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„Vergessenes Verbrechen: Der Holodomor war ein Genozid“

Vergessenes Verbrechen: Der Holodomor war ein Genozid

Vergessenes Verbrechen: Der Holodomor war ein Genozid

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Kiew
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Holodomor bedeutet „Tod durch Hunger“ und meint die große Hungersnot, die den ukrainischen Teil der Sowjetunion in den 1930er-Jahren heimsuchte. Die Hungersnot wurde durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft unter Josef Stalin ausgelöst.

In der vergangenen Woche hat der Deutsche Bundestag in Berlin den Holodomor, das sowjetische Terror-Regime von 1932 bis 1933, offiziell als Völkermord gebrandmarkt. Deutschland folgt damit insgesamt 16 Ländern, darunter die Vereinigten Staaten, Australien, Kanada, Polen und der Vatikan, die dieses Menschheitsverbrechen als Völkermord einstufen.

Der Holodomor – wörtlich „Tod durch Hunger“ – ist das direkte Ergebnis von Stalins Strategie, den ukrainischen Widerstand gegen die Kreml-Herrschaft zu brechen, indem Hunger gnadenlos als Waffe eingesetzt wurde.

Russland leugnet die Absicht

Das russische politische Establishment unter Wladimir Putin bestreitet heute diese Ansicht heftig. Es schwankt zwischen der völligen Leugnung, dass die Hungersnot das Ergebnis einer bewussten sowjetischen Strategie war, und dem Beharren darauf, dass Stalins Absicht darin bestand, die Bauernschaft (Kulaken) als Klasse zu terrorisieren. Es sei nie der Plan gewesen, die Ukraine als Nation auszulöschen, und damit habe es sich bei den Millionen Toten nicht um einen Völkermord/Genozid, sondern „nur“ um ein „gängiges“ Verbrechen gehandelt. Juristische Finessen im Angesicht des blanken Terrors.

Der Hunger lässt die Beine anschwellen und die Haut aufreißen. Leichen liegen auf den Straßen. Einigen fehlt das Fleisch. Mütter verlieren den Verstand, wenn sie ihre Kinder sterben sehen.

Aus Berichten von Zeitzeugen

Wer die Berichte von den wenigen unabhängigen Medienleuten und Beobachtern liest, die das Massensterben von damals ohne Propaganda-Scheuklappen nach eigenem Ansehen beschrieben haben, kann solche juristischen Details nur irrelevant finden und bleibt entsetzt zurück: „Die Menschen klammern sich mit all ihrer schwindenden Kraft an das Leben. Sie essen Gras, Lederstiefel, Baumrinde. Sie mahlen Hirsespelzen mit Unkraut, nur um einen Tag länger zu überleben. Die Nahrung ist kaum kaubar, und der menschliche Körper kann sie nicht verdauen, sodass die Menschen ständig Bauchschmerzen haben. Der Hunger lässt die Beine anschwellen und die Haut aufreißen. Leichen liegen auf den Straßen. Einigen fehlt das Fleisch. Mütter verlieren den Verstand, wenn sie ihre Kinder sterben sehen“, heißt es in den Berichten von Zeitzeugen.

Vergessener Schrecken des 20. Jahrhunderts

Die Ukraine, jahrhundertelang die wohlgenährte Kornkammer Europas, wurde vor 90 Jahren in eine Hölle verwandelt. Jahrzehntelang blieb der Holodomor, dem schätzungsweise sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen, einer der weitgehend vergessenen Schrecken des 20. Jahrhunderts.

In der Nachkriegszeit versuchten die ukrainischen Immigrantinnen und Immigranten, die Erinnerung an den Holodomor wachzuhalten. Ihre Bemühungen fanden die Unterstützung von Raphael Lemkin, dem in Polen geborenen jüdischen Anwalt und Wissenschaftler der Universität Yale, der den Begriff des Völkermords (Genozid) prägte und während der Nürnberger Prozesse als Berater der US-Ankläger fungierte.

Im September 1953 sprach Lemkin auf einer ukrainisch-amerikanischen Kundgebung in New York über den Holodomor als „sowjetischen Genozid in der Ukraine“. Einige sowjetische Dissidenten, vor allem Wassili Grossman in seinem essayistischen Roman „Alles fließt“ (1970), schrieben ebenfalls schonungslos über das Hungerverbrechen.

Verbrechen an der Menschheit

Im Jahr 2006 erklärte das ukrainische Parlament den Holodomor zum Genozid an der ukrainischen Bevölkerung. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zogen nun nach.

Der massenhafte Hungertod sei keine Folge von Missernten, sondern von der politischen Führung der Sowjetunion unter Josef Stalin verantwortet worden, heißt es in dem Antrag. Der Holodomor stelle ein „Menschheitsverbrechen“ dar, aus heutiger Perspektive liege „eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe“, schreiben die Abgeordneten.

Wir lassen uns nicht knechten, damals nicht und heute auch nicht.

Wolodymyr Zelenskij, Präsident der Ukraine

Hunger und Isolation

Bereits im Winter 1931/1932 seien Hunderttausende auf dem Land und in den Dörfern an Unterernährung gestorben. Trotzdem seien gewaltsame Zwangsrequirierungen von Ernten fortgesetzt worden. „Hunger wurde zusätzlich als Strafe eingesetzt und bei Nichterfüllung der festgesetzten Abgabemengen ein Vielfaches an Getreide und anderen Lebensmitteln verlangt und konfisziert. Die betroffenen Regionen wurden abgeriegelt, um die Flucht der Hungernden in die Städte und den Transport von Lebensmitteln in die Regionen zu verhindern.“ Allein im Winter 1932/1933 seien dadurch in der Ukraine drei bis dreieinhalb Millionen Menschen verhungert, schreiben die Abgeordneten.

Sie erinnern daran, dass auch in weiteren Gebieten der Sowjetunion Millionen Menschen durch politisch herbeigeführte Hungerkatastrophen ums Leben kamen, darunter in Kasachstan und entlang der russischen Flüsse Wolga und Don.

Die Ukraine hat am Sonnabend der Opfer des Holodomor am 90. Jahrestag gedacht: „Einst wollten sie uns mit Hunger vernichten, jetzt mit Dunkelheit und Kälte“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij in den sozialen Medien. Er bezog sich dabei auf die anhaltenden russischen Angriffe auf die ukrainische zivile Infrastruktur, durch die Tausende von Städten ohne Strom geblieben sind. „Doch wir lassen uns nicht knechten, damals nicht und heute auch nicht.“

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

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