Gedenkveranstaltung

Sie wollten keinen Krieg mehr – und wurden am Alsensund hingerichtet

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Die Einheit von Gustav Ritz, einem der Marinesoldaten, die in Sonderburg hingerichtet wurden

Während die dänische Bevölkerung in Sonderburg am 5. Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands feierte, ließ Kapitän Hugo Pahl auf seinem Schiff auf dem Alsensund elf deutsche Matrosen hinrichten. Ein Verbrechen, das nie gesühnt wurde.

Nach Jahren im Kriegsdienst will Gustav Ritz einfach nur nach Hause. Als die Kapitulation der deutschen Truppen bekannt wird, sieht er mit den anderen Matrosen auf dem Minensuchboot M 612 in Sonderburg die Möglichkeit. Der junge Soldat aus Polen war mit 18 Jahren gegen seinen Willen für die Kriegsmarine rekrutiert worden. Als ganz Dänemark und auch die Bevölkerung in Sonderburg die Kapitulation der Wehrmacht feierte, verweigerte er zusammen mit seiner Mannschaft in Sonderburg die Weiterfahrt.

Für Gustav und zehn Matrosen endet der Wunsch nach einem Ende des Krieges tödlich: Sie werden am 5. Mai wegen „militärischen Aufruhrs“ in einem Standgericht zum Tode verurteilt, erschossen und in den Alsensund geworfen.

So jährt sich nach 80 Jahren ein kaum bekanntes Kriegsverbrechen, das in Sonderburg mit einer Gedenkstunde in den Fokus rückt (siehe Infokasten).

Gustav Ritz wurde 1922 in Milaschew in Polen geboren. 1940 erhielt er nach dem deutschen Überfall auf Polen als sogenannter Rückkehrer die deutsche Staatsangehörigkeit.

Bereits am Abend des 4. Mai 1945 erfahren die Matrosen von der Teilkapitulation, die für Dänemark, die Niederlande, Belgien und Nordwestdeutschland gilt. Dennoch befiehlt ihr Kommandant, Oberleutnant zur See Dietrich Kropp, am nächsten Morgen die Weiterfahrt Richtung Kurland. Vermutlich, um deutsche Soldaten und Flüchtlinge zu evakuieren. Die Mannschaft widersetzt sich, setzt die Offiziere fest und beschließt, nach Kiel zurückzukehren. Gustav will zurück in sein Heimatland Polen, wo er der deutschen Minderheit angehört.

Standgericht in Sonderburg

Doch der Versuch, dem Krieg zu entkommen, scheitert. Deutsche Schnellboote versperren im Alsensund bei Sonderburg die Weiterfahrt. Ein Offizierskommando entert das Schiff, 20 Matrosen werden als „Rädelsführer“ festgenommen. Auch Gustav Ritz. Noch am selben Abend findet ein Standgericht auf dem M 612 statt: Elf Matrosen werden zum Tode verurteilt, vier weitere zu Zuchthausstrafen, fünf freigesprochen.

Keine Strafverfolgung für die Verantwortlichen

Die erste Seite des Standgerichtsurteils gegen die angeblichen Meuterer

Kapitän zur See Hugo Pahl, der im Sonderburger Schloss amtiert, bestätigt die Todesurteile – obwohl nach der Kapitulation solche Urteile nur mit Genehmigung der britischen Besatzung hätten vollstreckt werden dürfen.

Zwischen 23.25 Uhr und 1 Uhr werden die elf Matrosen auf dem Bug des Schiffes erschossen und ihre Leichen, mit Torpedoteilen beschwert, im Alsensund versenkt. Im Sommer und Herbst 1945 werden sieben der Toten an der Küste angeschwemmt und auf dem Sonderburger Ostfriedhof an der Christianskirche beigesetzt.

Jürgen Karwelat von der Geschichtswerkstatt Berlin hat den Fall zusammen mit der mittlerweile verstorbenen Museumsinspektorin Inger Adriansen recherchiert und herausgefunden: Die Verantwortlichen mussten sich für diese Hinrichtungen nie strafrechtlich verantworten.

In einem Parallel-Prozess wegen der Erschießungen in der Geltinger Bucht spielten die Ereignisse in Sonderburg nur beiläufig eine Rolle. Gegen den Gerichtsherrn des Standgerichtsverfahrens und Führer der Minenschiffe, Hugo Pahl, wurde zwar 1950 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, aber eingestellt, nachdem der Dönitz-Adjutant Walter Lüdde eidesstattlich erklärt hatte, er halte es für absolut sicher, dass Pahl nichts von der bedingungslosen Kapitulation gewusst habe.

Jürgen Karwelat sagt: „Sollten etwa die Matrosen besser informiert gewesen sein als der Kommandierende der Flotte? Pahl hatte seinen Befehlssitz im Schloss am Rande der Stadt. Am Abend des 5. Mai feierte die Bevölkerung das Kriegsende. Überall wehte der dänische Dannebrog. Die Widerstandsbewegung nahm Verhaftungen vor: Dies soll Pahl nicht bemerkt haben?“

Überall wehte der dänische Dannebrog. Die Widerstandsbewegung nahm Verhaftungen vor: Dies soll Pahl nicht bemerkt haben?

Jürgen Karwelat

Pahl lebte unbehelligt als Fabrikant und Eigentümer der Heßler-Kalkwerke in Wiesloch in Baden-Württemberg. Rudolf Petersen, der Kommandant der Schnellboote, der später teilweise als die treibende Kraft für das Standgericht bezeichnet wurde, wurde nach 1945 Chef der nautischen Sektion im Hydrographischen Institut in Hamburg und wohnte Ende der 1960er-Jahre in Flensburg. Dietrich Kropp, der Kommandant von M 612, wurde nach dem Krieg Postoberinspektor in Bremen. Mittlerweile sind alle drei tot.

Gedenkstein erinnert an das Schicksal der Soldaten

Jahrzehntelang blieb das Schicksal der jungen Männer unbeachtet. Erst vor fünf Jahren entstand auf Initiative von Jürgen Karwelat ein Gedenkstein an der Hafenfront von Sonderburg. Er erinnert an die elf Matrosen, deren Leben in den letzten Stunden des Krieges sinnlos ausgelöscht wurde – und mahnt, das Unrecht nicht zu vergessen.

Jürgen Karwelat arbeitete für die Gedenkstein-Initiative mit Inge Adriansen, dem Politiker Frode Sørensen und dem ehemaligen Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Siegfried Matlok, zusammen.

Gedenkveranstaltung für Marinesoldaten des Minensuchschiffs M 612

Am 5. Mai findet am Gedenkstein neben dem Multikulturhaus in Sonderburg eine Gedenkveranstaltung zum Kriegsende und zum Gedenken an die elf Marinesoldaten des Minensuchschiffes M 612 statt. Beginn ist um 14 Uhr.

Das Programm umfasst eine Einführung durch Jürgen Karwelat, eine Ansprache von Stephan Kleinschmidt, dem 1. Vizebürgermeister der Sonderburger Kommune, sowie einen Beitrag von Nina Jebsen über die deutsche Minderheit und das Kriegsende.

Im Anschluss erfolgt eine Kranzniederlegung und ein gemeinsamer Abschluss in der Deutschen Bücherei Sonderburg/Multikulturhaus.