Medien

Von der Lizenz zum Leitmedium: 80 Jahre Zeitung

Vor 80 Jahren erschienen in Deutschland die ersten Zeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht die Presse in Deutschland neu. Erste Zeitungen gibt es teilweise für 40 Pfennig. Wie prägt dieser Aufbruch Zeitungen bis heute?

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Zusammenfassung

  • Der Artikel beschreibt den Neuanfang der deutschen Presse nach 1945 durch alliierte Lizenzzeitungen wie „Die Zeit“ und „Die Welt“.
  • Er erläutert die unterschiedlichen Entwicklungen von Pressefreiheit im Westen und parteigebundener Presse in der DDR sowie neue journalistische Standards.
  • Außerdem wird gezeigt, wie sich Zeitungen bis heute im digitalen Wandel behaupten müssen und warum Vertrauen und Orientierung in der Informationsflut zentral bleiben.

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Für mehrere der bekanntesten deutschen Zeitungen beginnt die Geschichte im Jahr 1946. Unter britischer Lizenz erscheinen neue Blätter wie die «Zeit» oder die «Welt». Papier ist knapp, die Ausgaben sind dünn – und doch gelten diese Jahre als Beginn des Neuaufbaus der Presse in Deutschland.

Acht Jahrzehnte später hat sich die Arbeitsweise grundlegend verändert: Nachrichten werden in Echtzeit verbreitet, Redaktionen arbeiten digital und crossmedial. Gleichzeitig sehen sich viele Häuser mit Herausforderungen wie Reichweite, wirtschaftlicher Stabilität und ihrer Rolle in einer digitalen Öffentlichkeit konfrontiert. Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung liegt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Neubeginn nach 1945

Nach 1945 beginnt der Wiederaufbau der Medien mit einem radikalen Einschnitt. Laut Bundeszentrale für politische Bildung sind Zeitungen und Rundfunk zunächst verboten, öffentliche Kommunikation ist stark eingeschränkt. Erst schrittweise entsteht unter Kontrolle der Alliierten wieder eine neue Presselandschaft.

Der Leiter der Forschungsgruppe Mediengeschichte am Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Ulrich Wagner, spricht davon, dass der entscheidende Schritt gewesen sei, zu einer Lizenzpolitik überzugehen. «Die Westalliierten geben ausgewählten Personen die Erlaubnis, eine Zeitung zu verlegen. Und diese Lizenzträger durften dann Zeitungen verantworten, allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Militärregierung im Zweifel eingreifen konnte.»

Unterschiedliche Wege in Ost und West

In der sowjetischen Besatzungszone entwickelt sich laut Bundeszentrale dagegen ein stärker zentral gesteuertes, parteigebundenes Pressemodell. Anders als im Westen entsteht hier ein Mediensystem, in dem Zeitungen eng an Parteien gebunden sind und vor allem politische Vorgaben transportieren. Dieses Modell prägt die Presse in der späteren DDR über Jahrzehnte hinweg.

Die neuen Zeitungen im Westen entstehen in einer Phase des Aufbruchs. Medienwissenschaftler Wagner sagt: «Diese junge Generation legt einen enormen Elan an den Tag und versteht sehr schnell, dass diese freie Presse eine Chance ist. Die begreifen, dass Journalismus nach dem Krieg nicht nur ein Beruf ist, sondern Teil eines demokratischen Neubeginns.»

Neue Regeln für Journalismus

Zugleich werden journalistische Standards neu definiert. «Man hat den Journalisten damals vermittelt, wie guter Journalismus funktionieren soll – etwa Nachrichten und Kommentar zu trennen und objektiv zu berichten», sagt Wagner. «Dieses angloamerikanische Modell – Nachrichten und Kommentar zu trennen und objektiv zu berichten – wurde bewusst eingeübt.»

Mit dem Ende der Lizenzpolitik verändert sich der Markt grundlegend. «Der Markt explodiert zunächst, wird dann aber wirtschaftlich bereinigt – es entsteht eine starke Pressekonzentration mit großen Verlagsgruppen», sagt Wagner.

