Kommentar

Kultur im Kopf: Vom Geschenk des Auswendiglernens und Behalten

Lyrik im Frühling

Lyrik auswendig lernen – warum eigentlich nicht? Anna-Lena Holm schreibt eine Hommage an das Einprägen von Gedichten.

Veröffentlicht

Kommentar

Dieses ist ein Kommentar aus der Redaktion des „Nordschleswigers“. Bei Kommentaren handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …“ Ja, ich weiß, wie das Gedicht weitergeht. Aber es ist witzlos – an dieser Stelle kann ich nichts unter Beweis stellen. Und das ist auch nicht der Punkt, um den es mir geht.

Außerdem bin ich überzeugt, dass viele diesen Text selbst innerlich weiterführen – und vielleicht für heute oder die kommenden Tage einen Ohrwurm von diesem Mörike-Gedicht haben.

So geht es mir jedenfalls jedes Frühjahr aufs Neue. Im Herbst wiederholt sich das mit dem Gedicht von dem guten Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland und seinem Birnbaum.

Besuche ich meine 95-jährige Großmutter, leert sich keine Kaffeetasse, ohne dass sie ein Gedicht aufsagt. Manchmal sind es Klassiker, gerne auch Lyrik mit Humor, Worte von Kästner oder dem Vater von Max und Moritz, Wilhelm Busch. Sie liebt das Büchlein „Kritik des Herzens“.

Ich bin jedes Mal begeistert. Vieles davon hat sie sich über die Jahre angeeignet und behalten – aber vor allem nimmt sie immer noch neue Schätze in ihr Repertoire auf, um sie hier und da – immer ganz unvermittelt – zum Besten zu geben.

Meine Großmutter hat als Kind viel Zeit im Bunker verbracht, Ängste überstanden. Lernte man damals Gedichte, um Beruhigung, Zerstreuung oder Aufmunterung in diesen Worten zu finden? Ich weiß es nicht, aber ich werde sie bei nächster Gelegenheit fragen. Ein Geschenk, dass ich das noch kann.

Ich habe die Gedichte, die auch heute noch einen unkündbaren Vertrag mit meinen Synapsen zu haben scheinen, als Kind im Deutschunterricht auswendig lernen müssen. Ich erinnere mich, wie ich die Zeilen geübt habe – viel mehr aus Pflicht als aus Freude.

Heute bin ich dankbar dafür. Dankbar für das Stück Kultur, das ich in mir trage und das mich jedes Jahr aufs Neue überrascht, wenn die Zeilen plötzlich an ihrem eingebetteten Platz in meinem Gedächtnis auf sich aufmerksam machen.

Ich möchte mir ein Beispiel an meiner Großmutter nehmen und jedes Jahr ein Gedicht lernen, wenn auch nur einen Vierzeiler. Ich lasse mich von mir selbst überraschen, ob ich es schaffe, die Zeilen dann auch ins nächste Jahr hinüberzuretten. Und wenn ich jemanden inspirieren kann, es ebenfalls zu probieren, freue ich mich.