Leitartikel

Wir können ja nicht die ganze Welt retten

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Karsten Sörensen

Auch Dänen haben nicht mehr Recht auf ein Stückchen Erde als andere. Wir können damit beginnen mehr Solidarität zu zeigen und anders über Flüchtlinge und Asylanten zu denken und zu reden, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Die Zeitung Politiken machte vor kurzem eine komplette Seite frei für einen Kommentar von Steen Hildebrandt. Der anerkannte dänische Professor ist inzwischen 73 geworden, gibt aber immer noch viele Vorträge über Management, Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist immer inspirierend, Hildebrandt zuzuhören. Seit einigen Jahren setzt er sich für die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der UN ein.

Steen Hildebrandt – in Fohl bei Gramm geboren – möchte aber nicht nur eine bessere Welt. Er möchte auch ein besseres Dänemark, denn unser Land entwickelt sich gerade zu „einer Nation egozentrischer, selbstgefälliger und verwöhnter Bürger“.Hildebrandt verfolgt die politische Debatte mit Sorge: Immer mehr Politiker aus immer mehr Parteien des politischen Spektrums reden davon, „auf die Dänen aufzupassen“. Warum, fragte ihn kürzlich ein ausländischer Botschafter: „Ist Dänemark ein geteiltes Land? Gibt es hier Bürgerkrieg? Gehört Dänemark nicht zu den reichsten Nationen der Welt? Ist Dänemark nicht ein Land mit großer Stabilität und gegenseitigem Vertrauen? Ein Land praktisch ohne Korruption? Ein Land, in dem sogar die Königin und der Staatsminister sich auf der Straße frei bewegen können? Warum soll man auf die Dänen aufpassen – was bedeutet das?“ Der Botschafter wunderte sich und Hildebrandt mit ihm.

Dänemark hat eine Rhetorik, ein Handeln und Gesetze entwickelt, die sich gegen jeden Fremden wenden, meint der Professor: „Wir schauen mit tiefer Skepsis und Misstrauen auf alle, die sich unserer Grenze nähern und betrachten diese als Feinde, potenzielle Terroristen, Kriminelle und Schmarotzer. Es ist als ob die Dänen ein bedrohtes Volk sind und das Land bald auseinander fällt. Ein Land in dem Strukturen und Kulturen bedroht sind. Aber das stimmt doch gar nicht“, sagt Steen Hildebrandt.

„Hauptsache, wir haben unseres auf dem Trockenen“, hört er immer wieder. Dabei ist das nichts anderes als „America First“. Die Standardantwort an Leute wie Hildebrandt lautet: „Wir können nicht alle aufnehmen“ oder „Wir können nicht die ganze Welt retten“. Stimmt, sagt der Professor, aber wir können alle in unsere Pläne für die Welt mit einbeziehen, denn wir sind alle gleich. Auch Dänen haben nicht mehr Recht auf ein Stückchen Erde als andere. Wir können damit beginnen mehr Solidarität zu zeigen und anders über Flüchtlinge und Asylanten zu denken und zu reden.

Und Dänemark könnte seinen Anteil an Quotenflüchtlinge aufnehmen. 500. Aber nicht einmal die Ärmsten der Armen können wir uns „leisten“ – denn wir können ja nicht die ganze Welt retten. Vielleicht können wir aber einem älteren Professor kurz zuhören.

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