschrift die Präsentationsveranstaltung eröffnet. Auf dem Foto spricht er mit Lars N. Henningsen, einem der Autoren der neuesten Ausgabe der „Sønderjyske Årbøger".

Vor allem Ärmere beantragten Erlaubnis zur „Frühehe“

So zeichnet die Historikerin in ihrem Artikel auch ein aufschlussreiches Bild der früheren sozialen Verhältnisse in Nordschleswig, denn die Heiratsgenehmigungen per „Kongebrev“ beantragten vor allem Mitglieder ärmerer Familien. Für mögliche Zwangsverheiratungen, die in der jüngsten dänischen Ausländerpolitik so eifrig diskutiert wurden, interessierten sich die Behörden in Nordschleswig vor 100 Jahren nicht. In den Akten tauchten eher Hinweise auf, dass Eltern mit der Partnerwahl ihres Nachwuchses unzufrieden waren. Häufig unterstützten Eltern allerdings die Anträge auf „Kongebreve“ mit Versprechen, die Eheaspirantinnen und -aspiranten mit Wohnraum und Finanzmitteln zu unterstützen.

Themenschwerpunkt Frauen in Nordschleswigs Geschichte an

Während der Präsentation des neuen historischen Jahrbuches ergriff auch der seit Frühjahr amtierende Vorsitzende von „Historisk Samfund for Sønderjylland“, Mikkel Leth Jespersen, das Wort. Er kündigte eine Modernisierung bei „Sønderjyske Årbøger“ an. So würde es 2025 erstmals ein Jahrbuch zu einem Schwerpunktthema geben. Geplant sei ein Buch über Frauen in der Geschichte Nordschleswigs. „Bisher wurden laufend eingereichte Beiträge veröffentlicht. Künftig werden wir uns auch an Autorinnen und Autoren wenden, die sich mit aktuellen Geschichtsthemen befassen“, so Leth Jespersen. Er unterstrich, dass aber weiterhin alle Interessierten Möglichkeiten hätten, für das Jahrbuch zu schreiben. Alle Beiträge würden einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen.

Im Jahrbuch 2024 finden baugeschichtlich Interessierte einen Beitrag von Niels T. Sterum, der neue Forschungsergebnisse zur Geschichte und dem Alter des Schlosses Lügumkloster (Løgumkloster) liefert.

Nach der Reformation wurde das aufgelöste Zisterzienserkloster in Lügumkloster zum Herrensitz, Reste des Schlosses sind trotz umfangreicher Abrisse im 19. Jahrhundert bis heute erhalten.

Schloss jünger als früher angenommen

Das Gebäude ist laut den chronologischen Untersuchungen ab 1615 errichtet worden, als der 1541 von König Christian III. nach der Säkularisierung des Klosters im Zuge des Übergangs zum Protestantismus übernommene Gebäudekomplex zum Fürstensitz erhoben wurde. Bisher war ein früherer Baubeginn angenommen worden. Nach dem Tode des folgenden Besitzers, Herzog Hans d. Jüngere, waren ab 1581 Gottorfer Herzöge die Herren in Lügumkloster.

Dänisch-russisches Tauschgeschäft 1773

Während der Veranstaltung stellte Lars N. Henningsen seinen Beitrag im Jahrbuch über die das dänisch-russische „Tauschgeschäft“ im Jahre 1773 vor, mit dem das seit 1721 nur noch über Territorien im Herzogtum Holstein verfügende Herrscherhaus Schleswig-Holstein-Gottorf wie schon im Herzogtum Schleswig ihre Besitztümer an den dänischen König abtraten. Henningsen beschreibt sehr anschaulich und ausführlich, wie Dänemark sich nach jahrzehntelangen Verhandlungen mit Russland, wo der Gottorfer Herzog Karl Peter Ulrich als Neffe von Zarin Elisabeth zum Thronfolger aufgestiegen war, fast ganz Holstein einverleiben konnte.

