EU-Bericht

Dänemark am unteren Ende der EU-Naturschutzskala

Dänemark am unteren Ende der EU-Naturschutzskala

Dänemark am unteren Ende der EU-Naturschutzskala

Kopenhagen/Nordschleswig
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Der Nørreskov am Alsstien ist zwar kein Naturnationalpark, bietet im Frühjahr aber wilde Blumenwiesen. Foto: Nils Baum

Der EU-Bericht zum Zustand der dänischen Natur zeichnet ein deprimierendes Bild, so der dänische Naturschutzbund. Das Königreich ist europaweit eines der Schlusslichter. Wissenschaftler erklärt, weshalb sich Dänemark in einer Sonderstellung befindet. Es gebe weder streng geschützte Naturgebiete noch eine Gesetzgebung auf diesem Gebiet.

Der neue EU-Bericht zum Zustand der Natur zeigt, dass die Bestrebungen der EU, den Rückgang der Natur zu verlangsamen, eindeutig fehlgeschlagen sind.

„Das Ziel mit den Naturschutzrichtlinien der EU war ja, eine weitere Ausbreitung der Natur zu ermöglichen. Jetzt haben wir die Richtlinie seit 28 Jahren, die Natur überwachen wir seit fast 20 Jahren. Und wir konnten noch keinen Fortschritt erkennen. Im Gegenteil, die Artenvielfalt nimmt weiter ab“, sagt Seniorforscher Rasmus Ejrnæs von der Universität Aarhus.

Er hat den dänischen Beitrag ausgearbeitet zum EU-Bericht über den Zustand der Natur. Alle sieben Jahre untersucht die EU, inwieweit die Mitgliedsländer die EU-Naturschutzrichtlinien einhalten. Dazu werden mithilfe von mehr als 220.000 Personen EU-weit Daten aus den Mitgliedsländern gesammelt und somit zur größten Übersicht über den Zustand der Natur in Europa zusammengetragen.

Rückzug der Natur nicht gestoppt

Der Bericht offenbart laut des dänischen Naturschutzverbandes, dass trotz der Verpflichtung der Mitgliedsstaaten, den Rückzug der Natur zu verlangsamen, weiterhin zahlreiche Parameter in die entgegengesetzte Richtung zeigen.

So sei seit dem letzten Bericht die Anzahl der Vogelarten, deren Vorkommen sich in einem schlechten Zustand befindet, weiter gestiegen. 81 Prozent der Naturarten befänden sich in einem moderaten oder stark ungünstigen Zustand. Dies entspricht einem weiteren Rückgang im Vergleich zur letzten Periode. Die Mitgliedsstaaten hätten es somit verpasst, die bisherige Strategie der EU zum Erhalt der Artenvielfalt umzusetzen.

Dänemark eines der Schlusslichter

Beim Vergleich der Mitgliedsstaaten untereinander schneidet Dänemark auf fast allen Feldern besonders schlecht ab. Und dafür gibt es Ejrnæs zufolge klare Gründe:

„Dänemark ist ein Land, das intensiv von der Landwirtschaft genutzt wird. Wir haben keine Berge, Steilhänge oder zusammenhängenden Feuchtgebiete. Der einzige wirkliche naturaktive Bereich, den wir in Dänemark haben, ist die lange, aber schmale Küste“, so der Forscher.

„Wenn sich die dänische Natur in einem so schlechten Zustand befindet, liegt das daran, dass wir keine Grundlage dafür geschaffen haben, dass es die erforderlichen Lebensräume für die stärker bedrohten Tier- und Pflanzenarten gibt. Für eine Artenvielfalt haben wir in Dänemark keine Grundlage – weil wir darauf pochen, jeden Quadratmeter dieses Landes für menschliche Zwecke und zur Produktion auszunutzen. Das Resultat entspricht darum unserer Verhaltensweise.“

Forstwirtschaft, Fleischproduktion, Küstensicherung

Dennoch ist Dänemark nach Meinung von Rasmus Ejrnæs nicht das einzige Land in der Welt, das Probleme damit hat, genügend Platz für die Natur zur Verfügung zu stellen. Auch in anderen Ländern gibt es Probleme mit Forstwirtschaft, intensiver Fleischproduktion oder Küstensicherung, die jeweils in die geschützten Gebiete vordringen.