Zu den frühen Gründungen zählen sowohl überregionale als auch regionale Titel, die es bis heute gibt: Die «Welt» erscheint ab April 1946 in Hamburg als Tageszeitung der Lizenzpresse, die «Braunschweiger Zeitung» bereits im Januar 1946 als regionale Lizenzzeitung. 1946 wird auch das «Neue Deutschland» gegründet und entwickelt sich in der DDR zum Zentralorgan der SED und nach 1990 zu einer linken Tageszeitung im pluralistischen Mediensystem.

Die Wochenzeitung «Zeit» erschien erstmals am 21. Februar 1946 in Hamburg – acht Seiten für 40 Pfennig. Acht Jahrzehnte später erreicht sie nach eigenen Angaben mit mehr als 600.000 verkauften Exemplaren eine Rekordauflage. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo betont, gerade in Zeiten globaler Unsicherheiten und Desinformation sei das Vertrauen der Leserinnen und Leser Verpflichtung und Ansporn zugleich.

Zum Jubiläum sind zudem mehrere Veranstaltungen geplant: Bei einem Festakt in Hamburg stehen unter anderem eine öffentliche Redaktionskonferenz, ein Reportagen-Slam und Gespräche mit prominenten Gästen auf dem Programm, darunter EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Zeitungen im Wandel

Auch bei der «Welt» wird der Wandel betont. Chefredakteur Helge Fuhst schrieb zum 80-jährigen Bestehen, man lebe in einer Zeit der Informationsflut, in einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie und in einer Öffentlichkeit, die sich immer weiter aufsplittere. In einer Zeit, in der so vieles beliebig geworden sei, wachse der Wert von Verlässlichkeit.

Dass sich der Zeitungsmarkt auch heute noch verändert, zeigt ein aktuelles Beispiel: Der Berliner Verleger Holger Friedrich hat in diesem Jahr die «Ostdeutsche Allgemeine Zeitung» (OAZ) an den Markt gebracht. Die Zeitung erscheint freitags in Print und an den übrigen Tagen digital. Herausgegeben wird sie vom neu gegründeten Ostdeutschen Verlag. Friedrich will damit ostdeutsche Perspektiven stärker in den gesamtdeutschen Diskurs einbringen.

Solche Zeitungsgründungen sind jedoch äußerst selten. Der Markteintritt gilt als schwierig und ist mit hohen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Zugleich ist der Markt seit Jahren von Konzentrationsprozessen geprägt, bei denen große Medienhäuser kleinere Titel übernehmen. «Krisen gab es im Zeitungsmarkt eigentlich immer», sagt Wagner. «Der Markt war zu allen Zeiten hart umkämpft – die aktuelle Krise ist also nicht die erste, sondern Teil einer längeren Entwicklung.»

Orientierung in der Informationsflut

Die Digitalisierung verändert die Bedingungen jedoch grundlegend. «Heute kann ich Informationen jederzeit im Internet abrufen, sie erreichen mich sogar personalisiert», sagt Wagner. «Aber die entscheidende Frage ist: Wer gibt mir Orientierung – wer ordnet diese Informationen so ein, dass ich sie verstehe? Dafür braucht es weiterhin Journalismus, der Zusammenhänge erklärt und einordnet.»

Dabei wird Vertrauen zu einer zentralen Ressource. «Menschen orientieren sich an bekannten Marken, weil sie dort einschätzen können, wofür sie stehen und wie verlässlich sie sind», sagt Wagner. «Im Internet fehlt diese Einordnung oft, wenn die Herkunft von Informationen unklar ist.»

Übrigens: „Der Nordschleswiger“, die Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark, erschien erstmals am 2. Februar 1946 – als erste deutschsprachige Zeitung im Ausland. Sie erschien am 2. Februar 2021 zum letzten Mal als Tageszeitung. Seitdem erscheint „Der Nordschleswiger" alle 14 Tage, während das tagesaktuelle Geschehen auf nordschleswiger.dk kostenlos zu lesen ist.