Sexuelle Belästigung

„Ich habe mich aus der Minderheit zurückgezogen“

„Ich habe mich aus der Minderheit zurückgezogen“

„Ich habe mich aus der Minderheit zurückgezogen“

Nordschleswig
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Ein Mann war der Frau auf die Damentoilette gefolgt. (Symbolfoto) Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

Eine Frau berichtet, sie sei von einem Mann in der Minderheit belästigt worden. Dies hat dazu beigetragen, dass sie sich weniger in der Minderheit engagiert.

Eigentlich hatte sie die Ereignisse, die drei bis fünf Jahre zurückliegen, verdrängt. Doch die aktuelle Debatte über Sexismus innerhalb der Minderheit hat die Erinnerungen wieder an die Oberfläche gespült.

„Es wurde bei der sexuellen Belästigung eine Grenze überschritten. Wenn man diese Grenzverletzung nicht mit sich rumtragen möchte, dann ist es natürlich zu versuchen, sie zu vergessen“, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte.

Sie hat den Fall damals nicht weitergetragen.

„Es gibt viele gute Gründe, warum man als Frau nichts sagt“, erläutert sie. Auf diese Gründe werden wir zurückkommen.

Eskalation

Ein Mann, der älter ist als sie, hatte ihr gegenüber Annäherungsversuche gemacht. In Zusammenhang mit Sitzungen versuchte er wiederholt, Verabredungen zum Abendessen zu treffen. Sie lehnte jedes Mal ab.

„Mit der Zeit wurde er immer aufdringlicher“, berichtet sie.

Und eines Tages spitzte sich die Situation zu, als er versuchte, sich nach einer Veranstaltung zu ihr nach Hause zum Kaffee einzuladen.

„Ich wehrte ihn ab. Etwas später ging ich zur Toilette. Als ich aus meiner Kabine kam, erschrak ich, weil er plötzlich im Vorraum der Damentoilette stand und auf mich wartete.“

Der Mann wollte sich angeblich von ihr verabschieden. Er versuchte, ihr einen Kuss auf den Mund zu drücken, doch es gelang ihr so eben, den Kopf zur Seite zu drehen.

„Ich war empört und sehr erschrocken, denn er hat ausgenutzt, dass ich der Situation nicht entkommen konnte. Daher war ich wie gelähmt. Bei den verbalen Annäherungen konnte ich ihn ja noch abwehren“, erinnert sie sich.

Verdrängung

Der Übergriff hat Spuren hinterlassen, vielleicht auch tiefere, als der Frau bewusst war.

„Zunächst war ich nach dieser Grenzüberschreitung verstört. Doch dann habe ich den Deckel daraufgetan, denn man muss ja, wie gesagt, weiterleben. Nachdem die Erinnerung durch die aktuelle Debatte in den Vordergrund getreten ist, spüre ich doch, dass es mich belastet hat.“

Bei zukünftigen Veranstaltungen sorgte sie dafür, dass zwischen ihr und dem Mann immer ein gebührender Abstand herrschte; sie mied den Augenkontakt mit ihm. Einerseits musst sie sich selbst schützen, andererseits wollte sie ihm signalisieren, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war.

Mir fiel keine Person in der Minderheit ein, bei der ich das Gefühl hatte, ich könnte ihr ausreichend vertrauen.

Anonyme Frau

Allmählich zog sie sich aus der aktiven Arbeit in der Minderheit zum Teil zurück.

„Die Belästigung war nicht der einzige Grund, aber sie hat eindeutig dazu beigetragen, dass ich mich nicht wohlfühlte.“

Vertrauen fehlte

Sie hat zum damaligen Zeitpunkt nicht erwogen, den Vorfall weiterzuverfolgen.

„Als Frau ist man erst mal nach sexueller Belästigung geneigt, sich selbst zu hinterfragen. War ich irgendwie aufreizend gekleidet? Habe ich die falschen Signale gesendet? Dies ist selbstverständlich nicht gerechtfertigt, aber es geht einem durch den Kopf.“

Hinzu kommt die Erfahrung, dass an Frauen, die von sexueller Belästigung berichten, genau solche Schuldzuweisungen herangetragen werden. Das Motiv der Frau, die an die Öffentlichkeit tritt, wird häufig hinterfragt. Auch wird die Belästigung gerne verharmlost.

„Mir fiel keine Person in der Minderheit ein, bei der ich das Gefühl hatte, ich könnte ihr ausreichend vertrauen.“

Verharmlosung

Bei einer Gelegenheit hat sie Andeutungen über den Mann fallen lassen. Die Reaktion war für sie wenig ermunternd. Ach ja, er habe halt Frauen gerne, hieß es sinngemäß.

„Da habe ich dann selbstverständlich nicht weiter ausgepackt. Es zeigte mir, dass noch eine sehr männerdominierte Sicht der Dinge existierte.“

Durch Reaktionen von Bekannten auf die Diskussion über die sexuelle Belästigung der Politikerin Lotte Rod fühlt sie sich in ihrer pessimistischen Einschätzung bestätigt.

„Ich würde mir wünschen, dass die Minderheit eine zentrale Instanz einrichtet, an die man sich wenden kann, sollte man einer Belästigung oder Verunglimpfung ausgesetzt werden. Es darf gerne eine Frau und ein Mann sein. Wichtig ist, dass man das Vertrauen haben, dass man den Personen berichten kann, ohne an den Pranger gestellt zu werden und ohne dass die Motive in Zweifel gezogen werden“, lautet ihr Vorschlag für einen Schritt, um eventuelle Belästigungen und herabwürdigende Kommentare zu bekämpfen.

Der Name der Frau ist der Redaktion bekannt.

Wer selbst Erfahrungen mit dem Thema Sexismus in der Minderheit gemacht hat und (anonym) davon berichten möchte, kann sich an Kerrin Jens (kj@nordschleswiger.dk) oder Walter Turnowsky (wt@nordschleswiger.dk) wenden.

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