„Aber Dänemark befindet sich in einer Sonderstellung, da wir schlichtweg keine streng geschützten Naturgebiete haben – ja, wir haben de facto überhaupt keine Gesetzgebung auf diesem Gebiet. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Dänemark in Punkto Naturschutzgebiete noch schlechter dasteht als unsere Nachbarländer Deutschland und Schweden.“

Naturschützer: Politiker müssen die Ärmel hochkrempeln

Der Präsidentin von Dänemarks Naturschutzverband, Maria Reumert Gjerding, zufolge unterstreicht der Bericht, dass eine politische Mehrheit anfangen muss, ihre Wahlversprechen für mehr wilde Natur in die Praxis umzusetzen.

„Der Bericht zeigt ja ganz deutlich, dass die Umweltkrise immer weiter zunimmt, und dass Dänemark beim Naturschutz in besonders starker Weise hinterherhinkt. Da fällt es einem schwer, kein schlechtes Gewissen zu haben, dass so ein reiches Land wie Dänemark im europäischen Maßstab am unteren Ende der Skala liegt, wenn es um Naturschutz geht“, sagt sie.

Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die Natur von mehreren Seiten angegriffen wird. Die Skala reicht von Verschmutzung bis zur intensiven Forst- und Landwirtschaft. Die wichtigste Lösung der Umweltkrise besteht nach Ansicht von Maria Reumert Gjerding jedoch darin, einen größeren Bereich für wilde Natur zu reservieren.

Mehr Platz für wilde Natur

„Wenn wir nicht mit ganzem Herzen mehr Platz für wilde Natur reservieren, werden wir die Umweltkrise niemals gelöst kriegen. Und der erste wichtige Schritt muss sein, dass die Regierung und die drei Unterstützerparteien ihre Wahlkampfversprechen für mehr unberührten Wald und 15 wilde Naturnationalparks einhalten“, sagt sie.

Die Regierung ist in den zurzeit stattfindenden Verhandlungen zum Haushaltsgesetz heftig dafür kritisiert worden, die Verhandlungen für ein Natur- und Biodiversitätspaket auf 2021 zu verschieben, das zudem zu wenig Gelder für den Naturschutz vorsieht. Aus diesem Grunde fordern die drei Unterstützerparteien und Venstre, dass die Verhandlungen für die im Wahlkampf versprochenen 75.000 Hektar unberührten Wald und 15 wilde Nationalparks jetzt beginnen und der in Aussicht gestellte Betrag erhöht wird.

Venstre unterstützt weitere Maßnahmen

Erling Bonnesen, landwirtschaftspolitischer Sprecher von Venstre, unterstützt weitere Schritte hin zu mehr Natur.

„In Dänemark haben wir in den letzten Jahren richtig viel unternommen, um die Artenvielfalt zu stärken. Allerdings dauert es immer einige Jahre, bis diese Initiativen auch ihre sichtbare Wirkung entfalten“, sagt Bonnesen gegenüber dem „Nordschleswiger“.

So hätte seine Partei während ihrer letzten Regierungsperiode dafür gesorgt, dass mehr Wald angepflanzt wurde; außerdem hätten die Landwirte auf freiwilliger Basis einen Beitrag dazu geleistet, dass mehr Blumenstreifen entlang der Felder angelegt wurden. Für die Zukunft sei es allerdings klar, dass noch mehr Wald in Dänemark gebraucht werde und auch weitere Initiativen zur Stärkung der Natur.

Zur Frage weiterer Naturnationalparks sagt Bonnesen: „Es ist nicht so wichtig, wie genau man sie nennt; entscheidend sind die Maßnahmen, die man trifft, um sie zu stärken. Während der Regierungsperiode der Venstre-Regierung haben wir fünf Nationalparks in Dänemark angelegt. Ich finde es gut, dass die jetzige Regierung diese Linie fortsetzt. Die Details werden wir am Verhandlungstisch vereinbaren, aber es steht außer Frage, dass wir weitere Initiativen benötigen“, zeigt sich Bonnesen überzeugt.

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