Nach Tod Zar Peter III. klappte Transaktion

Das Wasmer-Palais in Glückstadt war Sitz der königlich-dänischen Regierungsbehörde im seit 1773 fast vollständig im dänischen Gesamtstaat aufgegangenen Herzogtum Holstein.

Allerdings klappte die Transaktion erst, nachdem der „Gottorfer“ Zar Peter III. 1762 vermutlich auf Betreiben seiner Gattin Katharina nach kurzer Regierungszeit ums Leben kam. Henningsen beschreibt die Gefahr, in der Dänemark sich befand, solange Peter III. regierte, der als Thronfolger seit Jahren das Ziel verfolgt hatte, die 1721 Gottorf verloren gegangenen Gebiete in Schleswig zurückzuerobern.

„Freikaufen“ konnte sich Dänemark erst 1773 nach einer Einigung mit Zarin Katharina, die im Namen ihres Sohnes Paul einwilligte, gegen die dänischen Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst auf die Gottorfer Gebiete in Holstein zu verzichten. Nur das kleine Fürstbischofstum Eutin blieb der Gottorfer „Familie“ in Holstein. Mit der Einverleibung ganz Holsteins in die gemeinsame Verwaltung der Herzogtümer begann eine wirtschaftliche Blüte zwischen Königsau und Elbe.

Der 1941 geborene Carl Christian Jessen, der sich einen Namen mit Werken über die nordschleswigsche Kirchengeschichte gemacht hat, stellte seinen Beitrag „Barn af befrielsen“ (Kind der Befreiung) in Apenrade vor.

Mogens Rostgaard Nissen stellte seinen Artikel über die Gefangenschaft dänischer Südschleswiger in sowjetischen Lagern nach dem Zweiten Weltkrieg vor.

Erinnerungen aus Nachkriegs-Nordschleswig

Darin beschreibt er seine eigene Kindheit, in der die Befreiung von der deutschen Besatzung im Jahr 1945 ein Hauptthema war und die englischen Befreier zu Idolen erhoben worden waren. Jessen sagte, dass seine Erforschungen der Kirchengeschichte in Nordschleswig nach 1864 ihm gezeigt haben, dass es in der Zeit vor 1920 während der deutschen Herrschaft nicht nur Schwarz und Weiß im deutsch-dänischen Leben im Landesteil gegeben habe. Unter Bischof Kaftan habe es Raum für deutsche und dänische Sprache im kirchlichen System in Nordschleswig gegeben.

Weitere Beiträge im Jahrbuch sind der Erzieherausbildung in Nordschleswig im heute zu UC Syd gehörenden „Pädagogenseminar“ in Apenrade (Verfasser: Hans Henrik Hjermitslev) gewidmet sowie dem Einsatz der dänischen Regierung zugunsten von „heimatlosen“ Nachkommen dänischer Staatsbürger in Deutschland während des Ersten Weltkriegs, die bis 1916 zum Kriegsdienst in der deutschen Armee eingezogen wurden, obwohl sie keine deutsche Staatsbürgerschaft besaßen.

Carl Christian Jessen ist in Aggerschau (Agerskov) aufgewachsen. Er hat sich einen Namen als Kirchenhistoriker gemacht. Zuletzt war er beruflich als Gemeindepastor in Skagen. Er kam während der Vorstellung der Sønderjyske Årbøger 2024 in Apenrade zu Wort.

Zahlreiche Buchrezensionen

Im Jahrbuch werden auch zahlreiche Bücher rezensiert, unter anderem Hauke Grellas „100 Geschichten aus dem Deutschen Museum Nordschleswig“, sowie Aktivitäten in den nordschleswigschen Museen, Forschungsstellen und in „Historisk Samfund for Sønderjylland“ erläutert.

Das 287 Seiten starke Jahrbuch erhalten alle Mitglieder des Geschichtsvereins. Es ist auch im Buchhandel, Museumsshops und direkt bei Historisk Samfund for Sønderjylland erhältlich.