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Niels Wernichs langer Weg zum praktizierenden Arzt in Sonderburg

Niels Wernichs langer Weg zum praktizierenden Arzt in Sonderburg

Niels Wernichs Weg zum praktizierenden Arzt

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Nordschleswig
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Verleihungsurkunde / Dr. Nils Wernich Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Die abgebildeten Gegenstände hängen mit den Jahren des Ersten Weltkriegs und der Volksabstimmungszeit zusammen

Bei den gezeigten Gegenständen handelt es sich um die Uniform und Weste von Niels Wernich. Dieser war von 1947 bis 1951 erster Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger. Aber die Nachkriegsjahre und die Aufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg sollen hier eine untergeordnete Rolle spielen.

Niels Wernich wurde 1892 in Oxbüll auf Alsen geboren. Nach dem Schulbesuch studierte er ab 1912 in Tübingen Medizin. Dieses setzte er in Leipzig und Heidelberg fort. Unterbrochen wurde das Studium vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der freiwilligen Meldung zum Kriegsdienst am 1. September 1914. Dies im Füsilier-Regiment „Königin“ (schleswig-holsteinisches) Nr. 86 in Flensburg.

Ende November 1914 nahm er an ersten Kämpfen bei Bikshote in Westflandern/Belgien teil. Am 10. Dezember 1914 wurde er von einem Granatsplitter am linken Unterarm verwundet, was fast zwei Monate im Feldlazarett nach sich zog. Das Pech, oder vielleicht auch Glück, verfolgte ihn weiter. Am 9. Mai 1915 wurden ihm beide Ellenbogen durchschossen, was zu längeren Lazarett-Aufenthalten in Duisburg und Sonderburg führte. Anschließend wurde er in eine Genesungskompanie nach Bremen versetzt.
Danach konnte er als Sanitätsgefreiter sein Studium in Rostock fortsetzen. Am 15. August 1916 wurde er zum Feldunterarzt ernannt und arbeitete in verschiedenen Orten.

Am März 1917 ging es für Niels Wernich wieder an die Front. Unter anderem nach Verdun. Nach dem Waffenstillstand wurde er am 22. Januar 1919 aus dem Militär entlassen.

Die Verwundung am linken Unterarm vom Jahr 1914 bedurfte weiterer Nachbehandlung. Gleichzeitig nahm er in Kiel seine unterbrochenen Studien wieder auf. Am 18. März 1920 bestand er sein Staatsexamen, und am 26. Mai desselben Jahres wurde ihm die Verleihungsurkunde verliehen.

Damit hätte für Niels Wernich ein normales berufliches Leben mit einer eigenen Praxis beginnen können. Die Daten des Staatsexamens und der Verleihungsurkunde sprechen aber dafür, dass es eben keine normalen Zeiten gewesen sind. Niels Wernichs Heimat war mit der Volksabstimmung 1920 ein Teil von Dänemark geworden. Es war wohl angedacht, dass alle medizinischen Staatsexamen, die vor dem 1. Januar 1923 in Deutschland abgelegt wurden, in Dänemark anerkannt werden sollten. Dementsprechend ließ sich Niels Wernich am 1. September 1921 als Arzt in Sonderburg nieder und beantragte gleichzeitig die offizielle Anerkennung seiner Ausbildung. In einem Schreiben der Sonderburger Stadt vom 10. April 1922 wurde ihm aber mitgeteilt, dass diese nicht anerkannt wurde und er den Betrieb seiner Praxis einstellen müsse. Dies ohne Angabe von Gründen oder einer Mitteilung, wie er die Anerkennung bekommen könnte.

Mitte August 1922 erhielt Niels Wernich dann die Meldung, dass er an der Kopenhagener Universität eine Art Anerkennungsprüfung machen könnte. Der genaue Umfang der Prüfung konnte ihm nicht mitgeteilt werden. Auf sein Nachfragen hin empfahl ihm „Det Lægevidensabelige fakultet“, einige Monate nach Kopenhagen zu kommen und dort verschiedene Kurse zu besuchen, um sich so auf die Prüfung vorzubereiten.

Zwischenzeitlich wurde das Thema der Anerkennung von medizinischen Staatsexamen in Dänemark aber auch politisch aufgenommen. Johannes Schmidt-Wodder, wenn der Autor richtig vermutet, der Onkel von Niels Wernich, nahm sich der Sache an. Dies zeigt sich z. B. in einem Brief vom 8. September 1922 an den deutschen Gesandten in Dänemark, Frederic Rosenberg.

In diesem Brief schreibt er, dass er es als Willkür ansehe, wer als Arzt anerkannt werde oder nicht. Dazu führt er einige Ärzte auf, die ohne Probleme in Nordschleswig/Dänemark arbeiten konnten. Des Weiteren beschreibt er auch die Situation eines weiteren Arztes, der auch nicht anerkannt wurde, weil er wie Niels Wernich auch einige „Kriegssemester“ in seinem Lebenslauf hatte. Als Begründung zu den Schwierigkeiten bei der Anerkennung vermutet Schmidt-Wodder, „dass ganz einfach die Landeskinder deutscher Gesinnung hier herausgeekelt werden sollen“
Ob dies wirklich der Hintergrund der fehlenden Anerkennung war oder ob es andere Gründe gab, ist schwer nachzuvollziehen. An der fehlenden dänischen Staatsbürgerschaft lag es nicht. Niels Wernich hatte 1921 für die dänische Staatsbürgerschaft optiert und erhielt diese am 23. Februar 1922.

Bevor Niels Wernich aber seine Arbeit als Arzt wieder aufnehmen konnte, verging noch einige Zeit. Am 25. Juli 1923 wurde ihm vom dänischen Justizministerium bestätigt, dass er die „Anerkennungsprüfung“ bestanden hatte und als Arzt in Nordschleswig/Dänemark arbeiten durfte.
Information zur Bekleidung: Nach Überlieferung soll die abgebildete braune Lederweste ursprünglich einem Franzosen gehört haben. Dieser war während des Ersten Weltkriegs schwer verwundet worden und wurde von Niels Wernich behandelt. Aus Dankbarkeit für die Behandlung und Rettung bekam Niels Wernich die Weste geschenkt.

Foto: Deutsches Museum Sonderburg
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