Flensburg

Kriegsverbrechen am Alsensund: Stolpersteine für elf Marinesoldaten

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Gustav Ritz
Gustav Ritz ist einer der in Nordschleswig ermordeten Marinesoldaten. Er und zehn seiner Kameraden bekommen in Flensburg jetzt einen Stolperstein.

Elf junge Marinesoldaten verweigern in Sonderburg nach der Teilkapitulation der Wehrmacht in Dänemark den Einsatzbefehl. Am Abend des 5. Mai 1945 werden sie wegen Wehrkraftzersetzung erschossen und in den Alsensund geworfen. Am 12. Mai sollen Stolpersteine in Flensburg verlegt werden, um an die Kriegsdienstverweigerer zu erinnern.

Es ist der 5. Mai 1945, ein Tag vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Nazi-Deutschland und ein Tag nach der Kapitulation in Nordwesteuropa. An diesem Sonnabend meutern 20 Soldaten der Kriegsmarine im dänischen Teil der Flensburger Förde am Alsensund.

Der junge Matrose Gustav Ritz und weitere Matrosen auf dem Minensuchboot M612 hatten zuvor in Sonderburg (Sønderborg) von der Kapitulation erfahren und wollen nach Hause. Als ganz Dänemark und auch die Bevölkerung in Sonderburg die Kapitulation der Wehrmacht feiern, verweigert er zusammen mit seiner Mannschaft in Sonderburg die Weiterfahrt nach Kurland (Lettland), die ihr Kommandant, Oberleutnant zur See Dietrich Kropp, ihnen befiehlt. Der eigentliche „Durchhaltebefehl“ kam von Kapitänleutnant Reinhart Ostertag, der später von der Bundeswehr zum Flottillenadmiral befördert und von 1968 bis 1971 Kommandant der Marineschule Mürwik war.

Noch am selben Abend werden Ritz und zehn weitere Matrosen wegen „militärischen Aufruhrs“ und Wehrkraftzersetzung vor ein Standgericht gestellt, zum Tode verurteilt, erschossen und in den Alsensund geworfen. Ein kaum bekanntes Kriegsverbrechen, welches der Definition nach unter die sogenannten „Endphaseverbrechen“ fällt.

Stolpersteine für Kriegsdienstverweigerer

Um an das Schicksal der ermordeten Kriegsdienstverweigerer zu erinnern, werden am 12. Mai ab 16 Uhr vor der heutigen Marinesportschule in der Fördestraße in Flensburg Stolpersteine mit den Namen auf dem Gehweg verlegt:

  • Wilhelm Bretzke, Matrose, geb. am 20. Oktober 1922 in Dortmund
  • Heinrich Glasmacher, Maschinenmaat, geb. am 21. Februar 1924 in Neuss
  • Reinhold Kolenda, Bootsmaat, geb. am 20. November 1924 in Beuthen
  • Gustav Kölle, Matrosenobergefreiter, geb. am 14. Juli 1923 in Dreilingen
  • Helmut Nuckelt, Feuerwerkshauptgefreiter, geb. am 19. April 1921 in Essen
  • Rolf Peters, Matrosenobergefreiter, geb. am 6. Februar 1924 in Rostock
  • Gerhard Prenzler, Matrosenobergefreiter, geb. am 1. April 1924 in Groß-Kölzig/Forst
  • Gustav Ritz, Matrosenobergefreiter, geb. am 5. August 1922 in Milaszew (Polen)
  • Anton Roth, Matrosenobergefreiter, geb. am 22. Oktober 1924 in Forchheim
  • Bruno Rust, Maschinenmaat, geb. am 1. März 1923 in Berlin
  • Heinz Wilkowski, Matrosenobergefreiter, geb. am 25. Oktober 1923 in Calbe (Saale)

Es ist das erste Mal, dass in Flensburg auch Stolpersteine für ermordete Kriegsdienstverweigerer verlegt werden, heißt es in einer Pressemitteilung der Organisatorinnen und Organisatoren. Der Ort für die Verlegung ist nicht zufällig gewählt. Die Marinesportschule war der damalige kurzzeitige Amtssitz der Reichsregierung von Karl Dönitz.

Christoph Schmidt, Leiter des Nordfriisk Instituut in Bredstedt (Bredsted/Bräist) hat einen Beitrag zugesagt.

„Die Ehrung der Kriegsdienstverweigerer findet statt in einer Zeit, wo erneut Kriegstüchtigkeit propagiert wird. Die Entscheidung der jungen Soldaten vor achtzig Jahren, sich nicht mehr für die Fortsetzung des Krieges gegen Russland missbrauchen zu lassen, ist anerkennenswert“, schreiben die Initiatoren Siglinde und Ralf Cüppers von der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigten KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) in der Begründung.

Finanzielle Unterstützung bekommt die Vereinigung von der Ute-Karl-Friedrich-und-Carsten-Hagemann-Stiftung. Die Stiftung wurde 1996 aus dem Nachlass des Husumer Geschäftsmanns Karl-Friedrich Hagemann errichtet, dem die friedliche Entwicklung im dänisch-deutsch-friesischen Grenzland ein besonderes Anliegen war.

Das Technische Betriebszentrum (TBZ) der Stadt Flensburg leistet die Verlegung, die bereits am 5. Mai, dem 80. Jahrestag der Ermordung, begonnen hat. Dabei wird ein Stück Gehweg der Fördestraße vollständig erneuert.

In Sonderburg erinnert seit 2020 ein Gedenkstein an der Hafenfront an das Schicksal der elf Soldaten.

Stolpersteine sind ein Kunstdenkmal von Gunter Demnig

Das Projekt der nur 10 x 10 Zentimeter großen Steine soll an die Vertreibung und Ermordung von Jüdinnen und Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas, der Deserteure und Kriegsdienstverweigerer und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus erinnern.